logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Joachim Hoell: Thomas Bernhard.

München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2000.
(dtv-portrait).
160 S., brosch.; öS. 120.-.
ISBN 3-423-31041-3.

In "Untergeher" lesen wir, dass mit einundfünfzig Jahren der allgemeine existentielle Untergang manifest wird; das wird an Hand des Beispiels der einundfünfzigjährigen Protagonisten Glenn Gould und Wertheimer festgestellt und der damals einundfünfzigjährige Thomas Bernhard hat es geschafft, diese Konstatierung auf der einundfünfzigsten Seite des Buches zu platzieren. Das ist eines der zahlreichen Beispiele für die geheimen zahlenmystischen Regeln, mit denen der aufmerksame Bernhard-Leser häufig konfrontiert wird. Es scheint, dass diese Regeln ihren Urheber überlebt haben und mittlerweile auch die Sekundärliteratur erfassen: die erste Einführung in Leben und Werk Bernhards, Hans Höllers Rowohlt-Monographie, umfasst 160 Seiten und hat damit offensichtlich einen Standard gesetzt - auch das jetzt publizierte "Konkurrenzprodukt", Joachim Hoells dtv-Portrait Bernhards bringt es exakt auf diesen Umfang.

Höllers Arbeit beginnt mit dem "Testament" und dessen Auslöser, dem Skandal um "Heldenplatz". Obwohl auch Hoell über die "angeheizte" politische Atmosphäre nach der Wahl Kurt Waldheims berichtet, den er bedauerlicherweise zu einem "SS-Offizier, der für Erschießungskommandos auf dem Balkan verantwortlich war" ernennt, hat sich in den seit Höllers 1993 publizierter Monographie verstrichenen Jahren die Optik auf die Bernhardsche Biographie geändert. Die Rezeption beginnt ganz offensichtlich Bernhard von seinem negativen österreichischen Hintergrund zu lösen, diese "Deregionalisierung" kann - vorsichtig formuliert - dem "Weiterleben" Bernhards als internationaler Autor nur nützen. Für Hoell steht der Aspekt der "Selbstbehauptung" in der Prosa und den Theaterstücken zentral, Österreich mit allen seinen Widrigkeiten ist ihm nur mehr ein Anwendungsfall einer allgemeinen Problematik. Neues Material ist aufgetaucht, die letzten Tage Bernhards sind genau dokumentiert und Hoell bringt auch einige bisher unbekannte Fotografien, über die sich jeder Leser freuen wird - etwa eine mit Marianne Hoppe in Torremolinos kurz vor Bernhards Tod oder eine von Bernhards erstem Automobil.

In summa ergänzt die Arbeit Hoells die bisherige biographische Literatur Bernhards trefflich und gibt daneben eine knappe Einführung in die wesentlichen Teile des Werkes. Das schließt allerdings nicht aus, dass man bei der Lektüre ein intensives Bedauern darüber verspürt, dass es keine "große" Bernhard-Biographie gibt und in absehbarer Zeit auch nicht geben wird. Trotz Louis Huguets Chronologie, die leider ab den sechziger Jahren an Dichte verliert, und mehrerer neuerer Publikationen wie etwa dem vollständigen Hennetmair-Tagebuch und dem Katalog zur derzeit laufenden Ausstellung "Thomas Bernhard und seine Lebensmenschen. Der Nachlaß" ist unser Bernhard-Bild noch immer lückenhaft und in vielen Bereichen, die nicht skandalisiert waren, farblos. Hier wäre Eile geboten, denn viele Menschen, die uns helfen könnten, diese Lücken zu schließen, werden nicht mehr lange als Zeugen zur Verfügung stehen.

Alfred Pfabigan
19. März 2001

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Super LeseClub mit Diana Köhle & David Samhaber

Mo, 09.12.2019, 18.30-20.30 Uhr Leseclub für Leser/innen von 15 bis 22 Jahren Du willst dich mit...

„Joseph Roth und die Bilder“

Di, 10.12.2019, 19.00 Uhr Vorträge Joseph Roths (1894–1939) Erzählungen und Romane haben viele...

Ausstellung
KEINE | ANGST vor der Angst

27.11.2019 bis 31.03.2020 Anlässlich des diesjährigen Internationalen Literaturfestivals Erich...

"Der erste Satz – Das ganze Buch"

Sechzig erste Sätze Ein Projekt von Margit Schreiner 24.06.2019 bis 28.05.2020 Nach Margret...

Tipp
OUT NOW: flugschrift Nr. 29 von Emily Carroll

Die Graphik-Novellistin und Künstlerin Emily Carroll wurde im Rahmen der Erich-Fried-Tage 2019...