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Deutsches Theatermuseum München (Hrsg.): Über das Theatertreffen Berlin und Serapionstheater Wien.

Berliner Festspiele, Deutsches Theatermuseum München (Hrsg.)
Theaterjahr 1999.
Deutschland, Österreich, Schweiz.
36. Theatertreffen. Berlin.
München, London, New York: Prestel, 1999.
197 S., geb.; DM 49,80. ISBN 3-7913-2137-4.

Erwin Piplits
Serapions Theater.
Verwandlung und Wirklichkeit.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 1998.
335 S., geb.; öS 769.-. ISBN 3-205-98955-4.

Mit diesen Büchern liegen zwei opulent gestaltete Bände zum gegenwärtigen Theaterschaffen im deutschsprachigen Raum vor, das eine zu zehn repräsentativen Inszenierungen von 1998/99, das andere zur Geschichte eines Ensembles und eines kleinen, eigenständig eigenwilligen Theaters in Wien.

Zu den zehn Inszenierungen, die die fünf Juroren für das Theatertreffen in Berlin ausgewählt haben, zählen u. a. zwei Horváth-Inszenierungen ("Geschichten aus dem Wiener Wald" in der Regie von Martin Kusej am Thalia Theater Hamburg; "Figaro läßt sich scheiden" in der Inszenierung von Luc Bondy am Theater in der Josefstadt, Wien) und Thomas Bernhards "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen" in der Inszenierung von Philip Tiedemann am Akademietheater Wien sowie eine weitere Inszenierung am Akademietheater (Franz Xaver Kroetz' "Die Eingeborene" unter der Regie Achim Freyers). Der Band geht jedoch weit über eine Dokumentation dieses einen Treffens hinaus. Essays zu den Veränderungen an deutschsprachigen Bühnen Ende der neunziger Jahre - etwa der "Generationenwechsel" in den Reihen der Intendanten -, oder Entwicklungen, wie sie junge englische Dramatiker zeigen (Verena Auffermann: Schmutzige Finger. Horrormärchen als Schule der Empfindung) stellen, genauso wie Peter Idens Einführung zum Theaterjahr 1998/99 das hier Dokumentierte in einen kulturellen und kulturpolitischen Kontext. Die Auswahl für dieses 36. Theatertreffen sei, meint Peter Iden, durchaus auch als Plädoyer gegen eine Kulturpolitik zu verstehen, die in gewachsene Strukturen eingreifen will, ein Plädoyer für den Erhalt der Stadt- und Staatstheater und ihrer Ensembles. Eingeladen wurden diesmal auch aus diesem Grund Inszenierungen, die der Arbeit des Schauspielers besonderes Augenmerk schenken.

Ein Chronikteil setzt sich mit der Person Gustaf Gründgens, anläßlich seines 100. Geburtstages, und dem Theater im Dritten Reich auseinander, ein weiterer Beitrag ist dem 10. Todestag Bernard-Marie Koltès gewidmet, der dritte Text, ein liebevoll-kritisch gestaltetes Porträt des scheidenden Burgtheaterdirektors Claus Peymann (Benjamin Henrichs) ist zugleich Ausblick auf künftige Entwicklungen.

Theaterfotografie, als Korrektiv der Regie- und Probenarbeit eingesetzt sowie als archivierbare Dokumentation der Theaterarbeit, ist häufig durch das Video abgelöst worden, womit auch der Weg der Theaterfotografie zur angewandten Kunst frei wurde. Der Band stellt vier Theaterfotografen vor, und besonders in dem Beitrag über Abisag Tüllmann, die dreißig Jahre mit Claus Peymann zusammenarbeitete, werden Funktion und Bedeutung der Fotografie im Theater deutlich: Tüllmanns Szenenfoto der Kleistschen "Hermannsschlacht", aus der ein Plakat gestaltet wurde, gewann geradezu Kultcharakter, wurde in über 10.000 Exemplaren verkauft, ist eigenständige Kunst, zugleich Teil der legendären Bochumer Peymann-Inszenierung sowie des Marketings.

Die Fotografie als eigenständiger, über die Dokumentation hinausgehender Teil einer Inszenierung bildet auch die Basis des Text-Bildbandes über das Wiener Serapionstheater. Vorgestellt werden die Inszenierungen der Jahre 1973 bis 1998 dieses Theaters, das sich gegen die übrige Theaterszene und die Trends stets abgegrenzt hat.

Die Verknüpfung von Fotografie, Inhaltsangabe, Beschreibungen des Bühnenraums, Inszenierungsidee und -geschichte bis hin zu den Veränderungen durch die Wechsel der Spielorte machen die Wandlungen des Theaters deutlich, das zunächst unter dem Namen "Pupodrom" mit konventionellen Stückvorlagen als Puppenbühne mit ihren Kunstfiguren und Masken begann. Über den Weg der konkreten und visuellen Poesie sowie des Dadaismus entwickelte das Ensemble über die freie Improvisation - in Probenarbeit zur Präzision ausgefeilt - eine eigenständige Theaterform. Über Jahre bildeten das Phantastische, das Spiel, der Traum die Themen, mit der Übersiedlung ins Odeon, der ehemaligen Börse für landwirtschaftliche Produkte im 2. Wiener Gemeindebezirk, rückten Arbeiten zu einem kritischen Menschenbild in den Mittelpunkt. In den Texten von Erwin Piplits, der durchwegs für die Inszenierung, häufig auch für die Idee und die Bühne verantwortlich zeichnet, ist die Begeisterung und die Überzeugung für diese Art von Theater immer spürbar. So ist dieser Band neben einer informativen Chronik vor allem eine liebevolle Selbstdokumentation.

Ulrike Diethardt
15. Juli 1999

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