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Amália Kerekes, Alexandra Millner, Magdolna Orosz, Katalin Teller. (Hrsg.) MEHR ODER WEININGER.

Eine Textoffensive aus Österreich/Ungarn.
Wien: Braumüller, 2005.
318 S.; brosch.; m. Abb.; EUR 27.90.-.
ISBN 3-7003-1526-0.

"Geschlecht und Charakter", Otto Weiningers "ultimatives Kondensat der Meisterdiskurse um 1900" (Bettina Rabelhofer) verband mit abstoßend herrischer Pose wie mit aphoristischer Suggestionskraft Psychologie, Biologie und Philosophie zu einem epistemologischen Welterklärungsmodell. Das Buch nahm viele andere Stimmen in sich auf - sein umfangreicher "Zitatenschatz" repräsentiert die modernen Wissenschaftsdiskurse seiner Zeit, auch wenn diese zum Teil nur Resultate oberflächlicher Lektüre waren -, befruchtete Stimmen der kommenden Jahrzehnte und provozierte weit ausholende Erwiderungen. "Geschlecht und Charakter", im Jahr 1903 erschienen (der ursprüngliche Titel war "Eros und Psyche"), ist jedenfalls mehr als das Konglomerat von Antisemitismus und Antifeminismus, geschaffen im Geist des jüdischen Selbsthasses, mehr als das Produkt eines verzweifelten und psychisch labilen Genies.

Dass hundert Jahre nach Erscheinen von "Geschlecht und Charakter" - und gar im selben Verlag - nun ein von vier Frauen herausgegebener voluminöser Band erscheint, dessen Umfang dem von Weiningers Doktorarbeit gleicht, mit dem etwas unglücklich klingenden Titel "Mehr oder Weininger" - aber wäre "Weiber-Weininger" besser gewesen? -, kann man als einen Glücksfall bezeichnen, auch wenn er beim Autor von "Geschlecht und Charakter" Stirnrunzeln hervorgerufen hätte, denn intellektuelle Frauen waren ihm, wie seinem Bewunderer Karl Kraus, ein Graus; er war überzeugt, dass die intellektuell veruntreute Weiblichkeit die Frauen gebärunfähig, unweiblich und hysterisch mache.

Aufgeteilt ist der Band in sieben gewichtige thematische Kapitel, die sich jeweils aus einer konzentrierten Einführung (der "Ver-Führung zum Thema") und einem umfassenderen Dokumententeil zusammensetzen, die die Rezeption von Weiningers Buch und die davon geprägten Debatten in Österreich und Ungarn spiegeln. Am Rand der Dokumente sind jeweils kurze Auszüge aus Weiningers Werk eingefügt, die seine stilistische Verführungskraft in Erinnerung rufen. Vor allem den aus dem Ungarischen übersetzten Essays, Artikeln und Werkfragmenten, die etwa die Hälfte des Dokumententeils ausmachen, kommt dabei eine besondere Bedeutung zu, da sie von den Herausgeberinnen - drei Budapester Germanistinnen und einer Wiener Literaturwissenschaftlerin - zum größten Teil erstmals ins Deutsche übersetzt wurden. Das erste Kapitel kreist um den normativen Kulturbegriff der Jahrhundertwende und um die zögerliche Einbindung von Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen etc. in einen männlich bestimmten Kulturbetrieb, das zweite kreist um Weiningers Idee der biologischen und geschlechtlichen Zwischenformen und der quantitativen Mischungsverhältnisse, die dem dualistischen Ideal in Platons Symposion folgten, und um sein Konzept einer "weiblichen Seelenlosigkeit" ("Anima und Individualität"), das dritte handelt von Mythos, Kunst und Erotik ("Penia und Poros"), das vierte von Weiningers Geniekonzept und den Gegenentwürfen einer weiblichen Genialität, in dem sich auch Peter Altenbergs Ratschlag an die Töchter findet, sich besser nicht die Achtung sondern vorteilhafter die Verachtung des Mannes zu erwerben. Das fünfte Kapitel handelt von der Pathologisierung des Weiblichen, von "Neurasthenie" und den Hysteriediskursen der Zeit (hier findet sich ein im Deutschen bislang unbekanntes "Gespräch mit Freud" aus dem Jahr 1918), und das sechste von "Dirnenliebe" und "Mädchenhandel", den Prostitutionsdebatten in der österreichisch-ungarischen Monarchie (Weininger: "Bedeutende Menschen haben stets nur Prostituierte geliebt"). Das abschließende siebente Kapitel schließlich bündelt das Thema, dessen Spuren sich bereits durch die sechs vorangegangenen Kapitel ziehen: Emanzipation und Frauenbewegung um 1900 - ein Thema, das Weininger, der in diesem Band (drucktechnisch) das letzte Wort behält, mit der in "Geschlecht und Charakter" kursiv gesetzten Sentenz gewichtet hatte: "Der größte, der einzige Feind der Emanzipation der Frau ist die Frau".

