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Ilse Aichinger: Film und Verhängnis.

Blitzlichter auf ein Leben.
Frankfurt/M.: S. Fischer, 2001.
207 S., geb., m. Abb., DM 35,20.
Kurzschlüsse.
Hrsg. u. Nachwort: Simone Fässler.
Wien: Edition Korrespondenzen, 2001.
86 S., geb., öS 255.-.
CD Kurzschlüsse.
Gelesen von der Autorin.
Wien: CD Edition Korrespondenzen, 2001.

Link zur Leseprobe

Ihr Werk ist ein klein bißchen wie das von Samuel Beckett: ein Schreiben der sukzessiven Reduktion. Auch ist bei Ilse Aichinger ein sanfter Hohn auf alles spürbar, was nach einer Entwicklung zu Höherem aussieht. Beginnend mit dem Roman "Die größere Hoffnung" (1948) umgreift ein Prozeß des Abspeckens und Ausradierens alle späteren Erzählungen, Statements, Hörspiele und Gedichte. In ihrer Abfolge vermitteln diese Texte den Eindruck, als ob sich hier ein Schreiben zusehends auf sich selbst konzentriert und dann eben gerade nicht zur besten aller möglichen Welten gefügt hätte. In dem Erzählband "Schlechte Wörter" spricht die Autorin es aus: Die besten Wörter könne sie nicht mehr verwenden, sondern nur mehr die zweit- oder drittbesten. Und gegen Ende der "Spiegelgeschichte" (1952) steht der Satz: "Das Schwerste bleibt es doch, das Sprechen zu vergessen und das Gehen zu verlernen, hilflos zu stammeln und auf dem Boden zu kriechen."

Dieses Zurückdrehen des Lebensrades in die andere Richtung hatte damals (und ich nehme es vorweg: es hat auch heute) nichts mit dem Alter der Autorin zu tun. Im hohen Alter neigen die Menschen leicht dazu, das eigene Leben mit den Augen der Kindheit zu sehen. Nicht so Ilse Aichinger: Den Kinderblick hat die Autorin in ihrem ersten und bislang einzigen Roman auf den Nationalsozialismus angewandt, und damit war dieser Blick auch schon korrumpiert. "Die größere Hoffnung" ist, ohne selbst kindlich zu sein, das Kinderbuch einer Überlebenden. Als solches macht es konsequent mit künftigen Sentimentalitäten Schluß. Diese einzigartige Radikalität von Aichingers Werk gilt bis heute. Sie zeigt sich auch in den zwei Büchern, die jetzt (knapp vor dem 80. Geburtstag der Autorin am 1. November) erschienen sind.

Zum einen ist da ein bibliophil gestalteter Band früher Prosagedichte, den der kleine Wiener Verlag Korrespondenzen unter dem Titel "Kurzschlüsse. Wien" vorlegt; im gleichen Verlag ist zudem eine CD erhältlich, auf der die Autorin die Texte liest. Das zweite Buch hat der Hausverlag Aichingers, S. Fischer herausgebracht. "Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben" versammelt jüngste autobiographische Notizen sowie jene Filmglossen, die die Autorin unter dem Titel "Journal des Verschwindens" regelmäßig für den "Standard" schreibt. Mit dem Besuch von Kinos verbringt Aichinger heute einen Großteil ihrer Zeit. Das Kinogehen ist exzessiv und meditativ zugleich: Oft besucht die Autorin mehrere Filme hintereinander, oft sieht sie sich den gleichen Film mehrmals an.

In den Texten der frühen 50er Jahre, versammelt in dem Band "Kurzschlüsse. Wien", ist vom Wiener Kino noch nicht, dafür aber umso mehr von Wiener Örtlichkeiten die Rede. Die Prosagedichte beschreiben Stadtmitte und Judenplatz, Parkring, Gonzagagasse, Börsegasse und Graben. Später geht es nach Wien 2, 3, 8, 9 und 19 hinaus. Die Strassen und Plätze der Stadt liegen in Aichingers Texten in seltsamer Weise geschichtslos da. Es ist, als ob nicht die Orte von der Betrachterin angeschaut würden, sondern als ob die Betrachterin ins Blickfeld der Orte geraten wäre. Gleich der erste Text des Bandes spricht es aus: "Die Orte, die wir sahen, sehen uns an."

