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Dieter Hoffmann: Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik seit 1945.

Tübingen, Basel: Francke, 1998.
(UTB für Wissenschaft, Mittlere Reihe, 2037).
414 S., brosch.;
ISBN 3-8252-2037-0.

Dieter Hoffmanns Buch gehorcht einem streng didaktischen Konzept: die Entwicklung der deutschsprachigen Lyrik seit 1945 wird in genau sieben Phasen unterteilt, die ihrerseits in kurzen Hintergrundinformationen vorgestellt werden. In dieses Schema werden dann Gedichte eingeordnet. Das Buch präsentiert sie in vollem Wortlaut, ist also auch als Anthologie der neueren Lyrik zu benutzen. Den Texten sind Fragen und Aufgaben beigegeben, die den Benutzern zu einer Gedichtinterpretation auf der Basis des Gelernten verhelfen sollen: "Wie wird die bundesdeutsche Arbeitswelt zu Beginn der 60er Jahre in den folgenden Gedichten dargestellt?" usw.

Daß diese Anlage den Eindruck des Schulmeisterlichen hinterläßt, ist nicht zu bestreiten, und dürfte auch ganz im Sinne des Verfassers sein. Denn er ist davon überzeugt, daß die neueste Lyrik der didaktischen Aufbereitung unbedingt bedarf, um wirksam werden zu können. Sein "Arbeitsbuch" - wie es programmatisch genug genannt wird - geht von der Voraussetzung aus, daß die moderne Lyrik ihre Leser "nicht in erster Linie durch ihren Wohlklang bezaubern" wolle, sondern statt dessen "geistige Freiheit" vermittle. Die aber könne nur eintreten, wenn die Leserschaft gelernt habe "die jeweiligen Gedichtstrukturen in einem eigenen kognitiven Akt zu erschließen".

Eben diese erwünschten "kognitiven Akte" will Hoffmann auf literaturdidaktisch abgesicherten Wegen in Gang bringen. Und warum sollte sein Buch nicht von Deutschlehrern und Literaturdozenten mit Gewinn verwendet werden? Die Auswahl der zu behandelnden Gedichte ist überzeugend gelungen, und die literarhistorischen Einleitungskapitel sind als erste Orientierung brauchbar. Auch die Wort- und Begriffserklärungen, die sich an die Gedichte anschließen, dürften nützlich sein, obwohl sie zuweilen überdeutlich zu erkennen geben, daß der Didaktiker seinen Schülern sehr wenig zutraut. Muß man z. B. wirklich in einer Fußnote anmerken, daß das Wort "auszer" in einem Gedicht Friederike Mayröckers dem dudengerechten "außer" entspricht? Wäre es nicht schon ein erster Akt "geistiger Freiheit", wenn die Leser das selbst herausfinden dürften? Darüber kann man immerhin geteilter Meinung sein.

Fragwürdiger noch als diese allzu gründlichen Anmerkungen sind die "Interpretationshilfen", die im zweiten Teil des Buches zusammengestellt sind. In ihnen legt Hoffman sein eigenes Verständnis der Gedichte dar, die er für das Buch ausgewählt hat. Doch sind seine Deutungen in der Regel sehr viel biederer und konventioneller, als die Texte, denen sie gelten. Wenn z. B. Thomas Rosenlöcher die Bestürzung schildert, die ihn in Amsterdam angesichts einer "Hure" befiel, "die ihre Schenkel auftat und schloß" - dann belehrt uns der Interpret darüber, daß die Hure nur als "Bild für den Kapitalismus" fungiere, und daß nicht der Sex das wahre Thema des Gedichtes sei, sondern der kritische Vergleich der Gesellschaftssysteme Kapitalismus - Sozialismus.

Nun mag es sein, daß diese politische Dimension in Rosenlöchers Gedicht mitschwingt. Explizit jedoch spricht es von nichts anderem als einer aufreizenden, käuflichen Frau, die von drei Männern voyeuristisch begafft wird. Eben dies möchte der Interpret Hoffmann jedoch nicht wahrhaben. Wie schon so viele Deutschprofessoren vor ihm wendet er sich eilends von der provokanten Bildlichkeit des lyrischen Textes ab und behauptet, daß der Dichter "eigentlich" ein ernstes und moralisch unverfängliches Problem hat ansprechen wollen.

Wenn solche verkrampften Manöver die einzigen "kognitiven Akte" wären, zu denen die moderne Lyrik herausfordert, dann wäre es mit der besagten "geistigen Freiheit" nicht allzu gut bestellt. Doch hindert einen nicht einmal Dieter Hoffmann selbst daran, interessantere Zugänge zur Lyrik zu suchen. Ausdrücklich will er seine Informationen nur als "Orientierungshilfen" verstanden wissen - und tatsächlich sollte man mehr auch nicht erwarten.

Hermann Schlösser
23. April 1999

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