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Claus-Dieter Krohn u. a. (Hrsg.): Sprache-Identität-Kultur: Frauen im Exil.

(Jahrbuch Exilforschung Bd. 17).
München: edition text und kritik, 1999.
268 S., brosch.; DM 58.-.
ISBN 3-88377-617-3.

Anfang der 90er Jahre etablierte sich innerhalb der Gesellschaft für Exilforschung eine eigene Arbeitsgemeinschaft, die sich dem Thema "Frauen im Exil" widmet. Ergebnisse der siebten Jahrestagung der Forschungsgruppe, die 1997 in Mainz stattfand, bilden den Schwerpunkt des aktuellen Jahrbuchs Exilforschung.

Dass geschlechtsspezifische Aspekte die Voraussetzung für eine differenzierende wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Exil darstellen, beweist dieser Band eindrucksvoll. Bis heute ist zwar aufgrund der Quellenlage noch immer nicht gesichert, wie viele Frauen vor dem Terror des "Dritten Reiches" fliehen mussten. Die Besonderheit der Bedingungen, denen sie unterworfen waren, treten bei näherer Betrachtung jedoch deutlich hervor. In einigen Beiträgen wird einem besonders bedenkenswerten Moment weiblicher Exilerfahrung Aufmerksamkeit geschenkt: dem Befreiungscharakter der Flucht. Was allgemein durchaus als provokante These empfunden werden würde, tritt in einigen der untersuchten Fälle deutlich hervor: Zu dem unermesslichen Leid der Vertreibung aus der Heimat gesellte sich im Exil die Hoffnung und Erwartung, in einer neuen Umgebung endlich ein selbstbestimmtes Leben als Frau führen zu können.

Aus emigrationswissenschaftlicher Sicht kann diese Einschätzung klarerweise deutlicher gestützt werden: Karina von Tippelskirch nennt dafür in ihrem Aufsatz als Beispiel die jiddische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Anna Margolin. Aus dem Ostjudentum kommend, verstand sie es sehr bald, der neugewonnenen Freiheit des Westens - sie lebte u.a. in Paris, London und Amerika - einiges abzugewinnen. Die Intellektuelle konnte als eine der ersten Frauen ihren Lebensunterhalt aus journalistischer Tätigkeit bestreiten. In ihrem dichterischen Werk ging sie den Spannungen zwischen Herkunft und neuer Heimat nach, entwarf sie eine "Poetik des gespaltenen Ichs" (S. 133) Der Identitätskonflikt nährte sich dabei sowohl aus der Dualität der Kulturen, als auch aus derjenigen des Geschlechts.

Für die eigentliche Exilforschung kann das Phänomen eines Befreiungsgefühls bei Frauen nachgewiesen werden, die in ihrem Heimatland besonders auch im Privatleben Repressionen ausgesetzt waren. Claudia Schoppmann betritt mit ihrem Aufsatz über lesbische Frauen im Exil wissenschaftliches Neuland. Die Autorin zitiert darin Vera Lachmann, Jüdin und Altphilologin, die ihr amerikanisches Exil als Aufbruch beschrieb: "Das Exil war eine Wiedergeburt für mich. Es gab nichts mehr aus dem vorherigen Leben, was einen belastete." (S. 144) Mit dem Problem, als Deutsch schreibende Lyrikerin für das amerikanische Publikum unzugänglich zu bleiben, musste sie allerdings zeitlebens kämpfen. Als gesellschaftliche Außenseiter waren lesbische Frauen jedoch im allgemeinen besser darauf eingestellt, eigenständig und zielstrebig ihre Existenz zu gestalten, so die Hypothese Claudia Schoppmanns. Und je größer die Selbständigkeit war, desto eher wurde auch das Exil als Chance gesehen.

Die Wahrscheinlichkeit, auf künstlerischem oder wissenschaftlichem Gebiet in kurzer Zeit zu reüssieren, war freilich gering. Als Brotberufe boten sich im Exil in vielen Fällen "typisch weibliche" (Näherin, Putzfrau etc.) an. Selbst wenn die eigene künstlerische Produktion noch weiterhin als Lebensunterhalt dienen konnte, so war dies meist mit etlichen Rückschlägen verbunden. Die Malerin Lotte Laserstein, Vertreterin der "Neuen Sachlichkeit", hatte sich im Berlin der Zwanziger Jahre die Anerkennung der Kritik und des Publikums erworben, ehe sie als "Dreivierteljüdin" 1937 Deutschland Richtung Schweden verlassen musste. Relativ mühelos gelang ihr zunächst der Anschluss an die dortige Kunstszene und die Etablierung als Porträtmalerin. Zahlreiche prestigeträchtige Aufträge folgten; sie genügten zwar immer weniger ihren eigenen künstlerischen Vorstellungen, brachten jedoch Geld ein. "Lieber malen als Strümpfe stopfen" (S. 117), lautete die Devise. In den Kriegsjahren verlor Lotte Laserstein nach und nach den Kontakt zu aktuellen Entwicklungen, nach dem Krieg war sie als Realistin kaum noch gefragt. Als ihre fruchtbarste Zeit gelten die wenigen Jahre vor Hitlers Machtergreifung: Ein Schicksal, das sie übrigens mit ihren männlichen Kollegen der "Neuen Sachlichkeit" - Christian Schad etwa oder Otto Dix - teilt.

Peter Stuiber
3. Dezember 1999

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