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Bund der Kriegsblinden Deutschlands und der Filmstiftung Nordrhein Westfalen (Hrsg.): HörWelten.

50 Jahre Hörspielpreis der Kriegsblinden 1952 - 2001.
Redaktion: Hans-Ulrich Wagner, Uwe Kammann.
Berlin: Aufbau, 2001.
317 S.; brosch.; m. Abb.; DM 29,90.
ISBN 3-351-02515-7.

Als das Radio noch konkurrenzlos die heimische Wohnzimmerszene beherrschte und die Schicksale der Radio-"Familie Floriani" den Stoff der morgendlichen Bürogespräche lieferten, dominierte das Verständnis vom Hörspiel als "Theater im Dunkeln". Nicht zufällig entstand in dieser Zeit eine lange Reihe von Hörspielen, die vom Moment der fehlenden Sichtbarkeit als bewußtem dramaturgischen Gag ausgehen - Blindenheime, Stromausfälle, Tunnelerlebnisse, Grubenunglücke oder andere Abenteuer in schwärzester Nacht. Vom Anfang in den zwanziger Jahren an gab es daneben aber auch einen Traditionsstrang, der auf das radiofone Element pochte und die Entwicklung eigenständiger, dem Medium Hörfunk adäquater Formen des Hörspiels forderte. In den sechziger Jahren machte sich diese Position in der Diskussion wie in der Praxis verstärkt vernehmbar und führte zur Herausbildung des sog. "Neuen Hörspiels". Wenngleich sich in der Rückschau das "Neue" daran nicht immer ausmachen läßt, es gab die Auseinandersetzung und das Wissen um die Notwendigkeit, Hörspiel nicht als "Theater im Dunkeln" aus einer Defizienz zu definieren, sondern auf das Surplus der ästhetischen und formalen Potenzen des Radios zu setzen.
Nun ist das Hörspiel hierzulande und heutzutage keine Mainstream-Angelegenheit mehr, dennoch scheint es ein wenig an der Trendwende partizipieren zu können, die nach der Dominanz des Sehsinns und der Bilderflut hin zu einer neuen Lust am Hören führte. Vom überraschenden Boom der Hörbücher übertrug sich auf das Hörspiel allerdings auch eine formale Tendenz, die Hörspiel als bloße Lesung mit Musikuntermalung versteht. Dieses Zurückgehen hinter die Tradition des Hörspiels und auch der dialogisch aufgelösten Funkerzählung hat auch mit ökonomischen Kalkülen zu tun. Hörspielproduktionen mit mehr als drei Stimmen gelten heute als Großprojekte, die bei den Sendeanstalten kaum Chance auf Realisierung haben.

Der vorliegende Band zeichnet mit der fünfzigjährigen Geschichte des renommierten Hörspielpreises der Kriegsblinden auch diese Entwicklungswege des Hörspiels nach. Gleich im ersten Abschnitt ziehen Hörspieldramaturgen, Jurymitglieder und Autoren eine Bilanz über die Geschichte des 1952 erstmals vergebenen Preises. Einige Besonderheiten in dieser Geschichte hängen dabei ursächlich zusammen mit der Gründungsidee. Der Verband der damals 11.000 Kriegsblinden in Deutschland (heute leben noch 2.000) verstand das Hörspiel als "Theater für Blinde" unter dem primären Aspekt der Lebenshilfe. Die von Beginn an paritätisch besetzte Jury aus je neun Kriegsblinden und Fachkritikern hatte es nicht immer leicht mit ästhetischen Neuerungen und formalen wie thematischen Provokationen. Dennoch bleiben "mehr Ruhmesblätter als Schattenseiten" (S. 25). Es ist im Rückblick nicht ganz fair zu monieren, daß Autoren wie Heinrich Böll, Max Frisch, Siegfried Lenz oder Jurek Becker leer ausgegangen sind und statt dessen etwa Heinz Oskar Wuttig (1954), Bruno Meyer Wehlack (1958), Hans Kasper (1963) oder Margarete Jehn (1964) ausgezeichnet wurden. Im Gesamten betrachtet ist die Zahl der "Treffer" erstaunlich hoch und stellt der Jury von Anbeginn an kein schlechteres Zeugnis aus als dem Nobelpreiskomitee. Schon im zweiten Jahr der Vergabe war Günter Eich an der Reihe, 1955 Wolfgang Hiildesheimer, 1957 Friedrich Dürrenmatt - noch vor seinem internationalen Siegeszug -, 1959 Ingeborg Bachmann, 1961 Dieter Wellershoff, 1962 Wolfgang Weyrauch.

