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Hannes Luxbacher, Andreas R. Peternell, Werner Schandor (Hrsg.): Big Business Literatur.

Wien: Triton-Verlag, 2002.
143 S.; brosch.; m. Abb.; Euro 15,45.
ISBN 3-85486-139-7.

Der rührige Wiener Triton Verlag legt unter dem Titel "Big Business Literatur,--" den Band zum Projekt www.literaturboerse.com vor, das vom Magazin "schreibkraft" im steirischen herbst 2001 organisiert worden war. Das mediale Interesse damals war groß. Das Projekt erweckte den Eindruck, mit dem jüngst vergangenen Flop der New economy und den diffusen Gefühlen von Bedrohtheit der Buchkultur in gleicher Weise zu tun zu haben. Beides ist nicht wirklich der Fall, wie die nun erschienene Nachlese belegt.

Zunächst einmal beruhigt schon, dass all die vielen Debatten über die mediale Konkurrenz Buch - Neue Medien irgendwann doch auf das alte Medium zurückgreifen. Wie forciert die Projekte zunächst auf die neuen Kommunikationsformen im Internet zugeschneidert scheinen, am Ende steht doch eine solide Publikation in Buchform. Die kann dann ganz konventionell und leseortunabhängig studiert, durchgeblättert, quergelesen und schließlich im Buchregal deponiert werden.

Der Band gliedert sich in zwei Abschnitte: fünf Beiträge versuchen sich dem Thema theoretisch zu nähern, der zweite Teil versammelt 8 der 39 Texte, die die "Börseaufsicht" in einer Vorauswahl aus über 100 Einsendungen zum Börsenspiel mit literarischen Texten zuließ. Mitabgedruckt sind die zum Teil sehr witzigen Begründungen je einer JurorIn, weshalb die Börsenanleger genau diese Textaktie erstehen sollten. Die Transparenz dieser Vorgangsweise ist für einen Literaturwettbewerb vorbildlich, aber ein solcher war das ganze natürlich nicht. Denn was es zu lernen galt, war die Funktionsweise des Börsegeschehens, das mit Inhalten bzw. Werten allenfalls marginal, mit irrationalen wie bewusst inszenierten Mechanismen hingegen ganz wesentlich zu tun hat.

Das wirkt ein bisschen naiv und geht offenbar davon aus, dass Menschen, die an Literatur interessiert sind, prinzipiell den Wirtschaftsteil überblättern. Davon scheinen auch einige der Beiträger des Bandes auszugehen, andere wiederum bestätigen dieses Vorurteil. Bestätigt wird in diesem Band auch das nach wie vor geringe Vertrauen in den Wiener Börseplatze: alle fünf Essays stammen von bundesdeutschen Fachleuten, denen fächerübergreifende Debatten zum Thema Literatur und Marktgeschehen offenbar eher zugetraut werden.

Den Auftakt macht mit Wolfgang Ferchel ein berufener Mann. Er ist Co-Geschäftsleiter des Frankfurter Eichborn Verlages, der 2000 den Börsegang wagte. Allerdings sagt Ferchel nichts über Gründe, Vorgangsweise und Folgekosten des Börsegangs für den Verlag. Stattdessen referiert er etwas betulich, mit populären Vergleichen aus dem Sport durchwürzt, die Mechanismen des zunehmend durchökonomisierten Buchmarktes: die ruinösen Folgen des Verdrängungswettbewerbs mit überdimensionierten Werbeetats und Buchhändlerrabatte, Lizenzhandel usw. Norbert Niemann fragt aus der Sicht des Autors nach den Möglichkeiten der Positionierung unter dem Diktat einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, das Performance-Qualitäten ebenso rasch belohnt wie es literarische Qualitäten hartnäckig ignoriert.

Burckhart Spinnen referiert ausführlich seine persönliche Entwicklung und sieht sich als Paradebeispiel für die allgemeine Entwicklung des Autorenselbstverständnisses. Hörbar wird hier die Klage der Angehörigen der Sandwichgeneration: zu jung, um an den alternativen Seilschaften der durch die Institutionen schreitenden 68er Generation zu profitieren, und bereits zu alt, als das Label "jung" über Nacht zur Marketing-Größe avancierte.

Mit der Idee des online-Texthandels im engeren Sinn beschäftigen sich eigentlich nur zwei Beiträge. Peter Geist verblüfft mit einer weitausholenden Darlegung seiner Entdeckung, dass sich aus dem börsenmäßig organisierten Texthandel doch keine Rückschlüsse auf die Rezeption der Texte durch die Anleger ziehen lassen. Wenn diese Erkenntnis Ziel des Projektes war, dann wurde es zumindest hier erreicht.

Differenzierter geht Petra Coronato mit dem Thema um. Die Grundmechanismen der Finanzmärkte scheinen ihr schon vor dem Spiel bekannt gewesen zu sein, und so konzentriert sie sich auf Fragen der Kommunikationsstrukturen im Rahmen eines Spiels, das auf die spezifische Kommunikationsfreudigkeit des Mediums Internet setzte, diese Kommunikation dann aber zum Teil verweigert und durch problematische Zugangsberechtigungen das Flair eines demokratischen Mediums gründlich entzaubert. Sie benennt auch den prinzipiellen Widerspruch der Literaturbörse am deutlichsten: indem die Texte erst bewertet, dann aber der Spekulation ausgesetzt wurden, werden zwei Diskursebenen miteinander vermengt, die unvereinbar sind. "Spekulation hat nichts mit demokratischem Wahlverfahren zu tun, drückt keine Meinung über die Aktie aus und ist kein Literaturwettbewerb." (S. 68)

Insofern war www.literaturboerse.com ein zumindest zweischneidiges Experiment. Das Ziel, Debatten über die ökonomischen Bedingungen des Marktes anzuregen, muss deshalb noch nicht verfehlt sein.

 

Evelyne Polt-Heinzl
10. Februar 2003

Originalbeitrag

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