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Volker Kaukoreit, Jörg Thunecke (Hrsg.): 126, Westbourne Terrace. Erich Fried im Londoner Exil (1938-1945).

Texte und Materialien.
Hrsg. v. Volker Kaukoreit und Jörg Thunecke unter Mitarbeit von Beate Hareter.
Im Auftrag des Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek und des Bezirksmuseums Alsergrund (Wien).
Wien: Turia Kant, 2001.
271 S., brosch. und illustr.; öS 350.-.
ISBN 3-85132-289-4.

Betitelt ist der Sammelband mit Texten und Materialien von und über Erich Fried im Londoner Exil nach der Adresse der wichtigsten österreichischen Exilorganisation in Großbritannien, dem kommunistisch geprägten "Austrian Centre", dessen Mitgliederstand einige Monate nach seiner Gründung im März 1939 bereits 1.500 betrug, bis März 1944 auf über 3.500 und schließlich bis Kriegsende auf 7.500 anwuchs. Als Zentrum aller österreichischen Flüchtlingsaktivitäten gedacht, bot das AC den österreichischen EmigrantInnen Serviceleistungen aller Art: Beratung in beruflichen Belangen, Arbeitsvermittlung, Unterkunft, Fortbildung, Englischunterricht, Unterhaltung, eine Kantine, eine Bibliothek und Kultur - insbesondere durch die im Juni 1939 gegründete Kleinkunstbühne "Das Laterndl". Fast zeitgleich hatte sich aus zwei Zirkeln österreichischer Flüchtlinge in London die Exil-Jugendorganisation "Young Austria" konstituiert. Mit der vom Library Committee des Austrian Centre gegründeten Zeitschrift "Zeitspiegel" und dem nach ihrer Herausgeberinstitution benannten Organ "Young Austria" standen den Emigranten auch zwei Informationsblätter zur Verfügung (vgl. Reinhard Müller: "Fluchtpunkt England". Spuren der österreichischen Emigration in Großbritannien 1938 bis 1945, Graz 1996). Mit dem "Austrian Centre" und dem "Young Austria" sollte der Flüchtling Erich Fried während seiner gesamten Exilzeit in engstem Kontakt stehen; beide Organisationen sind fraglos als Denk- und Tätigkeitsmittelpunkte des jugendlichen Dichters anzusprechen.

Der von Volker Kaukoreit, dem stellvertretenden Leiter des Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, dem Exilliteraturforscher Jörg Thunecke und der Germanistin Beate Hareter herausgegebene Band enthält neben zahlreichen Illustrationen folgende Materialien und Texte:

Jörg Thunecke: "Heut kämpf ich, dass ich morgen träumen lerne". Erich Fried im englischen Exil 1938-1945" (S. 13-56)
Erich Fried: "Es ist sehr lehrreich, seine Sachen von einem ganz anderen vorgelesen zu hören". Notizen aus dem Dezember 1940 (S. 57-59)
Erich Fried: Bekannte und unbekannte Gedichte aus dem Exil (S. 60-83) (Abschied von Wien, Früh um Viertel sieben geht man aus dem Haus..., Judas Weg, Emigrantenlied, Totes Haus, Ein Jahr Internierung, Das Verstehen, Vor der Ankunft, Auf dem Vormarsch, Heimkehrer, Dichter im Exil, Einigen Gefallenen, Notgesang I. und II., An Oesterreich, Truemmer)
Stimmen zu Erich Frieds Erstlingsbänden (S. 84-90) (u.a. von Anna Maria Jokl, Joseph Kalmer und Marie Pappenheim)
Erich Fried: Ein Lord und zwei mal zwei Flüchtlinge. Eine autobiographische Geschichte aus dem Band "Mitunter sogar Lachen. Zwischenfälle und Erinnerungen" (1986) (S. 91-93)
Erich Fried: "Ein Bund für die Entfaltung und Pflege von Kultur unter den Emigranten". Notizen aus dem März 1939 (S. 94f.)
Volker Kaukoreit: "Die Zustände verschlimmern sich täglich". Erich Fried und die Londoner "Emigrantenjugend" (S. 97-130)
Erich Fried: "Ich lese jetzt 'Das Kapital'". Aus einem Exiltagebuch, 6. Dezember 1939 bis 20. November 1941 (S. 131-148)
Richard Rundell / Jörg Thunecke: Unbekannte 'Szenen' aus dem Exil des Stückeschreibers Erich Fried: Von den frühen Anfängen bis zur antifaschistischen Propaganda (S. 149-168)
Beate Hareter: Erich Frieds Londoner Exil-Korrespondenz (1938-1946). Ein (vorläufiger) Überblick (S. 171-200)
Erich Fried: "Weil künstlerische Zielsetzung, Weltanschauung und mein Lebensplan ein Unteilbares für mich sind". Zwölf Schreiben an Gerti und Lux Furtmüller (1940-1945) (S. 201-254)
Beate Hareter / Volker Kaukoreit: Erich Fried im englischen Exil. Eine Chronik (1938-1946) (S. 256-270).

