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Christina Lutter, Markus Reisenleitner: Cultural Studies.

Eine Einführung.
Wien: Turia & Kant, 1998.
144 S., brosch.; öS 198.-.
ISBN 3-85132-191-X.

"Cultural Studies. Eine Einführung" nennt sich ein schmaler Band, der 1998 bei "Turia & Kant" erschienen ist und von Christina Lutter und Markus Reisenleitner gemeinsam verfaßt wurde. Das Buch ist als Pilotband einer Reihe zu verstehen, die den Titel "Cultural Studies" trägt und im gleichen Verlag erscheint. "Die Reihe 'Cultural Studies' möchte", so heißt es in der Einleitung, "zum einen mit der Übersetzung zentraler, vorwiegend englisch-sprachiger Texte ins Deutsche eine Annäherung an ein umfangreiches und vieldeutiges wissenschaftstheoretisches und -geschichtliches Projekt ermöglichen. Dabei soll der historischen Tiefendimension der Erforschung von Kulturphänomenen eine besondere Bedeutung zukommen, ebenso wie die Texte eine fundierte Auseinandersetzung mit methodischen Fragen und Theoriebildungen bieten soll." Folgerichtig trägt die Einführung "Cultural Studies" die Reihennummer 0. Als erster Band sind John Fiske's semiotische Analysen kultureller Phänomen, die von Madonna, dem Badestrand bis hin zum Einkaufszentrum reichen und den Titel "Reading the Popular" tragen, in deutscher Übersetzung als "Lesarten des Populären" vorgesehen.

Die Einführung zu den "Cultural Studies", um die es im folgenden gehen soll, legt ihre theoriegeschichtlichen Wurzeln deutlich dar. Keine Rede ist von jenen Kulturwissenschaften, wie sie nun seit einem Jahrzehnt auch an deutschsprachigen Universitäten als Disziplin verankert sind. Keine Rede auch davon, daß sich die Diskussion um die Kulturwissenschaften schon nach 1900 an einem emphatischen Begriff von Kultur entzündet hat. Vielmehr sehen die Autoren den Ursprung von "Cultural Studies" in den Arbeiten von Raymond Williams, Richard Hoggart, E. P. Thompson und Stuart Hall, die ihren institutionellen Charakter im CCCS (Centre for Contemporary Cultural Studies) in Birmingham erhielten. "Das CCCS trat an, die disziplinären Grenzen eines traditionellen Bildungssystems aufzubrechen und das Studium von Kultur zu demokratisieren." Im Klartext heißt das, daß sich eine Verschiebung in der Forschungsrichtung derart abzeichnet, daß nicht mehr eine wissenschaftliche Disziplin (Literatur, Philosophie, Kunstgeschichte) den Bereich vorgibt, in dem Fragestellungen entwickelt werden, sondern es ist die Kultur als solche, die in ihrer unterschiedlichen Ausprägung thematisiert wird. Fakultäre Zuständlichkeiten wurden abgeschafft und der Blick aufs Ganze gerichtet.

Dahinter verbirgt sich, vor allem in der Ausrichtung des CCCS, ein emanzipatorischer, ideologiekritischer Ansatz, den die Autoren in den ersten Abschnitten des Buches affirmativ entwickeln, um dann doch eher pauschal eingestehen zu müssen, "daß angesichts der globalen Herausforderungen am Ende des 20. Jahrhunderts" die Grundlagen der "Cultural Studies" einer "intensiven Reflexion" bedürfen. Im folgenden geben die Autoren einen Überblick, in welchen Feldern der kontemporären Theorieproduktion Ansatzpunkte für eine kulturkritische Wissenschaft, die nicht Theorie produzieren, sondern ständig theoretisieren will, liegen. ("I am not interested in Theory, I am interested in going on theoretizing", lautet etwa das Credo von Stuart Hall).

Das heißt aber, daß die Einführung in die Cultural Studies sowohl eine historische Bestandssicherung zum Ziel hat, als auch neue Perspektiven für diese Forschungsdisziplin nennen will.

Es sind die Leitbegriffe "Popularkultur und Massenmedien", "Identität und Differenz", "Gender und Sexualität", "Ethnizität, "Rasse", Nation" unter denen die Autoren Potentiale der Cultural Studies erblicken und abhandeln. Was in den einzelnen Kapiteln folgt, ist eine Präsentation der gängigen Theorien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und ihrer Repräsentanten. C. Levi-Strauss, J. Derrida, R. Barthes, P. Bourdieu, A. Gramsci, E. Said, M. Foucault, C. Geertz, J. Butler etc., deren eigenständige Theorien alle ihren Niederschlag in dem einen oder anderen Buch gefunden haben, das zum Feld der Cultural Studies gezählt werden kann.

In dieser Verschränkung liegt auch das unausweichliche Scheitern des Buches als Einführung begründet. Die Lektüre läßt die Vermutung kaum unterdrücken, daß die angepeilte Ausrichtung der Cultural Studies auf den Schultern der eben genannten Theorieproduktionen sich ausrichten soll. Ist dem so, dann kann eine Einführung nicht im schlichten 'name-dropping' stehen bleiben, weil der ganze Theoriehorizont der für die Cultural Studies wichtigen Grundlagenforschungen ausgeblendet bleibt. Andererseits ist es im Rahmen einer schmalen Einführung nicht möglich, diesen Theoriehorizont in adäquater Weise abzuhandeln.

Daran schließt sich eine generelle Einschätzung an, die dem Begriff der Cultural Studies von Anbeginn an anhaftete. Gerade die Offenheit der Cultural Studies für jede Ausrichtung von kritischer Theorie macht es unmöglich, ihren Gegenstand generell zu definieren. Das heißt, daß im Unternehmen, für ein solches Fach eine Einleitung zu schreiben, das gleiche Problem anzutreffen ist. Die Attraktivität, die gerade im Unbestimmten des Begriffs der "Cultural Studies" liegt, rächt sich an der hehren Aufgabe, die Magie des Begriffs in einer Einleitung sowohl historisch zu beleuchten als auch neu zu bestimmen.

Jürgen Thaler
28. Mai 1999

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