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Suitbert Oberreiter: Lebensinzenierung und kalkulierte Kompromißlosigkeit.

Zur Relevanz der Lebenswelt im Werk Thomas Bernhards.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 1999.
372 S., brosch.; öS 498.-.
ISBN 3-205-99040-4.

Suitbert Oberrreiter hat seine Untersuchung in drei Teile gegliedert: der mehr als die Hälfte umfassende erste Teil versucht, an Hand von Selbstaussagen Bernhards bzw. von Berichten diesem nahestehender Personen ein Porträt des Autors zu zeichnen. Durch die Einführung des Husserlschen Begriffs der "Lebenswelt" soll Bernhard als Mensch - in seiner "natürlichen Haltung zur Welt" - ins Zentrum der Untersuchung gestellt werden. Oberreiter versucht dabei, gestützt auf das Instrument der Einfühlung unter weitgehendem Verzicht auf akademische Psychologie oder Psychoanalyse zu "wesenhaften Zügen" in der Person des Dichters zu gelangen. Bernhards manchmal grelles und befremdendes Verhalten wird nachvollziehbar gemacht; er hätte - so Oberreiter - unter den Umständen, die er vorfand, nicht anders handeln können und hätte angesichts seiner Ausgangssituation "aus allem für sich das denkbar Beste herausgeholt". Der zweite Teil wendet sich dem Werk zu, wobei vornehmlich "Der Stimmenimitator", "Frost" und "Holzfällen" behandelt werden. Der dritte Teil rekonstruiert Bernhards Verhältnis zur Kunst und die mit ihr verbundenen Möglichkeiten "zu völlig neuer Sinnstiftung".

"In meinen Büchern ist alles künstlich", heißt es in einem Bernhardschen Monolog und Franz Josef Murau, der Held von "Auslöschung", hat die "Künstlichkeit" auch im "privaten" Umgang gepriesen. Es ist schwer, die "natürliche Haltung" eines derart maskierten Autors zu erfassen, über den noch immer keine umfassende Biographie existiert. Spätestens seit der Chronologie des Louis Huguet wissen wir, daß es zwischen seiner realen "Lebenswelt" und dem, was Bernhard als diese beschrieben hat, erhebliche Differenzen gibt. Bernhard hat über ein umfangreiches Repertoire an Selbststilisierungen verfügt, denen gegenüber er allerdings zahlreiche, gelegentlich ironische, "Selbstdistanzierungen" angewandt hat. Viele der Bernhardschen "Selbstzeugnisse" wie auch die unzähligen "Spiegelungen" der eigenen Biographie in der seiner Figuren lassen sich auch als Zitat, Variation oder gar Parodie traditioneller diskursiver Praktiken gegenüber der "Lebenswelt" lesen.

Oberreiter schreibt den von ihm benützten Selbstzeugnissen, Interviews und Berichten wie etwa dem von Hennetmaier durchgängig Authentizität zu. Es sei, schreibt er etwa dem von Bernhard tradierten Selbstbild folgend, "eine weithin bekannte Tatsache, daß Bernhard nur ungern Interviews gegeben hat". Tatsächlich gibt es von dem um seine öffentliche Wirksamkeit durchaus besorgten Bernhard zahlreiche publizierte Interviews, die in eigenartiger Weise mit dem Werk korrespondieren, und in denen der scheinbare Widerstand des Interviewten diesem die Lizenz zu einem Verhalten gibt, das gewissermaßen den Kunstcharakter des Interviews fördert. Oberreiter hat hier eine "Maske" Bernhards ernst genommen und verbreitet in mehreren Fällen selbstgeschaffene Mythen, die durch Huguet längst widerlegt sind: der Großvater wird uns hier etwa als Rebell vorgeführt, der noch am Sterbebett seine "Integrität und Selbstsouveränität" wahren wollte und als Konsequenz seiner "lebenslangen Geistesbemühungen" die zur "trivialen Geschäftslüge" degradierte Letzte Ölung verweigerte. Das klingt gut, doch tatsächlich hat Freumbichler die Sterbesakramente empfangen. Daß der sozialdemokratische Unterrichtsminister Moritz wegen seiner Bemerkungen über Bernhard den Abschied hätte nehmen müssen, gehört wohl auch zu den Bernhard aufwertenden Mythen.

Trotz dieses grundsätzlichen Einwandes liegt in der sich manchmal barock artikulierenden Sensibilität Oberreiters für die in den Bernhardschen Texten artikulierten Gefühle und in dem Versuch, sie in nachvollziehbarer Weise zu der dem Autor wohlbekannten vorherrschenden Mentalität Wiens und des Salzkammergutes in Bezug zu setzen, ein Beitrag zu einem erweiterten Verständnis Bernhards. Eigenartig ist allerdings, daß zwei zentrale Themen dieser "Lebenswelt" - die Auseinandersetzung mit den Folgen des Nationalsozialismus und mit der Sexualität in verschiedenen Spielarten - weitgehend ausgespart bleiben. Der Maler Strauch aus "Frost" ist für Oberreiter offensichtlich die Zentralfigur, jene Gestalten der Bernhard-Welt, die sich "Lösungen" erarbeiten - von Max im "Italiener" über den jungen Saurau aus "Verstörung" und Zoiss aus "Ungenach", bis hin zu Murau, der sich in Rom eine alternative "Lebenswelt" schafft - spielen eine geringe Rolle, die im Titel versprochene Rekonstruktion bleibt Fragment.

Alfred Pfabigan
6. September 1999

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