Wirklich Erhellendes zu dieser "Sicht der Entfremdung" (aber nicht nur dazu, sondern zur gesamten Poetik der Autorin) trägt der gleichnamige Aufsatz Aichingers bei, den die Herausgeberin des Bandes, Simone Fässler, den Gedichten beigegeben und damit die eigentliche Sensation des kleinen Büchleins geschaffen hat. In diesem ebenfalls zu Beginn der 50er Jahre entstandenen Text setzt sich Aichinger mit den Berichten und Geschichten von Ernst Schnabel auseinander, einem Weltenbummler, der damals ein relativ großes Publikum hatte. Aichinger dreht in ihrem brillanten Text die Erwartungshaltung an das Fremde um: Der neue Columbus, der ihr bei Schnabel begegnet, würde nicht eine fremde Welt bekannt machen, sondern eine allzu bekannte wieder fremd.

Mit Ernst Schnabels Weltbeschreibungen kehrt Aichinger in eine fremde Heimat zurück. "Interview mit einem Stern" nennt Schnabel das Tagebuch eines Fluges um die Welt. Darin findet sich der voll Euphorie zitierte Satz: "Seine Uhr tickte nicht mehr Sekunden, sie tickte Raum." Zu einer solch kosmischen Einbindung hätte es niemals kommen können, hätte Schnabel nicht schon lange vorher das Fremde als einen Teil seiner selbst in sich getragen. Anders als eine bereits akzeptierte ist Alterität für Aichinger nicht vorstellbar. Um es mit Schnabel zu sagen: "Wüsten zählen nicht. Sie zählen erst, wenn man hindurch will."

Etwas wie eine Wüste bietet für Aichinger fast fünfzig Jahre später noch immer der Kinofilm. In dem Band "Film und Verhängnis", dessen Titel nicht in der Form spekulativ ist, wie er vielleicht scheint, legt die Autorin ihre Kinotexte der letzten beiden Jahre gesammelt vor. "Das Journal des Verschwindens", unter dem diese Texte ebenfalls firmieren, führt keine Klage über das Verschwinden. Es beschreibt vielmehr die Ränder, an denen sich der Abschied vollzieht und an denen sich das Imaginäre öffnet. Bei Ilse Aichinger tut es das nicht erst mit dem Vorspann zum Film. Die Welt des Kinos beginnt vor der Kinotür, der Raum der Alterität baut sich beispielsweise schon beim Studium der Filmprogramme auf. Oder es beginnt überhaupt mit einer Art Gegenteil:

"Der Frühlingsbeginn gäbe die Möglichkeit, über den Frühlingsbeginn zu schreiben. Doch zog mich immer schon das Zweitbessere mehr an als das Beste. Gescheitere mehr als Erfolgreiche, die schlechten Wörter mehr als die schönen, der schwindende Herbst mehr als der lärmende Frühling. Deshalb fragte ich in der Filmbuchhandlung Satyr, ob sie etwas über Film und Frühling hätten, und sie zeigten mir Bücher über den Horrorfilm. An einem der zweitbesten Regisseure und Produzenten, William Castle, blieb ich hängen."

An William Castle interessieren Aichinger gleichermaßen die Filme wie die Lebensgeschichte, die sich mit Stephen King auf ein einziges Wort reduzieren läßt: "Allein". Castle, so Aichinger, sei fast immer allein gewesen, seine Eltern starben früh, alles sah von Beginn an nach "mehr oder weniger frühlingshaftem, blühenden Untergang aus." Die Horrorfilme des Mannes und sein kindlicher Witz basieren auf dem gleichen Grund. Auch das berühmte Telegramm an Hitler und Goebbels, das ihm - wie Aichinger betont - wirklich keiner nachmacht, ist davor zu sehen: "Sie arbeiten nun für mich?"

In ihren Kinotexten scheut Aichinger die härtesten Geschichten nicht. Das "Journal des Verschwindens" funktioniert aber hauptsächlich gegen diese pointenhafte Präsenz. Erkenntnis und - paradoxerweise könnte man sagen - auch Welthaltigkeit entstehen hier aufgrund von Abwesenheit. Die Kunst des John Huston beispielsweise erklärt Aichinger daraus, daß der Regisseur im Falle einer Dashiel-Hammett-Verfilmung ausgerechnet die wichtigsten Momente des Buches weggelassen hat. Dieses Weglassen nun aber eröffnet Huston den Zugang zu Hammetts Weltbild, der über einen seiner Helden selbst geschrieben hat, daß dieser irgendwann einfach weg gewesen sei, "wie eine Faust, wenn man die Hand öffnet."

