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Leseprobe: Michael Amon - "Sonnenfinster."

Leseprobe (S. 32f)

Der Wetterbericht war schlecht. Es hatte die ganze Nacht geregnet. Und auch nun, am frühen Morgen, war es bewölkt und der Himmel dunkel. Ganz wie damals, 1927 in England. Nur noch dunkler. Und dass er kein junger Mann mehr war. Es würde die letzte Finsternis sein, die er erlebte. Jene Finsternis, für die er all die Jahre zurückgelegt hatte. Für die er all den Komfort und all den Reichtum geschaffen hatte, die ihn nun umgaben. Er würde siegen. Er würde siegen wie immer. Wie er es gewohnt war. Wie man es von ihm erwartete. Wie er es von sich selbst erwartete. Kraft seines Willens würde er die Wolken beiseite schieben und nicht vergeblich gelebt haben. Einen Karl Kühn betrog man nicht. Vielleicht um ein paar Millionen, aber nicht um sein Lebensziel.
Er hatte alles hinter sich gelassen. Er war ziemlich allein, bis auf ein paar geldgierige Erben. Niemand von ihnen besaß sein Format. Er war der erste und der letzte seiner Art. Über sein Leben während der Kriegsjahre hatte er immer geschwiegen. Das Vermögen, das nach den Verkäufen seiner Besitztümer geblieben war, trug er in einem kleinen Ledersäckchen immer am Körper mit sich herum. Das wusste er noch von dieser Zeit. Alles andere war längst versunken, des Erinnerns nicht wert. All die Bilder, die jetzt an ihm vorbeizogen, hörten 1939 auf und setzten erst wieder Ende 1945 ein. Dazwischen war nichts. Nichts, was zu berichten wäre.
Er tauchte unter und wieder auf. Kaufte dieses Haus. Brachte es erneut zu Macht und Ansehen. Sein Ledersäckchen leerte sich nach und nach. Es war eine neue Zeit. Den Banken traute er noch immer nicht. Er zahlte bar. Kaufte Fabriken, und wo keine zu kaufen waren, gründete er neue. Und als alle Diamanten aus seinem Ledersäckchen verschwunden waren, hatten sie sich auf wunderbare Weise in Industriehallen und Grundstücke, in Wälder und Seen verwandelt. Und schon nach wenigen Jahren war er der reichste Mann dieses kleinen, wiedererstandenen Landes. Erinnerung zählte da nicht. Er blickte nur nach vorne, sah nur eine wirklich wichtige Zahl: 1999. Und in der Folge: 2000. Dann hatte er es geschafft. Ein Karl Kühn machte es nicht unter hundert Jahren, dachte er in diesem Moment wieder einmal. Hundert Jahre - das ist ihm genau angemessen, wie ein Maßanzug. Da zwickte und zwackte nichts, auch wenn ihn sonst alles zwickte und zwackte. Er war der Mann aus dem Nichts, hatte immer ein großes Geheimnis um seine Herkunft gemacht, und merkwürdigerweise war ihm dies auch gelungen. Vielleicht lag es daran, dass er in all den Jahrzehnten niemals ein Interview gegeben hatte, so neugierig die Journalisten auch waren. Es gab nur ein einziges Foto von ihm, Jahrzehnte alt, mit einem schlechten Teleobjektiv ohne sein Wissen aufgenommen, längst vergilbt, in den Redaktionsstuben immer wieder nachretouschiert und aufgefrischt.
Ein Mann ohne Vergangenheit.
Ein rätselhafter Schweiger.
Ein mächtiger Mann.

© 2006 Molden Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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