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Gerhard Helbig: Zur Bedeutung der Wörter.

Ein illustriertes Lexikon für gebildete Bürger. Ill.: Hans-Eberhard Ernst.
Leipzig: Faber & Faber, 2004.
253 S.; geb.; m. Abb.; Euro 24,-.
ISBN 3-936618-39-9.

Der Zeitpunkt ist genau richtig: Während die Rechtschreibreform - zumindest in den neuen Varianten - Herkunftskontexte und Begriffsgenealogien weiter verunklart, legt der deutsche Sprachwissenschaftler Gerhard Helbig ein illustriertes Lexikon "Zur Bedeutung der Wörter" mit etwa 1000 alphabetisch geordneten Einträgen vor. "Das illustrierte Lexikon für gebildete Bürger", so der Untertitel, soll dem sprachambitionierten Laienleser eine Auswahl von Wörtern präsentieren, "deren Herkunft - und deren ursprüngliche Bedeutung - für den heutigen Sprecher - verdunkelt" ist. Entstanden ist so eine eher wilde Mischung aus etymologischen Erklärungen deutscher Begriffe und längst "naturalisierter" Lehnwörter ebenso wie Herleitungen von Fremdwörtern und "geflügelten" Begriffen, die sich, von Eigennamen abgeleitet, in den allgemeinen Sprachschatz eingeschlichen haben.

Dieses Gemenge hat durchaus etwas Anregendes, und Entdeckungen gibt es dabei allerorten zu machen. Dass die Marmelade aus dem Portugiesischen kommt und dort ein Quittenmus bezeichnet, ist jüngst wieder in Erinnerung gerufen worden. Aber wer weiß schon spontan, dass sich die Allee von frz. aller (gehen) herschreibt, die Antenne ursprünglich eine Segelstange war, der Kellner eigentlich der Verwalter des Weinbergs und der Einkünfte, Gas ein Kunstwort des belgischen Chemikers van Hellmont ist, die Peripherie eigentlich nur den Kreisumfang bezeichnet, der Nachbar althochdeutsch einen nahen Bauern bezeichnet, und der Trenchcoat eigentlich Schützengrabenmantel heißt nach der Bekleidung der britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Besonderen Unterhaltungswert haben natürlich die Ableitungen von Eigennamen: die Litfasssäule heißt so nach der ersten 1855 aufgestellten Plakatsäule des Druckers E. Litfaß, das Nikotin erinnert an den französischen Gesandten Jean Nicot, die Praline an den Marschall du Plessis-Praslin, der Kalauer kommt aus Kalau, von wo der Redakteur Dohm seine seichten Witze an eine Berliner Zeitschrift zu schicken pflegte, die Knickerbocker wurde nach einer literarischen Figur W. Irvings benannt und der Dobermann nach dem Züchter gleichen Namens. Das Bockbier heißt so nach der niedersächsischen Stadt Einbeck, was die Bayern natürlich nicht auf sich sitzen lassen konnten; aus Beck ward Bock und dem ganzen wurde volksetymologische Verfahren nutzend der homophone Ziegenbock werbewirksam beigegeben.

Diese Interpretation steht allerdings nicht bei Helbig, denn an Erklärungen für Bedeutungsverschiebungen aller Art wagt sich der Autor kaum heran. Hier wäre eine interdisziplinäre Kooperation mit Kulturwissenschaftlern sicher produktiv gewesen. Denn Worte und Begriffe transportieren und speichern nicht nur Sprach- sondern auch Mentalitäts- und Kulturgeschichte, sie sind eine Art Epochenspiegel, wenn man in ihrer historischen Entwicklung zu lesen versteht. Dass Gully englisch Schlund / Kanal heißt, ist eine nützliche Information. Doch erst die Frage, was aus diesem "Sprachbild" für ein Verhalten folgt(e), macht daraus eine spannende Geschichte: Der Schlund saugt / schluckt alles automatisch weg, da braucht man sich um Abwässer nicht weiter zu kümmern. Gerade bei Bedeutungsverschiebungen, sei's zum Positiven oder Negativen hin, wären sozialhistorische Fragestellungen besonders naheliegend. Weshalb wird das Bordell um 1500 aus dem Französischen entlehnt, zunächst in der Bedeutung von Bretterhütte, um allmählich das bis dahin gebräuchliche "Frauenhaus" zu verdrängen, das im 20. Jahrhundert dann mit ganz neuen Konnotationen, also von seiner sprachlichen Vorgeschichte weitgehend unbelastet, wieder auftaucht? Weshalb wird aus dem Dilettanten als Kunstliebhaber plötzlich ein Stümper oder aus dem Kiosk als Gartenpavillon ein Verkaufsstand?

Bedauerlich ist nicht nur die eher enge sprachwissenschaftliche Ausrichtung, die auf kulturhistorische Vertiefung völlig verzichtet, bedauerlich ist auch die totale Absenz der jüngsten Sprachentwicklungen - nur das Handy kommt vor -, vor allem im Zusammenhang mit den Neuen Medien. Als Zeitgenossen einer technologischen Revolution müsste ein Sprachwissenschaftler eigentlich die Entwicklung der sprachlichen Bewältigung der neuen Technologien besonders genau verzeichnen. Attilio Brilli hat jüngst am Beispiel des Autos vorgeführt, wie ergiebig eine solche Spurensicherung sein kann. Beim Flugzeug etwa wurde lange um ein deutsches Äquivalent für Aeroplan gerungen; der erste Vorschlag war "Fliegzeug" in Analogie zum nominal abgeleiteten Fahrzeug.

Bei anderen Wörtern kann schon der bloße Verweis auf ihre ursprüngliche Bedeutung heilsam sein, etwa dass Lärm ursprünglich ident war mit Alarm oder Arbeit althochdeutsch ganz eindeutig Plage, schwere Mühsal bedeutet, dass Karriere eine Rennbahn ist, Limousine den Mantel der Fuhrleute in der französischen Limousin bezeichnet und man unter Mannequin - bis ins 19. Jahrhundert die Gliederpuppe der Schneider verstand. Wen am Wort Pornographie immer schon das "graphie" irritiert hat, kann hier erfahren, dass das Wort nach einem Buchtitel von 1769 eigentlich "Schreiben über Dirnen" bedeutet. Über das zeitliche Ablaufdatum von moralischen Bedenklichkeiten im Sinne der political correctness gibt das Wort radebrechen Auskunft: Eine Sprache nur mühsam sprechen, also quälen, kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bezeichnet da den Foltertod der auf das Rad geflochtenen Opfer, denen die Knochen gebrochen wurden. Dass Sardine hingegen wirklich von Sardinien kommt, wo in der Antike besondere Häufungen dieser kleinen Heringsfische aufgetreten sein sollen, erinnert ein bißchen zu stark an Volksetymologie.

Was mit Helbigs Kompilation vollständig versöhnt, sind die sorgfältige Ausstattung, die der Verlag Faber & Faber dem Band angedeihen ließ, und die durchgängigen Illustrationen von Hans-Eberhard Ernst. Sie bringen jene Leichtigkeit und auch Ambiquität und Witz ein, die man bei den Worterklärungen zum Teil etwas vermisst. Es sind diese Bildbeigaben, die oft ins Zentrum der "Problemzonen" vorstoßen, die in den Wörtern und ihren Bedeutungsverschiebungen abgelagert sind.

Evelyne Polt-Heinzl
21. September 2004

Originalbeitrag

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