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Nikaolaus Langendorf: Schimpfkunst. Die Bestimmung des Schreibens in Thomas Bernhards Prosawerk.

Frankfurt / M. u. a.: Peter Lang Verlag, 2001.
207 S., brosch., EUR 35.50.-.
ISBN 3-631-38458-0.

Das Schreiben sei den Protagonisten von Bernhards Prosawerk das Maß aller Dinge und die Schlussworte aus Bernhards früher Novelle "Die Mütze" ("ich schrieb und schrieb und schrieb") hätten den Charakter einer "Zauberformel" - mit dieser Feststellung beginnt Nikolaus Langendorfs Untersuchung über die "Bestimmung" des Schreibens im Prosawerk Bernhards. Aus unerfindlichen Gründen trägt sie den Namen "Schimpfkunst" - das Interesse des Autors konzentriert sich auf die im Ergebnis doch um einiges weitere Frage, unter welchen Voraussetzungen Bernhard seine Figuren die - gelegentlich tödliche - Grenze zwischen erfolgreichem und scheiterndem Schreiben passieren lässt. Die zitierte "Mütze" erhält dabei den Charakter eines Schlüsseltextes in dem eine Art "Geburt der Literatur" beschrieben und die Antwort auf die Frage gesucht wird, was geschehen muss, damit sich ein krankes Ich in einen virtuos erzählenden Schriftsteller verwandelt.

In der Folge wird Bernhards Prosawerk als eine unendliche Meditation über das Schreiben, speziell über die Schwierigkeit, vom "Reden" zum "Schreiben" zu gelangen, gelesen, das ist eine anregende Fragestellung, die aber von dem immanenten Postulat ihrer isolierten Beantwortbarkeit ausgeht. Die Biographie der Protagonisten - die ja häufig Ähnlichkeiten mit der des Autors aufweist - ist bei Langendorf zweitrangig gegenüber der Rekonstruktion des poetologischen Diskurses, den Bernhard führt. Diese Prioritätensetzung ermöglicht ihm einen reizvollen Wechsel der Perspektive: Im Gegensatz zu anderen Bernhard-Interpretationen liegt sein Blickpunkt stärker auf dem erfolgreichen Schreiber als auf dem Scheiterndem, stärker auf der Geschichte, die real erzählt wird, als auf der, die einer erzählen will: Strauch aus "Frost" ist dem beobachtend-notierendem Famulanten zumindest gleichwertig, "Kalkwerk" ist nicht nur die Geschichte des scheiternden Konrads, sondern auch die des erfolgreichen namenlosen Versicherungsvertreters, der offensichtlich über die Furchtlosigkeit verfügt, seine Studie aus dem Kopf aufs Papier zu kippen.

Langendorf hat eine hohe sprachliche Sensibilität sowohl bei der Interpretation einzelner Bilder oder modellhafter Situationen Bernhards wie auch im Umgang mit dessen rhetorischen Strategien, in seinen Fußnoten liefert er interessante Beiträge zu strittigen Fragen der Bernhard-Interpretation (etwa: Francis Bacon im "Kalkwerk" spielt auf beide Träger dieses Namens an) und sowohl der Liste falscher Chronologien, mit denen der aufmerksame Bernhard-Leser konfrontiert wird, wie auch dem Kanon intertextueller Bezüge werden neue Beispiele hinzugefügt. Auch gelingen ihm anschauliche Rekonstruktionen der schier unendlichen Prozeduren, wie einer bei Bernhard zum Schreiben kommt: die Entwicklungslinie scheint hier vom Schreiben als Beschreiben des Scheiterns eines Anderen, der Schreiben will, bis zur wachsenden Fähigkeit zur Konfrontation mit dem eigenen Leben zu führen - beispielhaft dargestellt an der langsamen Annäherung an die Figur der Mutter in den autobiographischen Texten. Es ist allerdings fast unmöglich, die Ergebnisse dieser Studie thesenhaft zusammenzufassen und das hängt auch damit zusammen, dass die Untersuchung immer wieder zwangsläufig über ihr selbstgesetztes Ziel hinausgeht und die gesamte "Wertwelt" der Bernhardschen Prosa fragmentarisch thematisiert. Schreiben schließt offensichtlich einen existentiellen Riss, doch dass diese Prozedur mit dem narzisstisch hochbesetzten Streben nach dem "Höchsten" zusammenhängt, wird beispielsweise nicht wirklich herausgearbeitet. Auch ist - dafür spricht wohl die Figur Regers aus den "Alten Meistern" - das Schreiben nur ein, wenn auch essentieller, Faktor der "Überlebenskunst".

Wer - wie Langendorf - aus Nietzsches "Genealogie der Moral" den Gedanken zitiert, dass das "Vergewaltigen, Zurechtschieben, Abkürzen, Weglassen, Ausstopfen, Ausdichten, Umfälschen" zum "Wesen alles Interpretierens" gehört, immunisiert sich weitgehend gegen Kritik. Dennoch muss man Langendorf entgegenhalten, dass - so zentral die Frage des gelingenden Schreibens bei Bernhard auch ist - der poetologischen Reflexion nicht zugängliche Lebensumstände kräftig bei der Entscheidung der Frage intervenieren, ob das Schreiben gelingt. Es ist charakteristisch für Langendorfs verengte Fragestellung und das damit verbundene "Zurechtschieben", wie er uns das Schicksal der "Antiautobiografie" von Muraus vorbildhaften Onkel in "Auslöschung" darstellt. Murau selbst liefert uns zwei Versionen: beiläufig berichtet er, es sei gemunkelt worden, dass der Onkel das Werk verbrannt habe, er, Murau, vermute allerdings (und das wird breit ausgeführt), dass seine Mutter - eine jener "geistfeindlichen" Frauen, von denen Bernhards Werk nur so wimmelt - den sie anprangernden Text verbrannt habe. Bei Langendorf wird der Onkel in ein "warnendes Beispiel" umgebogen und das "Gemunkel" von der Selbstzerstörung des Manuskripts als textimmanente Wahrheit berichtet. Ich will das populäre Thema von Bernhards "Frauenbild" hier nicht einführen, dennoch erhebt sich die Frage, welche Rolle alle diese Manuskripte zerstörenden "Schwestern" oder aber die rigide Maria, die mit Murau zu dessen Vergnügen seine ihrer Meinung nach misslungenen Texte vernichtet, im Kontext von Langendorfs Thema eigentlich spielen. Dass sich seine Untersuchung häufig scheinbaren Nebenfragen zuwendet, zeigt, dass die Verengung auf die gewählte Frage nicht durchzuhalten ist. Die "Abschweifungen" vom Thema sind häufig interessant, die Untersuchung als Ganzes entbehrt am Ende jeder nachvollziehbaren Systematik. Unklar bleibt auch, warum für das Thema durchaus relevante Texte wie "Korrektur" mit der scheinbar zu Tode korrigierten Studie Roithamers nur am Rande erwähnt werden (das gleiche gilt für das in der mainstream - Interpretation so einflussreiche Selbstbild Bernhards vom "Geschichtenzerstörer") und so essentielle Texte wie "Gehen" und die "Billigesser" überhaupt nicht genannt werden.

 

Alfred Pfabigan
20. Februar 2002

Originalbeitrag

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