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Roman Horak, Wolfgang Maderthaner, Siegfried Mattl u. a. (Hrsg.): Metropole Wien.

Texturen der Moderne.
Wien: WUV-Universitätsverlag, 2000.
641 S., zwei Bände im Schuber; öS 402.-.
ISBN 3-85114-480-5.

Lange - allzu lange - Zeit hatte man sich schon auf dem Mythos eines "Sonderwegs" ausgeruht und die These vom "rückständigen Österreich" (Carl E. Schorske) gehegt und sorgfältig gepflegt: Das dem Untergang geweihte Habsburgerreich, die aus dem dekadent-neurotischen Wien um 1900 dringenden Schwanengesänge vermochten Nostalgiker und Modernisten unter den Historikern trefflich konsensuell zu vereinen. Wie sehr allerdings gerade in der "Haupt- und Residenzstadt" neben den schwebend-ästhetischen Träumen der Künstler zusehends handfeste und - höchst moderne! - Realitäten in den Himmel wuchsen, zeigt eine Sammelpublikation, deren zwei Bände man getrost als Torpfeiler eines Paradigmenwechsels für die Kulturhistoriographie dieser Stadt bezeichnen kann: "Metropole Wien. Texturen der Moderne" kommt zwar nicht ganz ohne die qualitative Kontingenz jeder akademischen Textsammlung aus (dies betrifft den zweiten, zwei Tagungen dokumentierenden Teil), doch liegen mit dem ersten - dem programmatischen - Band sorgsam ausgearbeitete Fallstudien einer Expertengruppe vor, welche das zukünftige kulturwissenschaftliche Reden über Wien zu beachten haben wird.
So exploriert etwa der Historiker Siegfried Mattl die Konstruktion von "Urbanität" einerseits durch die (medialen) Systemwelten der Konsumkulturen (Reklame und Kaufhaus, Film und Kino, Grammo- und Radiophonie) und andererseits durch die Netzwerke der städtischen Infrastruktur. Auf diese Weise kommen die parallel verlaufenden Rationalisierungsleistungen bei Transport und Kommunikation in den Blick: Zusammen schufen sie jene Paradoxie des technologisch avancierenden, ideologisch jedoch konservativen Lueger-Wien, welche sich als "Existenz von fordistischen Netzwerkstrukturen ohne gesellschaftlichen Fordismus" spezifizieren lässt.
Mitten durch diese Paradoxie zieht sich Wolfgang Maderthaners und Lutz Musners gekonnt erzählte (und im Vorjahr bei Campus erfolgreiche) Geschichte der Formen und Funktionen der proletarischen Popularkultur. Zugespitzt und auf einen turbulenten Punkt gebracht zeigt Roman Horak anhand des Wien-Gastspiels der Josephine Baker (1928) die Kollision gesellschaftlicher Archaismen mit der populärkulturellen Moderne: Die farbige Tänzerin musste im Zuge des sogenannten "Negerskandals" Bekanntschaft - wie der Satiriker Karl Kraus ätzte - "mit dem dunkelsten Zentraleuropa" machen.

Christiane Zintzen
27. Juni 2001

zuerst erschienen in: NZZ, 2. 6. 2001.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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