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Michael Jürgs, Otto Schneidereit: Zwei Bücher über Richard Tauber.

Michael Jürgs:
Gern hab ich die Frau'n geküßt.
Die Richard-Tauber-Biografie.
Mit CD.
München: List Verlag, 2000.
430 S., geb., DM 49,90.-.
ISBN 3-471-79429-8.

Otto Schneidereit:
Richard Tauber.
Ein Leben - Eine Stimme.
Berlin: Parthas Verlag, 1998.
168 S., geb., 40 Abb., DM 38.-, EUR 19,43.-.
ISBN 3-932529-25-1.

Karl Kraus hat, wie die meisten Intellektuellen seiner Zeit, nicht viel von ihm gehalten, was seiner Berühmtheit natürlich keinen Abbruch tat. Der "Schmalztenor", wie Kraus verächtlich über Richard Tauber schrieb, war seinerzeit verehrt wie heute Popstars. Der "König von Berlin" wurde er genannt, und weil sich der gebürtige Linzer nicht zu schade war, Operette zu singen, wurde er schnell zum Liebling des Volkes und Schwarm der Frauen, trotz seiner beachtlichen Körperfülle und der nicht gerade eleganten Erscheinung. Es war seine Stimme, die es allen angetan hatte.

Zwei sehr unterschiedliche Biografien versuchen nun, dem Phänomen und dem Menschen Tauber auf die Spur zu kommen. Der Hamburger Journalist Michael Jürgs hat bereits über Romy Schneider und Axel Springer Biografien verfaßt. Jürgs, einst Chefredakteur von "Stern" und "Tempo", bevorzugt die schnelle, knappe und möglichst griffige Sprache, um eine gute Story zu transportieren. Tauber ist für ihn eine Story, es fragt sich nur, ob er auch eine gute Story ist. Auch wenn sich Jürgs Mühe gibt, möglichst schmissig zu erzählen, und den Berlinern sozusagen aufs Maul zu schauen, wird man den Eindruck nicht los, dass Richard Tauber ein ziemlich langweiliger, gutmütiger und durchschnittlicher Mensch war, der lediglich das Glück hatte, mit einer überragenden und bewegenden Stimme ausgestattet zu sein.
Erzählt wird, wie Richard Tauber einerseits von den Massen gefeiert, andererseits privat und geschäftlich immer wieder übers Ohr gehauen wird. Naiv wie er ist, lässt er sich für Schallplattenaufnahmen keine prozentuelle Beteiligung am Verkauf sichern - und gerät nicht nur dadurch (auch Frauen und nahe Verwandte lassen sich gerne von ihm aushalten) mehr als einmal nahe an den finanziellen Ruin. Seine erste Frau lässt ihn nur wenige Monate nach der Hochzeit ein Papier unterschreiben, das ihr ausdrücklich das Recht zusichert, ihn zu betrügen. Was für eine Schmach. Jürgs schreibt über Taubers Impotenz, die von Sigmund Freud behandelt, aber erst durch eine List seiner zweiten Frau geheilt werden kann. Diese behauptet in therapeutischer Absicht, sie habe seit ihrer Mädchenzeit Angst, schwanger zu werden, und daher keine Lust am Sex. Da erwacht natürlich der Ehrgeiz im Manne.
Solche Geschichten erzählt das Buch, aber weil die Stärke von Jürgs in der fundierten Recherche liegt, sind vor allem jene Kapitel interessant, in denen der gutgläubige Tenor mit dem aufkommenden Nationalsozialismus konfrontiert wird. Mehr als blauäugig will der Halbjude nicht glauben, dass ihm, dem König von Berlin, jemand etwas anhaben könnte. Er will in Deutschland bleiben und macht sogar Versuche, sich Hitler anzudienen, was anders als bei dem Operettenkomponisten Franz Lehár, der für Tauber seine wichtigsten Rollen geschrieben hat, scheitert. Die Umstände bringen den Tenor zwar nicht zum politischen Erwachen, Deutschland verlassen muß er aber trotzdem. 1948 stirbt Tauber, der nie besonders schonend mit seiner Stimme umgegangen ist, mit nur 56 Jahren in London an Lungenkrebs.

Seriöser, oder zumindest mehr an der Musik interessiert, ist "Richard Tauber. Ein Leben - eine Stimme" von Otto Schneidereit. Das Buch ist nach Sachkapiteln gegliedert: "Jugend und Studium", "Die Oper", "Die Operette", "Schallplatten und Film", "Emigration und Tod" und fasst im Nachwort Taubers naives Verhältnis zum Nationalsozialismus zusammen. Der Tonfall ist trockener, viel Privates wird nur gestreift. Dafür erfährt man zum Beispiel, dass es zur Jahrhundertwende keine exakte Theorie des Kunstgesangs gab. Und es wird ausführlich auf seine verschiedensten musikalischen Rollen eingegangen. Für Musikinteressierte ist Schneidereit deshalb weitaus ergiebiger.

 

Karin Cerny
15. Oktober 2001

Zuerst erschienen in: Der Standard, 13. 1. 2001.
Bearbeitete Fassung.

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