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Andreas Maier: Thomas Bernhards Prosa.

Göttingen: Wallstein, 2004.
304 S.; geb.; Euro(A) 19,60.
ISBN 3-89244-859-0.

Was macht den "Kontinent Bernhard" eigentlich so anziehend? Ist es wirklich nur der unbestreitbare Sprachsog, oder der angeblich rücksichtslose Wille zur Wahrheit, zur eigenen und zur lange verleugneten österreichischen, ist es die Verschlingung von Komödie und Tragödie und die allmählich sich entwickelnde Altersweisheit ihres Schöpfers - oder gibt es sozusagen technische Verfahren, kommunikative Strategien jenseits der berüchtigten "Skandale", mit denen dieser Autor für sich und die von ihm gestalteten Figuren die Anteilnahme des Publikums erobert hat? Wenn ein - allerdings germanistisch gebildeter - Romancier wie Andreas Maier ein Buch verfasst, in dem er sozusagen als Kollege herauszufinden versucht, wie Bernhard "es gemacht hat", dann ist das in jedem Fall ein Unternehmen gegen den "mainstream" der Bernhard-Interpretation, das Aufmerksamkeit verdient, auch wenn es etablierte alternative Sichtweisen der von Maier analysierten Konstellationen gibt.

Maiers Buch basiert in seinen besten Teilen auf einer punktgenauen Lektüre der Geschichten, die Bernhard erzählt. Im Zentrum stehen vom Frühwerk "Frost", "Verstörung", "Amras", "Das Kalkwerk" und "Korrektur"; vom Spätwerk "Der Untergeher" und "Alte Meister" und vor allem die "autobiographischen" Texte. Die Untersuchung, das sei vorausgeschickt, ist stellenweise äußerst detailverliebt, was auf ein Defizit an lektoraler Zuwendung schließen lässt, und ist vor allem eigenartig aufgebaut. Der erste Teil ist ein wenig schwerfällig und enthält viele Beispiele, die mit dem Gesamtanliegen nichts zu tun haben. Maiers Thesen werden erst nach etwa siebzig Seiten klar und nachvollziehbar, dann nämlich, wenn er sich den "autobiographischen" Texten zuwendet. Spätestens seit Louis Huguets "Chronologie", und den erstaunten Zwischenrufen von Leitern von Bildungsanstalten, die Bernhard mit Abschlussarbeiten zu "Brecht und Artaud" absolviert haben will, wissen wir: die Fakten stimmen nicht, der Großvater hat etwa keineswegs den Priester, der ihm die letzte Ölung anbot, hinausgeworfen, und auch die Komödie um sein Begräbnis hat so nicht stattgefunden. Maiers Resümee kann hier wenig Neues bringen, interessant ist die Frage, die er im Anschluss an Huguet stellt: wie manipuliert Bernhard die Wahrheit, warum tut er das und was bedeutet das für seine schriftstellerische Persönlichkeit, sein Weltbild und sein Image als Moralist.

Thomas Bernhard hat massiv in die Rezeption durch seine Leser eingegriffen, indem er sich - und seine Figuren - mit einer Fülle von rhetorischen Strategien interessant gemacht hat. Er selbst und seine Figuren existieren immer in einem "superlativistischen" Bereich, in dem Archetypen, mythologische und scheinbar der Philosophie entstammende Konstellationen angespielt werden. Das ist bekannt, aber Maier zeigt durch seine akribische Lektüre auch die Folgen dieses Verfahrens: Bernhard ist der Gefangene seiner eigenen pathetisierenden Erzählweise und verwickelt sich eigentlich ständig in Widersprüche.

