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Gerda Lerner: Zukunft braucht Vergangenheit.

Warum Geschichte uns angeht.
Aus dem Amerikan. von Walmot Möller-Falkenberg.
Königstein / Taunus: Ulrike Helmer Verlag, 2002.
332 S., brosch.;
ISBN 3-89741-096-6.

Das neueste Werk der Pionierin der Frauenforschung präsentiert sich als geschickte Montage von persönlichen Reminiszenzen und den Ergebnissen 16jähriger geschichtswissenschaftlicher Arbeit zu einem äußerst lesbaren, didaktisch geschriebenen Buch. Die zahlreichen meist zuvor publizierten, doch gründlich überarbeiteten Essays über "zivilen Ungehorsam", gewaltfreien Widerstand (Mahatma Gandhi, Leo Tolstoi) und Unterdrückung von Frauen in der Geschichte, die auf umfangreichem Quellenstudium basieren, bieten auch jenen, die Lerners grundlegende Arbeiten wie "Die Entstehung des feministischen Bewußtseins" nicht kennen, einen idealen Einstieg. Die eingeflochtenen autobiografischen Kapitel erweisen sich zudem durch ihre erzählerische Form als besonders effizient, um den LeserInnen die Notwendigkeit von Geschichtsbewußtsein auseinanderzusetzen und Bereiche wie Holocaust, Flucht, Immigration, Fremde zumindest in Bruchstücken ihrer Dimension zu vermitteln.

In den ersten Kapiteln schildert Lerner, daß ihr feministisches Bewußtsein aus der Diskriminierung als Frau im jüdischen Kult resultierte; die Erfahrung des Holocaust machte die Beschäftigung mit Geschichte zur Verpflichtung; Flucht und Immigration verlangten diffizile Entscheidungen, wie den künftigen Umgang mit der Muttersprache oder die Form der Bewältigung der Fremde, mittels kultureller Abgrenzung, völliger Assimilierung oder Akkulturation.

Mit Ruth Klüger teilt sie ihr Befremden über deutsche Holocaust-Gedenkstätten, die für sie jüdische Kultur ins Museum verbannen. Die kollekive historische Erfahrung der jüdischen Diaspora bewirkte, daß Gerda Lerner sich der historischen Gründe der sexistischen und ökonomischen Diskriminierung und Marginalisierung von Frauen zuwandte. So weist sie auf deren Nichtexistenz in Archiven, in offiziellen Geschichtsschreibungen zahlreicher Kulturen (vom AItertum bis ins späte 20. Jahrhundert) hin und analysiert die Entstehung des Patriarchats mittels sozialhistorischer, anthropologischer und soziologischer Methoden.

Die innovative Stärke Gerda Lerners liegt vor allem in der Darstellung der Interdependenzen zwischen "class" (sozialer Schicht), "race" (ethnischen Unterschieden) und "gender" (sozialer Organisation der Geschlechterdifferenz). Patriarchale Macht drückt sich durch Herrschaft über "gender" und "race" aus.

Ebenso warnt sie vor Trugschlüssen, etwa daß Minderheiten grundsätzlich weniger anfällig für Rassismus seien oder daß es Solidaritäten zwischen Minoritäten einer Gesellschaft gebe.

Gerda Lerner zielt mit ihrer Forschung auf die Etablierung eines historischen, vor allem aber eines feministischen Bewußtseins. Auf ihr OEuvre hinzuweisen, scheint mir auch heute wieder besonders wichtig, da sich innerhalb der feministischen Forschung im letzten Dezennium auch Tendenzen eines neuen - zum Teil reaktionären - Weiblichkeitsmythos gezeigt haben, der alte patriarchalisch-biologistische Zuschreibungen (Körper, Natur, Gefühl, Irrationalität) positiv wendet, statt sie als Unterdrückungsstrategie zu demaskieren, und damit wieder eine biologistische Argumentationsschiene einer sozialhistorischen vorzieht.

Ursula Prutsch
14. Jänner 2003

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