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Rolf Lindner, David Frisby (Hrsg.), Inka Mülder-Bach (Hrsg.): Reihe Parabasen im WUV Universitätsverlag.

Rolf Lindner:
Die Stunde der Cultural Studies.
WUV Universitätsverlag 2000 (= Reihe Parabasen).
128 S., brosch.; öS 168.-.
ISBN 3-85114-509-7.

David Frisby (Hrsg.):
Georg Simmel in Wien.
Texte und Kontexte aus dem Wien der Jahrhundertwende.
WUV Universitätsverlag 2000 (= Reihe Parabasen).
380 S., brosch.; öS 298.-.
ISBN 3-85114-524-0.

Inka Mülder-Bach (Hrsg.):
Modernität und Trauma.
Beiträge zum Zeitenbruch des Ersten Weltkrieges.
WUV Universitätsverlag 2000 (= Reihe Parabasen)
228 S., brosch.; öS 348.-.
ISBN 3-85114-511-9.

"parabasis" - "Danebentreten". So hiess jenes Gestaltungselement der altattischen Komödie, in welchem sich der Chor von der laufenden dramatischen Gestion temporär abwandte, um mit Kommentaren zum Stück oder zur Aktualität direkt das Publikum zu adressieren. Wenn nun der Wiener Universitätsverlag in Kooperation mit dem IFK (dem Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften) eine kulturwissenschaftliche Reihe unter der Sigle "Parabasen" aus der Taufe hebt und mit gleich drei Publikationen in die Welt entlässt, birgt die nominelle Anspielung des humanistischen Erbes ein offenbar grösseres verlegerisches Heilsversprechen als ein Aufruf des Brechtschen "Verfremdungsmodells" (welcher ja auf ähnliche Effekte aufklärender Desillusion abzielt). Vorerst fügen sich die drei Bände allerdings trefflich in das Dreiphasenmodell der alten parabasis, indem sie als Einleitung (Kommation) eine erfrischende Darlegung der "Cultural Studies" britischer Schule liefern, als Dichterlob (Anäpasten) eine umfassendes Portrait des Wirkens von Georg Simmel in Wien vorlegen, um sich mit einem denkwürdigen Aufsatzband über "Modernität und Trauma" zum abschliessenden Fortissimo (Pnigos) aufzuschwingen.

Rolf Lindner, Professor für europäische Ethnologie in Berlin, legt mit seinem Essay "Die Stunde der Cultural Studies" nicht nur eine praktikable Einführung in das angloamerikanische Modell des Studiums populärer Kulturen vor, sondern reflektiert zugleich eine Fülle von Problemstellungen, welche einerseits die empirische Erforschung (zeitgenössischer) Subkulturen betreffen, zum andern aber auch die Interessen und Forschungsvorlieben der scientific community als Resultate soziologischer Determinanten und disziplinärer "Stammeskämpfe" beleuchten.

Einen Mann zwischen den Disziplinen aus einem unkonventionellen Blickwinkel stellt das von David Frisby edierte Lesebuch zu "Georg Simmel in Wien" vor, welches die von dem Berliner Philosophen und Soziologen in Wiener Zeitschriften publizierten Beiträge zusammenstellt, zugleich aber durch den Abdruck der an der Donau erschienenen Kommentare, Rezensionen und Nachrufe einen exterritorialen Rezeptionsraum modelliert. Es wird deutlich, wie Simmel einige Texte als Probegalopps nach Wien verschickt (etwa aus der "Philosophie des Geldes"), andere hingegen gezielt dorthin plaziert, um strittige Berliner Angelegenheiten ungehindert glossieren zu können. So sind Simmels Bemerkungen "Zur Privatdocenten-Frage" ebenso lesenswert wie die Beobachtung ephemerer Architektur ("Berliner Gewerbe-Ausstellung"). So gerne wir im Wiener Rahmen so berühmten Texten wie "Zur Psychologie der Mode" oder "Rom" wiederbegegnen, so spannend sich hier - der Stadt Elias Canettis! - Simmels vielgestaltige Präokkupation mit der Phänomenologie der modernen Massengesellschaft verfolgen lässt, so sonderbar konsequent lässt es Simnmel an jeder Bezugnahme auf den Publikationsort fehlen. Wertvoll indes sind die Rezensionen des Simmelschen Werkes, welche als skeptische Einsprüche namhafter Fachleute (etwa des Ökonomen Carl Menger oder des Soziologen Thomas G. Masaryk) auch heute zu bedenken wären.

Die Aufsatzsammlung "Modernität und Trauma" schliesslich entfaltet ein tragisches Panorama der Allgegenwart von Gewalterfahrung im 20. Jahrhundert. Als Paradigma figuriert dabei der Erste Weltkrieg, in dessen Verlauf Diagnose und Diskussion der Phänomene traumatischer Störungen weite Aufmerksamkeit beanspruchten. Waren all jene zitternden, stammelnden, aphasischen Kriegsheimkehrer, welche finanzielle Entschädigung und staatliche Renten einforderten, tatsächlich "krank" oder einfach nur Simulanten? Und: War das "shell shock"-Syndrom körperlicher oder rein seelischer Natur? Solche Fragen sollten bis Anfang der dreissiger Jahre nicht nur die Physiologen, Psychiater, Versicherungsfachleute und Gesellschaftstheoretiker höchst kontrovers beschäftigen (Paul Lerner), sondern drückten auch den diskursiven und künstlerischen Äusserungen der Epoche ihre Signaturen auf: manifest im Kriegsroman (exzellent: Eva Horn), offensichtlich im Film (Anton Kaes), verdeckt in der Philosophie Ludwig Wittgensteins (verblüffend: Thomas Macho), verschlüsselt in den Bildern Max Ernsts (Ralph Ubl) oder verdrängt präsent in der Konjunktur der Radiophonie (Helmuth Lethen). Buchstäblich weit über den Ersten Weltkrieg hinausreichend war freilich die Konsequenz, welche die Ideologen aus den auf dem Schlachtfeld und durch die "Schmach von Versailles" erlittenen Traumatisierungen zogen: Es war nicht allein der frenetischen Stimme Ernst Jüngers vorbehalten, dem neurotisierten deutschen Gesellschaftskörper einen Zweiten Weltkrieg quasi als Schocktherapie vorzuschreiben (Bernd Ulrich, Albrecht Koschorke).

Christiane Zintzen
30. April 2001

zuerst erschienen in: NZZ, 5. 4. 2001.

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