Nach seiner Ankunft in London am 5. August 1938 wandte sich der siebzehnjährige Erich Fried vorerst der "Emigrantenjugend" zu, einer Selbsthilfegruppe für 15-20jährige Flüchtlinge, arbeitete seit Anfang 1940 beim "Freien Deutschen Kulturbund", beim "Austrian Centre" und bei "Young Austria" mit, wo er ab Herbst regelmäßig Beiträge für die gleichnamige Zeitschrift lieferte. Nach mehrmonatiger Bürotätigkeit beim "Jewish Refugees Committee", die mit seiner Entlassung infolge politischer Differenzen bei weiterer Lohnfortzahlung für ein Jahr endete, wurde Fried im "Kommunistischen Jugendverband Österreichs" aktiv, arbeitete seit 1943 als Bibliothekar im "Young Austria" und verdingte sich als Fabrikarbeiter in einer Wurstfabrik, als Milchchemiker und als Arbeiter in einem Sägewerk. 1943 aus dem "Kommunistischen Jugendverband Österreichs" ausgetreten, unterhielt Fried nach wie vor engste Verbindungen zum kommunistischen AC und YA, das ihm 1944 die Publikation seiner einzigen größeren englischen Schrift, der Broschüre "They Fight in the Dark", einer Auftragsarbeit des "Austrian Centre", ermöglichte. Im Herbst 1944 erschien im Verlag des "Austrian P.E.N." in London Frieds erster Gedichtband "Deutschland", ein Jahr danach im Züricher Atrium Verlag der lyrische Komplementärband "Österreich". Soweit die biographische Quintessenz von Jörg Thuneckes instruktivem Einführungsbeitrag zu "Erich Fried im englischen Exil" (S. 13-56), an dem freilich zweierlei verstimmt: die verstiegene Vermutung, Fried sei "zumindest indirekt [...] an den Entwicklungen des 'Austrian Centre' beteiligt" gewesen (S. 15), sowie das Insistieren auf Frieds radikalem "Bruch mit den kommunistischen Organisationen im Spätherbst 1943" (S. 36; vgl. auch Rundell / Thunecke, S. 150), der sich im persönlichen und publizistischen Bereich keineswegs nachvollziehen läßt.

Mosaikartig geben die bislang weitestgehend unpublizierten und detailreich kommentierten Texte Frieds - sie stammen aus dem im Österreichischen Literaturarchiv befindlichen Nachlaß - Aufschluß über die familiäre und berufliche Situation des Vertriebenen; über seine vielfältigen kulturellen und organisatorischen Aktivitäten in Emigrantenzirkeln; über Rettungsversuche Gefährdeter in Hitlerdeutschland; über Freunde, Genossen und Dichterkollegen; über das politische Selbstverständnis des kritischen Kommunisten; nicht zuletzt über die erotischen Verwirrungen des knapp Zwanzigjährigen, der in all seinem seelischen, existentiell bedrohlichen Elend auch wohl zur Arznei der Selbstironie greift.