Wegsein, wie eine Faust, wenn man die Hand öffnet. Erscheinen, wie eine Faust, wenn man die Hand wieder schließt. So stellt sich Ilse Aichinger nicht nur diesen einen Film, sondern das Kino vor. In einer treffsicheren Analyse eines Filmes von Franz Rickenbach, in dem es darum geht, daß die übriggebliebenen zwei alten Männer und fünf Frauen einer jüdischen Gemeinde im Jura eine Synagoge zu bauen versuchen, obwohl die für einen solchen Bau vorgeschriebene Mindestzahl von zehn Leuten unterschritten ist, zitiert Aichinger den Regisseur mit dem Satz: "Man darf nicht darüberstehen, man muß darin versaufen." Dieses Versaufen gilt nicht nur für die Herstellung und die Betrachtung des Films, es gilt auch für die Herstellung und die Lektüre von Aichingers Texten. Man muß - wie es mit dem Titel des Textstückes heißt - beim "Aufbauen des Verschwindens" dabeigewesen sein, um etwas vom Verschwinden zu verstehen.

Ilse Aichinger ist - der Filmkritik sei es gedankt - keine Filmkritikerin. Sie bewertet die gesehenen Filme nicht, stellt niemanden aufs Podest, stößt niemanden hinunter, gibt letztlich auch keine Empfehlungen ab - höchstens, daß das Schlechtere hier schon einmal über das Gute siegt. Mit Aichingers Filmtexten beschreitet man den Gang ins Kino quasi selbst. Man nimmt neben der Autorin Platz und verfolgt, wie sich die Träume vom Verschwinden der Bilder zu präzisen Sprachträumen fügen. In einem ihrer Lieblingsfilme, den die Autorin nun schon an die zehnmal gesehen hat, sagt ein Bub während eines Spaziergangs zu seinem Freund: "Heute ist der 17. Januar 1944, und er wird nie mehr wiederkommen." Es handelt sich um Louis Malles "Auf Wiedersehen, Kinder", einen erst 1987 inszenierten Streifen mit autobiographischen Grundgehalt, in dem es um versteckte und schließlich deportierte jüdische Kinder in einem katholischen Internat in Frankreich geht. Das Ende lastet von Beginn an schwer über den Bildern; je näher es kommt, desto heimeliger scheint die Welt der Padres und Zöglinge zu werden. Auf den Film trifft zu, was Aichinger von der "größeren Hoffnung" sagt, daß es nämlich ganz normale Kinder sind, die dargestellt werden, nur sind diese Kinder eben vom Abschied her gesehen.

Nicht nur in Filme, auch in Fotographien taucht Aichinger mit ihren Texten ein. Neben mehreren Bildern von Bill Brandt mit englischen Genreszenen der 30er Jahre und einem historischen Porträt der Revolverheldin Calamity Jane ist es ein Foto von H.C. Artmann, dem die Autorin einen ihrer dichtesten Texte widmet. Man sieht den jungen Mann mit seinem Bruder Erwin (der im Krieg fallen wird) im Jahre 1928 auf einer Rodel sitzen, das Schneegestöber im Vordergrund scheint eher durch einen billigen Studiotrick als durch die tatsächliche Wetterlage verursacht. "Artmann aber war," so schreibt Aichinger und sie schreibt das wenige Tage nach seinem Tod, "verschneit von Existenz: Sie beginnt, wie immer man sie definiert, mit der Haltung vor der Abfahrt, auf Schlitten, im Leben, im Tod."

Wie immer man Existenz definiert, Aichinger definiert sie gegen Heidegger als eine "Überrumpelung zum Sein". In der Tatsache, daß man mit der Existenz Schlitten fahren und sie in einem künstlichen Schneegestöber zur Wirkung bringen kann, bietet sich dem Existenzhunger ein Trost. Es ist eine Art höherer Gelassenheit, die Aichinger mit Artmann teilt. Einmal, so schreibt sie und liefert damit ein Porträt auch ihrer selbst, habe sie den gealterten Dichter im Breitenseer Kino auf einer Veranstaltung zu seinen Ehren gesehen. Artmann hielt sich wie immer zurück und sprach vom Kino seiner Kindheit. Augenblicklich fanden sich beide in ein Verschwinden gehüllt, von dem die ringsum stehenden, angespannten jungen Leute nicht unberührt blieben. Ein Mädchen im Rollstuhl, das in unübersehbarer Heilserwartung gekommen war, fuhr heim. Ob ins Unheil oder ins Heil, war plötzlich nicht mehr so entscheidend.

Entscheidender als die großen, unentscheidbaren Dinge der Existenz sind oft die kleinen Imponderabilien. Und zwar auch deshalb, weil sie in manchen Fällen mit wenig Aufwand zu beseitigen wären. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung vermutet Ilse Aichinger aber auch hier das Gegenteil: "Die Sitze des Wiener Filmmuseums wird bis zum jüngsten Tag niemand ändern." Da nützt wahrscheinlich auch ihr 80. Geburtstag nichts.

 

Klaus Kastberger
31. Oktober 2001

Zuerst erschienen in: Die Presse, 27. 10 2001.

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