Die ungarischen Dokumente stammen von AutorInnen wie Sándor Bródy, Minka Czóbel, Zsófia Dénes, Valéria Dienes, Else Jerusalem-Kotányi, Margit Kaffka, Emília Kánya, Tamás Kóbor, Dezsö Kosztolányi, Gyula Krúdy, Rozina Mársits, Rosika Schwimmer, Zoltán Szász, Vladimir Székely, Kornél Tábori, Zoltán Thury, Irma Troll-Borostyáni, Irma Várady, Hugó Veigelsberg, Hermin Veres-Beniczky, Béla Balázs, Géza Csáth und Sándor Ferenczi - Namen, die, mit Ausnahme der drei letzten, vielleicht nur Kennern vertraut sein dürften. Der ungarische Arzt und Schriftsteller Csáth (ursprünglich József Brenner, Autor der verstörenden Novellensammlung "Muttermord") und Ferenczi waren jene beide Figuren, die Freuds Psychoanalyse in Ungarn rezipiert und etabliert haben. Während aber Ferenczis weitverzweigtes Werk gut erforscht und auch im Deutschen ediert ist (nicht aber der Beitrag im vorliegenden Band), wird die Rezeption von Csáth mit seinen hier versammelten Skizzen ("Kleines Traktat über die Eitelkeit der Frauen", "Ist der Mann vernünftiger als die Frau?" etc.) vielleicht einen neuen Anstoß erhalten - natürlich wünscht man sich weitere Anstöße auch für die anderen hier versammelten (dem Rezensenten kaum bekannten) ungarischen Autorinnen und Autoren.

Auch die deutschsprachigen Texte von Peter Altenberg bis Bertha Zuckerkandl bieten erstaunliche Überraschungen - kein Wunder, da sie zum Teil aus entlegenen Zeitungen und Sammlungen gelockt wurden. Beispielsweise wird Rosa Mayreder hier ins Licht gerückt, eine in weiten Kreisen vergessene Schriftstellerin und Frauenrechtlerin, eine "Grenzgängerin der Moderne" (Hanna Schnedl-Bubenicek), deren Essayband "Geschlecht und Kultur" als Gegenprogramm zu Weiningers Abhandlung gelesen werden kann. Mayreder moniert vor allem die Unvereinbarkeit seiner Hypothesen über den bisexuellen Gradualismus und der misogynen ideologischen Wertungen seiner Typologie.

Zusammen gelesen ergibt das ein feingewebtes Netz mit wissenschaftlichen, belletristischen und journalistischen Stücken und Fragmenten, die auf verschiedenen Ebenen untereinander korrespondieren und das intellektuelle Panorama der Jahrhundertwende spezifisch akzentuieren. Nicht immer sind es unmittelbare Rezeptionsdokumente, aber das Anschreiben gegen und Fortschreiben mit Weininger hat schließlich bis heute kein Ende gefunden, ohne dass dabei immer Weiningers Name fällt. Die späteren Spuren reichen von Elias Canetti ("Die Blendung") bis zu Émile Cioran oder Judith Butler, die Weiningers Grundidee von der individuellen Mischung von weiblichen und männlichen Anteilen in jedem Individuum aufgenommen hat. Es wäre gewiss auch lohnend gewesen, die Fortschreibungen in der nicht mehr so schönen Literatur zu verfolgen (etwa im dominanten Auftreten weiblicher Vampire und ihrer männlichen Opfer in der Unterhaltungsliteratur der Zeit) oder auch jene auf der Leinwand zu sichten (auf zeitgenössische Weininger-Filme wird im Vorspann hingewiesen), doch dies sind Aufgaben für Folgebände dieser Art. Man mag zusammenfassend monieren, dass der antifeministische Diskurs hier weit gründlicher beleuchtet wurde als der folgenschwere antisemitische, doch das tut der Bedeutung dieses sorgfältig konstruierten und ungewöhnlich anregenden Buches keinen Abbruch, denn symptomatisch ist Weiningers Übertragungsgestus, der seine Abhandlung zu einem "hegemonialen Minoritätendiskurs" macht, in dem der Transfer antifeministischer Argumente auf den Antisemitismus auf verschiedenen Ebenen stattfindet (dass die Parallelisierung von Antifeminismus und Antisemitismus eine lange Tradition hat, wissen wir spätestens seit den Studien von Jacques Le Rider). Und nicht nur am Rande macht dieses Buch mit seinem reichen Dokumententeil "mehr oder weininger" deutlich, wie gering unser Wissen über das Kulturzentrum Budapest um die Jahrhundertwende geblieben ist.

 

Michael Rohrwasser
25. Jänner 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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