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Hannah Arendt, Hermann Broch: Briefwechsel.

1946 bis 1951.
Herausgegebenen von Paul Michael Lützeler.
Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag, 2000.
262 S., geb.; DM 48.-.
ISBN 3-633-54113-6.

Link zur Leseprobe

46 Briefe von Hermann Broch stehen nur 17 Briefen Hannah Arendts gegenüber. Es handelt sich dabei um Liebesbriefe, die es sich jedoch versagen, von Liebe zu sprechen.
"Möchte Ihnen auch lieber keinen Liebesbrief schreiben, teils, weil Sie doch ganz objektiv genommen deren ohnehin zu viele bekommen, teils, weil es sich nicht für mittelalterliche, vorsichtige Damen schickt, besonders nicht, wenn sie gerade im Begriff sind, einen trip in die Vergangenheit zu machen und ohnehin höchst wackelig auf den Beinen." (Arendt an Broch, 5. November 1949).

Hannah Arendt hat den Rahmen für die ungewöhnliche Liebesbeziehung gesteckt. Sie bestand darauf, dass ihre Freundschaft, ihre amour fou, trotz gegenseitiger Faszination platonisch blieb. Einzig in die Anredefloskeln schleicht sich gelegentlich eine "Liebste" oder ein "Liebster" ein.
Denn Hannah Arendt wollte sich nicht als neue Feder auf Brochs Hut stecken lassen, keine weitere eifersüchtige Geliebte sein. Ihre Ambitionen reichten weiter. Sie wollte in seinem Herzen den unangefochtenen Platz einnehmen als die Frau, mit der er KEINE Beziehung hatte. "Hermann, lassen Sie mich die Ausnahme sein", soll sie einmal gesagt haben.

Am Anfang ihrer Freundschaft schrieb sie dem Vielgeliebten einmal ironisch, sie stelle sich als siebenfache Trauzeugin für jede seiner Affären zur Verfügung. Der fast Sechzigjährige ist geschmeichelt. Ursprünglich suchte Hannah Arendt die Begegnung mit Hermann Broch. Sie hatte seinen Roman "Tod des Vergil" gelesen und zählte ihn zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts. Nach einem ersten Treffen 1946 im New Yorker Exil schrieb sie ihm einen begeisterten Brief.

Hermann Broch war, wie gesagt, geschmeichelt. "... jetzt haben Sie zu loben begonnen und werden ewig weiter loben müssen; u.z. muß ehrlich gelobt werden, denn das ist die Spielregel."
Die starke und dauerhafte Beziehung zwischen Arendt und Broch hat jedoch neben der offensichtlichen Bewunderung der um zwanzig Jahre jüngeren Frau auch andere Ursachen, notwendigerweise.
Zum einen sind ihre biografischen Stationen ähnlich. Sie stammen beide aus gutbürgerlich-assimilierten jüdischen Familien. Beide werden auf der Flucht vor dem faschistischen Rassenwahn interniert und können dem Wahnsinn des Hitler-Regimes entkommen. Beide finden in Amerika ein Exil, und beide heiraten bald darauf ein zweites Mal.
Entscheidender noch sind ihre gemeinsamen geistigen Interessen. Broch und Arendt haben neben einem ähnlichen literarischen Geschmack auch den starken Hang zu philosophischen Diskursen. Sie beschäftigen sich im Exil zunehmend auch mit politischer Theorie. Hannah Arendt schreibt über "Totalitarismus", Broch über "Massenwahn".

Auf den ersten Blick scheint der Briefwechsel zwischen Arendt und Broch vor dem Hintergrund des Holocaust und Stalins "Säuberungen" unspektakulär, beinah alltäglich. Broch schreibt über Gebrechlichkeiten, sein Altern, gelegentlich über seine Liebeswirren. Er beklagt sich gerne bei seiner platonischen Geliebten. Gelegentlich diskutiert er auch mit Hannah Arendt, die beim amerikanischen Schocken Verlag als Lektorin arbeitet, Publikationspläne und eigene Arbeiten.
Sein Interesse an ihren literarischen Plänen ist jedoch, eine fast klassische Konstellation, bestenfalls wohlwollend, eine Fußnote am Rande.

Die wenigen erhaltenen Briefe Hannah Arendts an Broch verlassen die rein sachliche Ebene selten. Sie hört sich geduldig seine Klagen an, führt ihn jedoch im nächsten Augenblick wieder zur Literatur zurück. Schreib, ruft sie ihm immer wieder zu. Du bist ein begnadeter Dichter, und nur das zählt. Denn sie sieht in Broch nicht so sehr den Essayisten, sondern den Erzähler. Sie drängt ihn zu einem neuen Roman, den er auch tatsächlich zu schreiben beginnt. 1951 kommt ihm jedoch der Tod in die Quere.

Trotz des von Paul Michael Lützeler äußerst sorgfältig edierten und umfassend kommentierten Briefwechsels kippt das Buch manchmal in einen echolosen Raum. Ein Brief verlangt nicht nur einen Adressaten, sondern auch nach einer Antwort. Und diese Antworten fehlen oft, sind verloren gegangen. Hannah Arendt verblasst ein wenig in dem ungleichen Paarlauf. Paul Michael Lützeler ist sich des ungleichen Kräftespiels bewusst und, um einen Ausgleich zu schaffen, hat er dem Briefwechsel Hannah Arendts drei berührende und sehr kluge Broch-Essays als Anhang beigefügt.

Anne M. Zauner
10. Jänner 2001

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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