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Jost Hermand: Die deutschen Dichterbünde.

Von den Meistersingern bis zum PEN-Club.
Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 1998.
383 S., m. Abb., geb.; DM 68.-.
ISBN 341-2-09897-3.

Wer Jost Hermands Buch von der ersten bis zur letzten Seite durchliest, weiß am Schluß, daß die ausführliche Einleitung als Warnung zu interpretieren gewesen wäre. In ihr stellt der Autor in zwar überraschend aggressivem, aber durchaus auch sympatisch klarem Ton Konzept und Zielrichtung seines Buches vor. Da "im Rahmen der sich als postmodern, poststrukturalistisch oder multikulturell verstehenden Germanistik das Interesse an gesellschaftspolitischen Orientierungsfragen im Hinblick auf bestimmte Autoren oder Autorinnen bzw. Dichtergruppen fast völlig verschwunden" sei, gelte es statt angesichts dieses Trends zu resignieren, die Frage zu stellen, "warum es in den letzten 500 Jahren auf der deutschen Literaturszene immer wieder zu engagierten Zusammenschlüssen verschiedener Schriftsteller zu Gruppen oder Bünden gekommen ist, die mehr wollten als die heute ständig beschworene 'Selbstrealisierung'" (S. 3f.). Etwas problematisch dann, wie das zentrale Definitionsproblem des titelgebenden Begriffs "Dichterbünde" umgangen wird: der Begriff soll "im Folgenden so konkret wie nur möglich, das heißt vor allem als sozioliterarische Engagementsform oder zumindest als gemeinschaftsstiftendes Organisationsprinzip verstanden" werden und nur da verwendet werden, "wo solche Vereinigungen klare ideologische Leitziele entwickelten und zugleich einen ausgeprägten Sinn für Solidarität oder zumindest innere Konsistenz bewiesen" (S. 4f.).

Was folgt, entspricht dieser selbstgesetzten Definition zwar nicht immer, aber das angehäufte Material ist zunächst in seiner Fülle und historischen Abfolge imposant. Auf den ersten 100 Seiten erfahren wir Wissenswertes von den frühneuzeitlichen Meistersingern, den Sprachgesellschaften des Barock, den Dichterbünden und -freundschaftskreisen der Frühaufklärung und Empfindsamkeit, vom Göttinger Hain, der Tätigkeit von Schriftstellern in Freimaurerlogen, dem "klassischen" Dichterbund Goethe/Schiller, den romantischen Dichtergruppen, von biedermeierlichen Geselligkeits- und Ulkgesellschaften wie der - trotz aller Harmlosigkeit von der Metternich-Zensur verfolgten - Wiener Ludlamshöhle und dem Berliner Tunnel über der Spree und den Jungdeutschen. Jedes der Kapitel wird mit einem kurzen Überblick über die soziale und politische Situation der Zeit eingeleitet, der die Kriterien für die Berurteilung und Einordnung liefert.

Bei der Einschätzung der Gruppe der "Jungen Deutschen" fällt zum ersten Mal die Tendenz zum verwischenden Pauschalurteil ins Auge, das dem Autor in der Folge zu einem klischeeartig stehenden Nachsatz vieler der kurzen Gruppenporträts gerinnt: Da die Vertreter des "Jungen Deutschland" "wie viele der späteren bürgerlichen Liberalen [...] in der einzelpersönlichen Freiheit den höchstmöglichen Wert erblicken, wollten sie sich schon im Rahmen dieser Bewequng vornehmlich als unterschiedliche Individuen aufspielen" (S. 109).

Die folgenden 200 Seiten durcheilen die Dichterbünde, -freundeskreise und Autorenverbände -, ihre Anfänge reichen in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück bis in die Gegenwart, und je näher die Darstellung an die Gegenwart heranrückt, umso zweifelhafter, fragwürdiger und apodiktischer werden die Aussagen und umso häufiger das verliehene Verdikt "asozialer Individualismus". Über das Ende der naturalistischen Produktionsgemeinschaft von Arno Holz und Johannes Schlaf etwa ist zu lesen: "Indem sich beide - im Zuge der Zeit - immer stärker einem prononcierten Individualismus zuwandten, wurden sie zwangsläufig ständig arroganter und streitsüchtiger."
(S. 142)

Neokonservative bis völkische Dichtervereinigungen der Jahrhundertwende und der Zeit der Weimarer Republik werden demgegenüber überraschend ausführlich und relativ wertneutral dargestellt. Dem katholisch-konservativen Dichterkreis "Iduna" rund um den umtriebigen Richard von Kralik verdankt immerhin auch "die sogenannte Jung-Wiener Gruppe um Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler" (S. 146) eine kleine Erwähnung, da sich die Gründung des Iduna-Kreises der Opposition gegen "die impressionistischen Tendenzen" der Autoren von Jung-Wien verdankt.

Wenig Freundliches und auch wenig Erhellendes ist auch von der "Gruppe 47" zu lesen, die den "Anschluß an die betont ichbezogene, absurde oder strukturell-verkomplizierte Literatur des Westens" anstrebte; den in den fünfziger und sechziger Jahren dazustoßenden Autoren wie Bachmann, Becker, Celan, Fichte, Handke und Heißenbüttel ging es "weniger um das Gesellschaftskritische als um eine modernistisch-elitäre Sprachbehandlung" (S. 280). Das paßt in Diktion wie "differenzierter" Namensauflistung zum Urteil von den "ichbesessene[n] Vertreter[n] eines 'magischen Realismus' wie Franz Kafka, Hermann Kasack und Ernst Kreuder, die sich nie in die Politik eingelassen hätten"
(S. 274), zeugt aber weder von besonderem politischen noch literarischen Feingefühl.

Der Wiener Gruppe ergeht es nicht besser: "Statt also irgendwelchen linken 'Sirenentönen' zu lauschen, wie es damals gern hieß, schloß sich auch die Wiener Gruppe lieber dem allgemeinen Trend zur Westintegrierung an [...]" (S. 282). Der Bannspruch eines "ähnlich gearteten Modernismus, der sich als avantgardistisch ausgab"
(S. 283), trifft auch die Grazer Gruppe, die allerdings "mit der Einstellung der 'manuskripte' im Jahr 1972" (S. 284 - Heft 140 der "manuskripte" erschien im Juni 1998) sowieso immer bedeutungsloser wurde.

Einen Art Höhepunkt stellt der letzte Abschnitt "Die Zeit von 1975 bis 1989" dar, wo wir erfahren, wie es geschah, daß auch in der DDR "letztlich der subjektive Artikulierungsdrang der auf ihre persönliche Eigenheit bedachten Autoren und Autorinnen" obsiegte, die Schriftsteller "den Direktiven des offiziellen Schriftstellerverbandes immer weniger Gehör schenkten und weitgehend auf ihr eigenes Entscheidungsvermögen vertrauten" (S. 317) und "im Zuge ihres steigenden Selbstartikulierungsdranges die präskriptive Ästhetik des Sozialistischen Realismus als überständig empfanden" (S. 314).

Jost Hermands Intention einer einsamen, radikalen Frontstellung zur gegenwärtigen politischen roll-back-Stimmung ist verständlich und an sich ehrenhaft. Wer diese Position einnehmen will, hat dabei aber auch eine besondere Verantwortung: er muß seine Sache - argumentativ - gut, nein besser machen als die momentan hegemoniale Seite des Widerparts. Insofern muß dieses Buch leider auch als verspielte Chance interpretiert werden.

Evelyne Polt-Heinzl
25. August 1998

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