Problematisch scheint in dieser Phase die Tendenz zu thematisch motivierten Ausschlußgründen. Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit, ob von Wolfgang Borchert, Max Frisch, Günter Eich oder Alfred Andersch fügten sich nicht in das Lebenshilfe-Konzept des preisstiftenden Vereins, der Kriegsgeschädigte vertrat. Verständlicher als diese Verweigerungshaltung der eigenen Geschichte gegenüber und absolut kein Spezifikum dieses Preises sind die Probleme mit ästhetischen Experimenten, wobei gerade hier früh eine Öffnung zu erkennen ist. Das beginnt mit Ingeborg Bachmann 1959 und führt 1969 zur mutigen Entscheidung für "Fünf Mann Menschen" von Ernst Jandl und Friederike Mayröcker. 1980 erhielt den Preis Mauricio Kagel und 1997 war Christoph Schlingensief immerhin in der engsten Auswahl.

Die Abfolge der preisgekrönten Hörspiele ist im zweiten Abschnitt systematisch aufgelistet, mit Informationen zum Autor, zum Hörspiel und zur Jury-Entscheidung sowie ausführlichen Produktionsdaten - wer solche je recherchieren mußte, weiß dieses Service zu schätzen. Sechsmal kam Österreich zum Zug: Ingeborg Bachmann (1959), Franz Hiesel (1960), Ernst Jandl / Friederike Mayröcker (1969), Gerhard Rühm (1984) und als Co-Autoren Eberhard Petschinka (1999) und Inge Kurtz (2000). In dieser chronologischen Zusammenstellung lassen sich auch einige Trends entdecken. Etwa daß überraschend viele Hörspielautoren der fünfziger und sechziger Jahre als Drehbuchlieferanten für populäre Fernsehserien endeten. Oder daß die Rubrik "Mitwirkende" im Verlauf der Jahre systematisch schrumpfte. Erst im Rückblick läßt sich aus dieser Entwicklung ablesen, wie viel das Hörspiel einst den Sendeanstalten wert war.

Was sich an der Haltung der Öffentlichkeit wie der Sendeanstalten dem Hörspiel gegenüber geändert hat, thematisieren auch viele der Beiträge in Abschnitt drei, wo Autoren, Radiomacher, Rundfunkregisseure und Medienkünstler über das Hörspiel und seine Möglichkeiten heute nachdenken. Christoph Buggert, Autor und Leiter der Hörspielabteilung des Hessischen Rundfunks, bringt hier einiges auf den Punkt: Wer über das Hörspiel redet, muß über das Radio reden, denn das Hörspiel ist heute als Quotensenker eine Art Fremdkörper in der Programmschiene geworden. Es bedarf eines klaren Bekenntnisses, um dem Hörspiel Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Und das könnte sich sogar rechnen, denn eigentlich spricht nichts dagegen, daß, entsprechend betrieben und gefördert, nach bzw. mit dem Hörbuch auch das Hörspiel einen unerwarteten neuen Aufschwung erlebt. Daß die Filmstiftung Nordrhein-Westfalen den Preis seit 1994 mitträgt, ist vielleicht auch ein erstes Zeichen, die Positionierung des "Hörspielpreises der Kriegsblinden" neu zu überdenken.

Evelyne Polt-Heinzl
24. Juli 2001

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