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Susanne Marten-Finnis und Matthias Uecker (Hrsg.): Berlin Wien Prag.

Moderne, Minderheiten und Migration in der Zwischenkriegszeit.
Bern, Berlin, Bruxelles u.a.: Peter Lang, 2001.
293 S., brosch., EUR 44.50.
ISBN 3-906767-69-8.

In ihrer dezidiert nicht-bibliophilen Aufmachung sieht die Publikation aus dem Peter Lang-Verlag aus, als ob sie die Beiträge eines wissenschaftlichen Symposiums enthielte. Auch ihr Titel klingt nach dem Programm einer Tagung - und so ist es nicht weiter überraschend, dass der Band tatsächlich 17 Vorträge versammelt, die im September 2000 auf einer Konferenz an der Queen's University in Belfast gehalten wurden. Sie sind zum einen Teil in deutscher, zum anderen Teil in englischer Sprache verfasst und unterscheiden sich in ihrer thematischen Reichweite, aber auch in ihrem theoretischen Anspruch beträchtlich voneinander. Ob man dies als Vielfalt loben oder als Wahllosigkeit tadeln möchte, mag Geschmackssache sein - sicher ist, dass ein solch uneinheitlicher Symposiumsband nicht zur Ausnahme, sondern zur Regel gehört. Tagungen und Konferenzen kommen meist nach einem Prinzip zustande, das auf Englisch "B.Y.O" genannt wird, also: bring your own. Auch die schriftlichen Fassungen der Vorträge bleiben diesem Programm treu: manches ist besser, manches schwächer, manches spezialistisch, anderes mit hohem Anspruch auf Allgemeingültigkeit, und manches wäre genauso gut oder besser in einem anderen Symposiumsband aufgehoben. Doch braucht man darüber nicht weiter zu lamentieren - so kommt wissenschaftliche Erkenntnis eben zustande.

Nun unterliegen die disparaten Beiträge dieses Bandes durchaus einem Konzept: Sie befassen sich mit den kulturellen und sozialen Wechselbeziehungen, die zwischen den drei mitteleuropäischen Hauptstädten Wien, Prag und Berlin in den Aufbruchsjahren der Zwischenkriegszeit bestanden. Drei Wörter mit M sind es, die den Charakter dieser Wechselbeziehungen näher beschreiben: Als erstes ist da die Moderne, die als internationales Phänomen in allen drei Städten ihre Wirksamkeit entfaltete. In einem der lesenswertesten Aufsätze des Bandes, "The Politics of Place" betitelt, zeigt Andreas Kramer allerdings, dass die Kunst der Moderne keineswegs an die Existenz der Metropolen - noch ein Wort mit M - gebunden war, sondern sich auch in der Provinz entfaltete. Kramer versteht seinen Text ausdrücklich als Einspruch gegen die allzu geläufige Vorstellung, Provinz sei unbedingt rückständig, Großstadt absolut modern. Neben Kramer untersuchen noch andere Beiträger die verschiedenen Erscheinungsformen der künstlerischen Moderne in Wien, Prag und Berlin: von der Architektur und der Fotografie bis zur Literatur und zur Hochstapelei. Letztere wird von Manfred Malzahn an mehreren Beispielen vorgeführt, vom bekannten Hauptmann von Köpenick bis zu den weit weniger bekannten Geldfälschern und Betrügern Makembe und Munume, zwei Afrikanern, die sich im Berlin der zwanziger Jahre beliebt zu machen suchten, indem sie sich als Franzosenfeinde und als Kämpfer für Deutschlands koloniale Präsenz in Afrika ausgaben.

Zum zweiten folgt die Migration, also die große Wanderungsbewegung, die in der Zwischenkriegszeit durch Ost- und Mitteleuropa westwärts zog: In diesem Teil werden vor allem Zeugnisse ostjüdischer Schriftsteller präsentiert. Doch wird auch ein Schriftsteller behandelt, der unter dem Stichwort "Moderne" ebenso am Platz gewesen wäre: Egon Erwin Kisch, der seinen beruflichen Werdegang als Lokalreporter und Feuilletonist in Prag begann, dann in Wien an der Revolution von 1918 teilnahm, und schließlich in Berlin als "rasender Reporter" zu einem Erfolgsautor der Weimarer Republik wurde. Matthias Uecker untersucht in seinem Beitrag die "Medienstrategien", die Kisch verfolgte, um diesen Weg zurücklegen zu können. Dabei wird einmal mehr klar, was auch in anderen Publikationen der letzten Zeit betont wurde: Die Attraktivität, die Berlin auf die Intellektuellen Europas ausübte, entsprang vor allem der Konzentration der Medien (schon wieder ein Wort mit M): Keine andere Stadt hatte so viele Zeitungen, Filmstudios, Buchverlage, Theater etc. wie Berlin, und wer im kulturellen Bereich reüssieren wollte, musste es dort tun oder nirgends.

Teil drei schließlich ist den Minderheiten, bzw. ihrer "kulturellen Konstituierung" gewidmet. Wie Christian Jäger im Einleitungsessay dieser Abteilung darstellt, sind Minderheiten nicht einfach da, sondern werden gemacht, indem sie von der Mehrheit als Minderheit angesehen werden. Mehrheit, englisch "majority" ist allerdings ein M-Wort, das in diesem Band weniger ausführlich behandelt wird. Sie gehört, wie es scheint, nicht recht zur Sache. Auch Jäger stellt die Minderheit selbst ins Zentrum des Interesses: Er zeigt, dass sie sich ein Bewusstsein ihrer Situation erschreiben oder anderswie erwerben muss, und er betont vor allem, dass in diesem Prozess die Literatur eine bedeutende Rolle spielt. Romane der Prager Juden Oskar Baum, Ludwig Winder und Hermann Ungar liefern ihm die Beispiele.

So ließe sich noch einiges mehr referieren. Doch werden Leser und Leserinnen einen solchen Band in der Regel nicht von vorn bis hinten durcharbeiten, sondern auswählen, was ihnen gerade von Nutzen ist. Auch der Schreiber dieser Rezension stellt keine Ausnahme von dieser Regel dar. Nicht alle Beiträge hat er gelesen, im Ganzen traut er sich jedoch das Fazit zu: Wissenschaftler und interessierte Laien, die einen geistigen Vindobona-Express besteigen, und von Wien über Prag nach Berlin und wieder retour fahren wollen, finden in diesem Buch reichlich Material und einige grundlegende Gedanken. Dass sich auch ein Essay über Karl Valentins Chaosproduktion mit Hilfe streng individueller Zeitbegriffe in das Buch eingeschlichen hat, erklärt sich nicht zwingend aus der Gesamtanlage. Da die Hauptthese des Verfassers David Robb jedoch besagt, Valentin habe alle geregelten Abläufe stören und durchkreuzen wollen, lässt man sich den Text über einen Münchener Komiker auch in einem Kontext gefallen, in dem er streng genommen fehl am Platz ist.

 

Hermann Schlösser
8. April 2002

Originalbeitrag

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