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Reinhard Kacianka (Hrsg.): beigesellt. fernwesend.

Beiträge zu Josef Winkler und seinem Werk.
Klagenfurt: Kitab Verlag, (2003).
128 S., brosch., Euro 18.-.
ISBN 3-902005-27-0.

Der Band vereinigt die Beiträge eines Symposiums zu Leben und Werk von Josef Winkler, dessen Teilnehmer einerseits Wegbegleiter Winklers sind oder waren, die - "beigesellt" - seinen Werdegang aus persönlicher Sicht darstellen: die Schriftstellerkollegen Alois Brandstetter und Antonio Fian, der Übersetzer Bernard Banoun und der Lektor im Suhrkamp Verlag, Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Ein weiterer Aspekt gilt - "fernwesend" - den Reiseberichten Winklers ("Domra", "Natura morta"). Darüber hinaus kommen neben einer Analyse von Winklers Bibliothek (Wilhelm Baum) SchülerInnen eines Gymnasiums zu Wort. Die in der Literaturwissenschaft bislang eher unübliche Einbeziehung jugendlicher LeserInnen macht denn auch vielleicht den größten Reiz dieses schmalen Bandes aus. Unter dem Titel "Was Josef Winkler für mich bedeutet" (S. 90) schreibt Malgorzata Kaczmarek: "Es ist eine Herausforderung für jeden Autor, die Umgebung so gut zu beschreiben, dass Bilder in den Köpfen der Leser entstehen, doch bei Josef Winkler entstand bei mir ein Picasso im Kopf - keine Ahnung, wo oben oder unten ist, lauter bunte Flecken und kein Schimmer, was es darstellen soll." (S. 90) Neben einer solchen kreativen Unmittelbarkeit - und sei sie auch ex negativo - muß jede noch so wissenschaftlich oder persönlich fundierte Ehrung des Autors verblassen. Abgerundet wird der Band mit einem bislang unveröffentlichten Text Winklers, "Über Olga Flor", und einem Interview.

Ein faksimilierter Brief Martin Walsers an Winkler aus dem Jahr 1978 - "Also auf jeden Fall gehöre ich zu ihrem Gefolge" (S. 6) - steckt die Reichweite Winklers als Autor von europäischem Rang ab. Die Beiträge der "Beigesellten" verhehlen denn auch nicht Stolz und Freude, einem Autor von solchem Format nahe zu sein. Das kann mitunter schon ein wenig kleinlich, eitel oder provinziell wirken, wenn einen z. B. Gerard Kanduth im Vorwort in Kenntnis setzt, dass Winkler am 3. März 2003 nicht nur seinen "Fünfziger" feierte, sondern am selben Tag "übrigens auch seine Tochter Siri zur Welt" kam (S. 8), Reinhard Kacianka vermutet, dem "Wohnkärntner" Winkler sei "die Vertraulichkeit vieler Menschen, die glauben, ihn seit langem zu kennen, auch eine Qual. Zu viel Nähe" (S. 11), oder Franz Haas uns über einen von Winkler missverstandenen italienischen Begriff aufklärt, der sogar noch die Taschenbuchausgabe von "Friedhof der bitteren Orangen" verunziere, dank des Universitätsprofessors aber seit "Natura morta" ausgeräumt ist.

Alois Brandstetter schildert sehr persönlich seine Begegnungen und die Zusammenarbeit mit Winkler bei der Herausgabe der Zeitschrift "Schreibarbeiten", der Winkler-Leser Antonio Fian ("Erwarten Sie also von mir, der selbst Schriftsteller ist und von Textanalyse einen Dreck versteht, nicht das Unmögliche." (S. 34), Kärntner wie dieser, der Winkler aber erst in Paris kennenlernte (auch hier wieder die das Symposium bestimmende Spannweite Provinz - Weltbürgertum, Nähe - Ferne) stellt neben Persönlich-Anekdotischem seine Winkler-Rezeption und sein Kärnten-Bild vor. Müller-Schwefe plaudert aus der Werkstatt des Lektors und gibt, ausgehend von der Frage Fiktion versus Wirklichkeit, Einblicke in die Entstehung von "Domra", zitiert aus Stellungnahmen und Briefen, die von einem intensiven Arbeitsbündnis zwischen Autor und Lektor zeugen.

Franz Haas, der Winkler einige Male auf seinen Streifzügen begleitet hat, liefert eine Italien-Reise durch die Bücher Winklers, teilt ortskundig mit, dass es jenen von Winkler in "Natura morta" beschriebenen Markt nicht mehr gibt, wodurch Winklers Novelle nun im Nachhinein auch zu einem zeitgeschichtlichen Dokument geworden ist.

Um Text versus Wirklichkeit geht es auch dem Winkler-Übersetzer ins Französische, Bernard Banoun. Anhand von Begriffen aus den Körperwelten - Knochen, Fleisch - den Gebrauch der Tempora, Bewegung und Starre etc. analysiert er Winklers Sprache, seine Liebe für das Oxymoron, und macht die Herausforderung anschaulich, Winklers aus einzelnen Bildern und Sätzen geformte Texte, die dann erst nebeneinander gesetzt werden, in eine andere Sprache zu übertragen. Fast hat man den Eindruck, dass kein anderer der Beiträger so tief in Winklers Texte eindringen konnte wie sein Übersetzer.

In Wilhelm Baums detaillierter Beschreibung von Winklers Bibliothek, von der dieser etwa 600 Bände einem Gymnasium geschenkt hat, erfahren wir von Winklers Lektürevorlieben - in dieser bibliothekarischen Form eine etwas ungewöhnliche Information über einen noch so jungen Autor. Das Ranking sieht folgendermaßen aus: etwa die Hälfte des Bestandes zählt zur deutschsprachigen Literatur, dem Kafka-Schwerpunkt folgt Peter Handke, danach Thomas Bernhard, Antonio Fian und Gert Jonke. Nur wenige Werke von Goethe und Schiller sind vorhanden, Böll und Grass fehlen völlig, Oscar Wilde führt zahlenmäßig die englischsprachigen Autoren an, zu Pier Paolo Pasolini gibt es auch Sekundärliteratur, Sachbücher zu Tod, Kirchenkritik und Sexualität (Autoren und Titel werden angeführt) zeugen von Winkler-Leser nicht überraschenden spezifischen Interessen.

"Der ironische Selbstentblößer" ist der Titel eines schriftlich gegebenen Interviews. Darin erweist sich Winkler als ebenso sprach- und bildgewaltig wie in seiner Literatur. Über die Maßen erstaunlich, was dem Autor zu Fragen wie: "Was halten Sie davon, neuerdings als 'Landneurotiker' bezeichnet zu werden?" (S. 107) "Worüber können Sie lachen?" (S. 108), "Gibt es tatsächlich schon Vollkornhostien?" (S. 111), "Was halten Sie von dieser Regierung?" (S. 114) als Antworten einfällt.

Auf die Inhalte dieses Bandes wird in Zukunft wohl häufig zurückgegriffen werden, wenn es gilt, Josef Winkler und seinem Werk näher zu kommen.

Ulrike Diethardt
31. Mai 2005

Originalbeitrag

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