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Dirk Juergens: Das Theater Thomas Bernhards.

Frankfurt / Main, New York, Wien u. a.: Lang, 1999.
321 S., brosch.; öS 600.-.
ISBN 3-631-34516-X.

Kaum ein Schriftsteller der letzten Jahrzehnte wurde zeitlebens derart oberflächlich rezipiert wie Thomas Bernhard. Seine treuen "Fans" erfreuten sich an jeder neuen Hasstirade und fanden in Bernhard ihren ideologischen Meister. Für die Gegner war er ein Nestbeschmutzer, der maßlos übertreibt. Von manchen "Linken" wurde Bernhard für seinen Antifaschismus gelobt, andere verurteilten ihn als reaktionär. Bei den "Rechten" stießen sich einige wiederum an Bernhards Hass auf die katholische Kirche, während manche - unter ihnen bei Gelegenheit sogar Jörg Haider - in ihm einen Verbündeten im Kampf gegen das "rot-schwarze Proporzsystem" sehen wollten.

Bei zeitlicher Distanz und differenzierender Lektüre stößt man jedoch auf Schichten, die sowohl den Bernhard-Jüngern als auch den strammen Patrioten unzugänglich sind und waren. "in seiner historischen Bedeutung" (S. 14) zu erfassen und manche voreilige Interpretation auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen. Zwei Theaterstücke hat er dabei ins Zentrum seiner Überlegungen gestellt: "Ein Fest für Boris" aus dem Jahr 1970 und "Heldenplatz", Bernhards Geschenk zum Gedenkjahr 1988.

Zu ersterem sei hier nur kurz erwähnt, dass Jürgens sowohl Bernhards Nähe zur Kritischen Theorie herausarbeitet als auch die besondere Stellung seiner Art der Sprachskepsis in einer Blütezeit der Diskussionskultur beschreibt. Zudem weist der Literaturwissenschaftler aufgrund unzähliger Beispiele von Intertextualität nach, dass die Dramen des Österreichers alles andere als geschichtslos sind (Bernhard-Gegner bemängelten immer wieder, seine Kritik richte sich im Grunde gegen niemanden, da die Dramen in keiner konkreten historischen Situation angesiedelt seien). Jürgens' Resümee dazu: "Indem auch 'Ein Fest für Boris' die ganz große Literatur von Schiller bis hin zu Brechts sozialistischem Theater zitiert, ruft es noch einmal jene Tradition ins Gedächtnis, die ihre verändernde Kraft verloren zu haben scheint - die Einforderung von Veränderung wird dadurch aber erneut und um so nachdrücklicher artikuliert." (S. 112)

Den gängigen Theorien zu "Heldenplatz" erteilt der Verfasser dann im zweiten Hauptteil der Studie eine Absage. Denn das oft zitierte Schwarz-Weiß-Schema wird in diesem Text mehr als einmal durchbrochen. So rezitiert die Haushälterin des verstorbenen Professors Josef Schuster dessen Schimpforgien gegen das Naziland Österreich, den verkommenen Sozialismus und den Pöbel, von dem man sich in der Demokratie beschmutzen lassen müsse. Manche "bekennenden Antifaschisten" sind dem Autor dabei wohl ganz schön auf den Leim gegangen. Sie mussten mit der Kritik an den Nazis gleichsam eine "Krot schlucken": Denn der jüdische Professor passte mit seiner pedantischen Art, seiner Disziplin und elitären Denkweise so ganz und gar nicht in das Schema des politisch korrekten, toleranten Demokraten.

Das hat man anlässlich der Uraufführung des Stückes allerdings unter den Tisch gekehrt - oder man hat daraus dem Autor einen Vorwurf gemacht. Bruno Kreisky etwa meinte, das Perfide an dem Stück sei, dass man gegen einen Juden auf der Bühne nichts einwenden könne. Erinnert sei hier außerdem daran, dass die Meinungen des Professors (und vieler anderer Protagonisten in Bernhards Werken) von manchen als diejenigen des Autors verstanden wurden. Demnach wäre Bernhard also ein reaktionärer Pedant gewesen, ein elitärer Antidemokrat à la Ernst Jünger.

Es ist jedoch ein teuflisches und zugleich hoch moralisches Spiel, das der Schriftsteller mit seinen Zuschauern in "Heldenplatz" treibt. Denn selbst an dem jüdischen Professor werden diejenigen faschistischen Denkstrukturen kenntlich gemacht, deren Opfer er letztendlich geworden ist. Er ist selbst autoritär, intolerant und machtbesessen. Dirk Jürgens hat viele Details aufgespürt, die diese These belegen: Der - nicht gerade jüdische - Name Schuster verweist auf einen der altehrwürdigsten Berufe des deutschen Bürgertums; die Schimpftiraden des Professors richteten sich - wie diejenigen der Nazis in den 30er Jahren - pauschal gegen "die verkommenen Sozialisten"; ebenso hatte der Hausherr mit Schrecken daran gedacht, welche "Untermenschen" an seinem Begräbnis teilnehmen würden etc. Um es auf den Punkt zu bringen: Es handelt sich dabei um eine "imitatio Hitlers" (S. 154). Selbst in dem Opfer Schuster findet man also einen Teil des Täters. Es geht in "Heldenplatz" um den "Nazi in uns selbst".

Dirk Jürgens beschreibt dieses bewusst eingesetzte Stilmittel als "Verfremdung [...], die verdeutlichen soll, wie sehr die scheinbar so moderne, von der Vergangenheit befreite Gesellschaft der achtziger Jahre von der Geschichte beherrscht ist" (S. 153). Dem Literaturwissenschaftler ist mit seiner Studie ein kenntnis- und detailreicher neuer Interpretationsansatz von Bernhards dramatischem Werk gelungen.

Peter Stuiber
8. Februar 2000

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