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Hans A. Neunzig, Ingrid Schramm (Hrsg.): Hilde Spiel.

Weltbürgerin der Literatur.
Wien: Zsolnay, 1999.
(Profile. Magazin des Österreichischen Literaturarchivs. Bd. 3).
143 S., brosch.; öS 175.-.
ISBN 3-552-04895-2.

Hilde Spiel wollte eigentlich "nur" eine Dichterin sein. Stattdessen wurde sie auch - und schließlich hauptberuflich - Kritikerin, Essayistin, Übersetzerin, Biografin und einflußreiche Vermittlungsfigur im österreichischen Literaturbetrieb. Dem wechselvollen Leben und Werk Hilde Spiels ist der neueste "Profile"-Band gewidmet.

Talent bewies die "Weltbürgerin der Literatur" schon früh. Ihren ersten Roman "Kati auf der Brücke" konnte die 22jährige beim renommierten Zsolnay-Verlag unterbringen, die erträumte Karriere als Schriftstellerin stand bevor. Doch dann der erste Rückschlag. Ihr nächster Roman "Sonderzug" wurde 1935 wegen politischer Bedenken abgelehnt, ein Jahr später emigrierte sie nach London, wo sie Peter de Mendelssohn heiratete. Ihr nächstes Buch ("Flute and Drums"), das 1939 erschien, hat Spiel bereits auf englisch geschrieben.
Die Emigration markiert die wichtigen Weichenstellungen in Hilde Spiels Leben: Sie wird zeitlebens auf der Suche nach "ihrer" Heimat bleiben ("Welche Welt ist meine Welt?" - so der Titel des zweiten Memoirenbandes), mit der Gründung einer Familie (Spiels Kinder wuchsen im Londoner Exil auf) ist sie von nun an vor die Aufgabe gestellt, als freie Journalistin regelmäßig Geld zu verdienen. Der Brotberuf wird sie in Zukunft daran hindern, sich ausschließlich ihren schriftstellerischen Projekten zu widmen.

Nach dem Krieg versucht Spiel, auch in Wien wieder Fuß zu fassen. Ihre Zerrissenheit zeigt sich deutlich in einer Stelle des "Tagebuches 1946": "England, in dem ich jetzt zu Hause bin, hat mich nicht aus seinem Bann entlassen. Im britischen Pressequartier des dritten Wiener Gemeindebezirks bin ich auf doppelte Weise daheim." (S. 74) Ein Exklusivvertrag als Kulturkorrespondentin für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" besiegelt schließlich 1963 die endgültige Rückkehr nach Wien. Als Kritikerin und Essayistin feiert sie dann die Erfolge, die ihr als Schriftstellerin zumeist versagt blieben. Sie hat "die Tagesberichterstattung zur Kunstform" (S. 110) erhoben, so Doris Simhofer in ihrem Beitrag über die "Tagesschreiberin" Spiel. Und Marcel Reich-Ranicki in einer Lobrede, die ebenfalls im vorliegenden Band zu finden ist: "Sie deutet, in dem sie verdeutlicht, sie entscheidet, indem sie unterscheidet, sie richtet, indem sie berichtet." (S. 52) Spiels Urteil war stets ausgewogen, das Schrille, Pointierte, Extreme war ihr fremd. "Die Kunst, freundlich zu tadeln, beherrschte sie vollkommen: Mit Vorliebe rügt sie ex positivo." (S. 56) Ihr Engagement für die Vertreter der "Wiener Gruppe", das "Forum Stadtpark", für Thomas Bernhard und Rolf Hochhuth bezeugen die Offenheit Hilde Spiels gegenüber neuen literarischen Strömungen. Der Versuch, die Avantgarde in den konservativen österreichischen P.E.N.-Club zu integrieren, mißlang jedoch. Spiel enttäuscht zu Robert Neumann: "[...] und von Thomas Bernhard mußten wir uns die Mitgliedschaft ins Gesicht schmeißen lassen". (S. 129)

Als Schriftstellerin arbeitete sie seit 1957 an einem biografischen Projekt über Fanny von Arnstein, eine jüdische Preußin, die während des Wiener Kongresses einen berühmten literarischen Salon geführt hatte. In ihr erkannte Spiel eine "Leit-, Signal- und Symbolfigur der jüdischen wie der weiblichen Emanzipation" (S. 33) Spiel bemühte sich bei der Darstellung um historische Objektivität "mit Hilfe von möglichst vielen zeitgenössischen Quellen [...] und unter Verzicht auf jede romanhafte Ausschmückung" (S. 40). "Fanny von Arnstein oder Die Emanzipation", 1962 erschienen, verkaufte sich ganz gut, vom literarischen Schaffen allein konnte Hilde Spiel jedoch auch weiterhin nicht leben. Erst 1984 gab sie ihre Tätigkeit als Korrespondentin für die "FAZ" auf. Gegen Ende ihres Lebens äußerte sie sich enttäuscht darüber, wie wenig Zeit sie für ihr eigenes literarisches Schaffen gehabt habe.
Es muß eine besondere Genugtuung für sie gewesen sein, daß "Anna und Anna", die "literarische Gestaltung zweier möglicher Lebensentwürfe durch Aufspaltung einer Person in ein verdoppeltes Ich" (Hilde Haider-Pregler, S. 45), ursprünglich als Roman geplant, dann als Drehbuch verwirklicht und schließlich als "Notlösung" für's Theater umgearbeitet, am 13. April 1988 im Vestibül des Burgtheaters uraufgeführt wurde. Es war dies ein später Triumph der Schriftstellerin Spiel, knapp zwei Jahre vor ihrem Tod.

Nicht nur die Kritikerin und Essayistin Hilde Spiel findet in dem vorliegenden "Profile"-Band Beachtung. Die Beiträge beschäftigen sich auch mit der Erzählerin, der Biografin, der Übersetzerin englischer Theaterstücke, der Theaterkritikerin im Berlin der Nachkriegsjahre. Daraus ergibt sich - auf dem neuesten Stand der Forschung basierend - ein facettenreiches Bild einer bemerkenswerten Persönlichkeit des literarischen Lebens nach 1945.

Peter Stuiber
7. April 1999

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