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Andrea Köhler; Rainer Moritz (Hrsg.): Maulhelden und Königskinder.

Zur Debatte über die deutschsprachige Gegenwartsliteratur.
Leipzig: Reclam, 1998.
266 S., geb.; DM 20.-.
ISBN 3-379-01620-9.

Seit Deutschland wiedervereinigt ist, wird eine Debatte über den Wert oder Unwert der deutschen Literatur geführt. Der Sammelband mit dem etwas kryptischen Titel "Maulhelden und Königskinder" dokumentiert die Kontroverse in ausgewählten Beiträgen. Und der Untertitel des Bandes spricht zwar politisch korrekt von der "deutschsprachigen" Literatur, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier im Wesentlichen deutsche und keine österreichischen oder Schweizer Befindlichkeiten zur Sprache kommen. Sie stehen in engstem zeitlichen und ursächlichem Zusammenhang mit Deutschlands neuem Selbstverständnis nach der überraschenden Zusammenlegung seiner beiden Teile.

Wenn man der Anordnung des Buches glauben darf, begann alles mit einer Polemik Frank Schirrmachers, erschienen am 10. Oktober 1998 in der FAZ. Schirrmacher behauptete, die deutsche Literatur habe schon seit den siebziger Jahren nichts mehr zu sagen, weil eine falsch verstandene Vorstellung von "Authentizität" zu einem Klima des allgemeinen Dilettantismus geführt habe. Jede noch so bescheidene Kunstäußerung erhebe Anspruch auf Gehör, indem sie sich unmittelbar betroffen und "authentisch" gebe. Damit solle jetzt Schluß sein, meinte Schirrmacher und empfahl eine Wiederbesinnung auf tradierte Maßstäbe, handwerkliche Sorgfalt und entschiedenen Kunstanspruch.

Dieser engagierten Rede folgten nicht minder engagierte Gegenreden. Zum einen Teil bekundeten sie die Überzeugung, daß die deutsche Literatur so schlecht gar nicht sei wie ihr Kritiker behauptete, zum anderen Teil waren sie der Ansicht, daß die Literatur sehr wohl im Argen liege, mit Schirrmachers Rezepten jedoch nicht zu kurieren sei. Denn nicht größeres Kunstwollen tue not, sondern eine kraftvolle Hinwendung zum sogenannten wirklichen Leben und seinen spannenden Schauplätzen.

Die Debatte verwirrte sich dann ein wenig, denn offensichtlich verlangten die Beiträger der Literatur unterschiedlichste Leistungen gleichzeitig ab: Sie dürfe vor allem nicht langweilig sein, hieß es, müsse aber doch auch den großen Zeitroman liefern, der etwa die neuesten Umbrüche der deutschen Geschichte verbindlich zu gestalten imstande wäre. Wieder andere bezweifelten, daß man der Literatur derartige Großaufgaben noch zumuten könne, und wollten die Subjektivität des Autors gewahrt sehen, bzw. die Intensität eines originären Zugangs zur Sprache.

Und so weiter. Wer es genau wissen will, kann es in der Reclam-Dokumentation nachlesen. Überdies findet man dort auch eine Reihe von Originalbeiträgen, die nicht eigentlich in die laufende Debatte eingreifen, sondern sie auf der medientheoretischen oder literarhistorischen Metaebene kommentieren und kritisieren. Dabei stellt sich dann auch die Frage, wie nützlich oder nötig solche Debatten sind. Als Antwort wird vor allem die Behauptung serviert, der Literaturbetrieb beweise mit solchen Kontroversen, daß er immerhin noch am Leben sei. Mit diesem Minimalkonsens werden wir uns wohl zufrieden geben müssen.

Hermann Schlösser
12. August 1998

 

 

 

 

 

 

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