Das gilt nicht nur für die "Autobiographie": Ähnlich geht Bernhard mit seinen kalkuliert rätselhaften Figuren um, von denen viele Konstellationen repräsentieren, die sich der Autor selbst zuschreibt. Vor allem im Frühwerk konstruiert Bernhard existentielle Teleologien, die der Text nicht trägt - Maier zählt das zu den von ihm beschriebenen "Verführungsstrategien" dieses Autors. Der Leser soll, so Maier, in Personen wie Strauch, Roithamer und Konrad Lebensweisen sehen, die unhintergehbar, die letztgültig sind, und zwar vor allem in ihrem Scheitern und ihrem Todesbezug. Doch nur selten ist das Ergebnis textimmanent schlüssig. Exemplarisch sichtbar ist das an der"Autobiographie". Sie ist durchzogen von dem Bemühen, eine sehr heterogene Leserschaft zu verleiten, dem Autor einen hohen Rang zuzuschreiben. Doch dabei muss beispielsweise der Erzähler seiner angeblichen Erlebnisse in der Lungenheilanstalt von der Rolle des Beobachters in die des Sozialkritikers und von dort in die des Opfers und letztlich in die des Helden schlüpfen. Und das geht nicht ohne professionelle Fehler ab: Abläufe stimmen nicht und einander ausschließende Variationen des gleichen Ereignisses - etwa der "beinahe - Sterbeszene" im Badezimmer der Heilanstalt - werden angeboten. Mit diesen Beobachtungen am Text geht Maier über Huguet hinaus: nicht nur, dass die geschilderten Ereignisse mit der biographischen Realität nicht übereinstimmen - die erzählte Geschichte ist in sich unwahr, die Selbststilisierung ist inkohärent. Doch die einander widersprechenden Variationen enthalten unzählige um den Leser werbende "Bündnisangebote", die sehr heterogene gesellschaftliche Sichtweisen befriedigen.

Bernhard, gelesen durch die Brille Andreas Maiers, war also nicht nur ein Angeber und Lügner, er war auch ein schlechter Lügner, dem ein aufmerksamer Leser eigentlich leicht auf die Schliche kommt. Dennoch hat seine Kindheitsgeschichte unzählige Menschen gerührt - er war also ein guter "Verführer" und hat es erfolgreich verstanden, sein Publikum an einer kritischen immanenten Lektüre zu hindern. Man kann diese erfolgreichen "Verführungsstrategien" als bisher zu wenig gewürdigte schriftstellerische Fähigkeit Bernhards verbuchen. Das ist allerdings - so es denn eine schriftstellerische Moral gibt - eine ambivalent zu bewertende Fähigkeit. Bis in die Mikroebene einzelner Sätze, so Maier, sei Bernhard der Effekt wichtiger gewesen, als der Wahrheitswille, ja letzterer sei "nirgendwo erkennbar". Das kann man wohl als kräftige Attacke auf das nach außen kultivierte Selbstbild Bernhards lesen, das auch in der Literatur Eingang gefunden hat. Die häufige Berufung auf Montaigne, den Meister der kritischen Selbstbeobachtung, ist angemaßt - Montaigne, so Maier, ist eine Maske. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Autor in einem Text extrem verschiedene Variationen eines Ereignisses gibt, die nur eines gemeinsam haben, dass er dabei gut wegkommt. Ein Adept Montaignes wäre allerdings verpflichtet, den eigenen Hang zu angeberischen Lügen kritisch zu reflektieren und ihn nicht hinter Floskeln wie der Berufung auf seine subjektive Wahrheit oder gar der pauschalen Behauptung, dass ohnedies alles Aufgeschriebene unwahr sei, zu verbergen. Auch die Selbstcharakterisierung als "Übertreibungskünstler" ist nach den Standards, die Montaigne vorgibt, unzureichend. Wenn Bernhard über die Unmöglichkeit, die Wahrheit zu erfassen, räsoniert, dann spricht er eigentlich über seine Unwilligkeit diese Wahrheit zu erzählen - und davon, dass es ihm, so Maier, wichtiger war, sein Publikum zu beeindrucken.

Alfred Pfabigan
12. November 2004

Originalbeitrag

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