Bemerkenswert scheint, daß sich Fried bereits als Zwanzigjähriger - bei aller Verbundenheit mit dem real existierenden Kommunismus einerseits und der kanonischen Literatur der europäischen Moderne andrerseits - sowohl von der propagandistischen Ästhetik marxistischen Zuschnitts als auch vom formalen Avantgardepostulat der Moderne abgrenzte. Als wirkungsästhetischer Angelpunkt von Poesie galt ihm das "Seelische": "Kunst entströmt der Seele des Schaffenden und ruft die Seelen der Empfangenden an. Ihr Wesen ist, Saiten in anderen mitschwingen zu machen, die in uns tönen." (S. 215) Frieds poetische Praxis entsprach dieser vage psychologisierenden Programmatik freilich kaum, waren doch die im Exil entstandenen Gedichte (S. 60-83) vor und über allem von humanistischem Ethos, zeithistorischer Konkretheit und politischem Engagement durchdrungen. Noch stärker gilt dies von den szenischen Fragmenten aus den Jahren 1941 bis 1943, worunter sich ein dramatischer Versuch mit dem Titel "Auf das Visum warten" (Szene: Wien im Jänner 1939), "Die letzte Botschaft", ein Kriegsdrama, "Hotel Europa", das im Foyer eines Londoner Emigrantenhotels spielt, und die Szene "Oesterreichspiel: Gaismair ueberquert die Alpen" befinden.

Der Informationsreichtum der primärliterarischen Zeugnisse, historischen Darstellungen und bio-bibliographischen Kommentare wird durch zwei editorische Fehlleistungen erheblich gemindert: Aus unerfindlichen und ungenannten Gründen wurden beim Abdruck der zwölf Briefe von Fried an Gerti und Lux Furtmüller (S. 201-254) "die Rechtschreibung und Zeichensetzung weitgehend normalisiert" (S. 202). Worum sich die Schriftlichkeitsforschung und linguistische Exilforschung inständig bemühen: Schriftpraxen in nicht-muttersprachlichem Milieu zu erfassen und zu deuten, und was womöglich auch die nichtwissenschaftlich gestimmten LeserInnen interessiert hätte: welcher Orthographie und Zeichensetzung sich einer der renommiertesten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts als Jugendlicher bediente, ist damit gründlich vereitelt. Viel schwerer wiegt ein zweiter Mangel: das Fehlen eines Personenregisters, der den Band zum bloßen Lesebuch, für den schnellen Zugriff auf Informationen hingegen ungeeignet macht - was die penibel recherchierten Beiträge und Kommentare von Volker Kaukoreit und Beate Hareter nicht verdient haben.

Abschließend ein korrigierendes Postskriptum für alle an Erich Frieds Dramen(entwürfen) Interessierten: Im Kommentar Richard Rundells / Jörg Thuneckes zu Frieds vierseitiger Szene "Oesterreichspiel: Gaismair ueberquert die Alpen" vom 25. Jänner 1943 (S. 163f.) rangiert der bedeutendste frühneuzeitliche Tiroler Bauernrebell Michael Gaismair (um 1490-1532) kurioserweise als "fiktive Figur"; die von Fried eingefügten Verse "Von Bayerns Joch und Tyranney / Und seiner großen Schinderey / Mach uns, o lieber Herr Gott, frei!" stammen nicht, wie es die Formulierung nahelegt, aus der Zeit der von Gaismair geführten Bauernerhebung 1526/1527, sondern aus dem Oberösterreichischen Bauernkrieg von 1626 und haben auch mit dem apostrophierten "Geyern-Lied" (S. 164; recte: "Geyer-Lied", bezugnehmend auf den Reichsritter und Bauernführer Florian Geyer, 1490-1525: "Wir sind des Geyers schwarzer Haufen, hei-a, ho-ho, / und wollen mit den Herren raufen, hei-a, hoho") nichts zu tun.

Beatrix Müller-Kampel
30. Mai 2001

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