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Madeleine Napetschnig: Klaus Hoffer.

Graz, Wien: Droschl, 1998.
(Dossier extra.)
198 S., m. Abb., brosch.; öS 400.-.
ISBN3-85420-486-8.

Klaus Hoffers "Bei den Bieresch" wird zumeist als typisch postmoderner Text rezipiert, Hanns-Josef Ortheil zählt ihn in seinem 1990 erschienenen Buch "Schauprozesse" sogar neben Wolfgang Hildesheimers "Marbot" und Gerold Späths "Commedia" zu den Hauptwerken postmoderner Haltung innerhalb der deutschsprachigen Literatur.

Das Besondere an Hoffers zweiteiligem Bieresch-Roman ("Halbwegs" erschienen 1979, "Der große Potlatsch" 1983) liegt darin, "daß die Fülle unterschiedlichster Diskurse den Text nicht etwa nur überlagert oder quasi in zweiter Spur erschließt. Die Diskurse sind der Text selbst" (S. 8), was Madeleine Napetschnig zum Anlaß nimmt, sich den beiden Romanen auf textimmanenter Ebene zu nähern. Sie tut dies minutiös, indem sie Hoffers Mittel der Intertextualität analysiert und sich auf die Dekonstruktionen des Raumes konzentriert: die Ebene des Topografischen, Geografischen, Toponymischen und Ethnografischen. Ausgangspunkt dabei bleibt jene authentische Landschaft, das Burgenland, die Gegend um den Neusiedler See, in der Hoffer seinen Text - natürlich nicht ohne falsche Fährten zu legen - ansiedelt. Angeregt durch einen Vortrag des Volkskundlers Karoly Gaál fand Hoffer (wie er selbst in dem 1991 publizierten Essay "Pusztavolk" ausführt) in den Meierhofleuten des ehemaligen Westungarn, den béresek, einer Gesellschaft von Landarbeitern, die abgeschottet von der Dorfgemeinschaft in den Pusztas lebte, das soziale Modell und den geografischen Ort seines Bieresch-Romans.

Napetschnig macht sich die permanente Suchbewegung des Romans auch für ihre Analyse zueigen. Diese nichtlineare Suchbewegung zwischen den zahlreichen Ebenen des Textes nun ist es, die den Leser durchaus in Spannung zu halten vermag; der Text läßt sich als Reiseführer durch den Roman lesen, der ja nicht zuletzt ein Roman einer Orientierungs- und Wahrnehmungskrise ist: Detailliert wird da zunächst die Hauptfigur und deren Wahrnehmung analysiert, die, aus der Stadt zu den Bieresch kommend, immer wieder aufs neue - vergeblich - versucht, sich der eigenen Person und den Leuten erkennend und begreifend anzunähern, um dann die realen (burgenländischen) von den fiktiven Räumen zu trennen, diverse volkskundliche, kulturgeschichtliche, architektonische oder sprachliche Daten auf ihr Aufscheinen und ihre Veränderungen, Verfremdungen, Verlagerungen usw. im Text hin zu untersuchen. Die folgende Suchbewegung führt wiederum weg von realen Räumen, weist Hoffers Spiel mit der Geografie in erster Linie als Sprachspiel aus, "das Geographica in ihrer sprachlichen Selbstpräsenz, nicht in ihrer Repräsentation erfaßt". (S. 34) Nach einem Abriß über Intertextualität und Dekonstruktion, in dem selbst Handlungsebenen von Hoffers Roman zum Spielraum der textuellen Selbstreflexion erklärt werden, führt die Analyse den Leser ins Zentrum des Romangeschehens: Zick, den einzigen in der Realität nicht existierenden Ort. Jedoch: "Daß Zick, allen Wissens um seine textuelle Immanenz zum Trotz, im Seewinkel anzusiedeln wäre, darüber sind sich die Sekundärliteratur und freilich auch der Autor einig." (S. 52) Weiter geht die Reise mit dem Kapitel "Riß als Struktur" (S. 59ff.). Der Riß gibt das Bild ab für das Aufbrechen, Zerfallen, den Irrweg oder das Labyrinth, letztlich für die Erschütterungen von Raum und Zeit und ganzer Sinnsysteme und führt wieder zur Analyse der Hauptfigur und der Bieresch zurück. Die Korrumpierbarkeit der subjektiven Wahrnehmung, die fehlende richtige Distanz der Hauptfigur Hans, die zum Erkennen/für Erkenntnis nötig wäre, ist ein weiterer Analysestrang, den Napetschnig aufnimmt, um dann Hoffers Bieresch dem autobiografischen Roman "Die Puszta" von Gyula Illyés, der selbst ein Meierhofkind gewesen ist, gegenüberzustellen.

Doch damit noch nicht genug der Annäherungen, Umkreisungen, Hin- und Her-Bewegungen: Napteschnig nimmt eine weitere Suche auf über die Themen Grenze, Provinz und das geschlossene Gesellschaftssystem der Bieresch - gipfelnd im Potlatsch. Es ist die Analyse eines postmodernen Romans mit postmodernen Mitteln - bis hin zu den oft nicht eindeutig zuordenbaren, eher assoziativ gemeinten Fotos und den zahlreichen, unkommentierten und damit unbewerteten Zitaten aus anderern literaturwissenschaftlichen Arbeiten zu Hoffers Bieresch-Text.

Klaus Hoffer selbst schildert die Entstehung des Romans im Nachwort als eine Bewegung vom "Rückweg" zum "Hinweg": Nach einem Traum, in dem er für eine unbestimmte Zeit in die Rolle eines eben verstorbenen nahen Verwandten zu schlüpfen hatte, habe er sich beeilt, das, was im Gedächtnis geblieben war, niederzuschreiben, "denn ich wußte, mir war da eine Lösung zugefallen, zu der ich schreibend hinfinden wollte." (S. 157f.) Und - ganz postmoderner Autor - berichtet er über das von Napetschnig diagnostizierte und analysierte Tourettesche Syndrom bei zwei der Romanfiguren, das ihm weder als Begriff noch von der Symptomatik her bekannt gewesen sei, das sich also in einem "Akt der Selbstzeugung ... von mir unbemerkt - bei den Bieresch zur Welt gebracht" (S. 160) habe. Mit weiteren autobiografischen Details wird Hoffer zum postmodernen Autor schlechthin: Er habe als junger Erwachsener ein eidetisches Gedächtnis für Zitate gehabt, habe sich wie aus fremden Sätzen, aus Redensarten, Phrasen usw. "gemacht" gefühlt und damals einen Roman, bestehend aus der "nahtlosen Montage von Phrasen, Sätzen und Passagen anderer Autoren" (S. 160) geplant. Und er gibt weitere Entdeckungen preis, die er bei der Analyse seines eigenen Romans gemacht hat, eine Analyse, die "immer auch eine Form von Selbstanalyse war" (S. 161).

Ulrike Diethardt
8. Juni 1998

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