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Oswald Panagl, Robert Kriechbaumer (Hrsg.): Stachel wider den Zeitgeist.

Politisches Kabarett, Flüsterwitze und Subversives.
(Schriftenreihe des Forschungsinstitutes für politisch-historische Studien der Dr.-Wilfried-Haslauer-Bibliothek. 20).
Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2004.
216 S., brosch, Euro (A) 29,90.
ISBN 3-205-77199-0.

Nach mehreren Publikationen der Arbeitsgemeinschaft "Sprache und Österreich", die sich klassischen Textsorten der politischen Sprache widmete, setzt sich der nun vorliegende Band mit Randbereichen des öffentlichen Sprechens auseinander. An der Peripherie angesiedelt ist es insofern, als es weder auf politischen Stammplätzen zu hören ist noch direkte Aussagen enthält. Stattdessen werden die sprachlichen Handlungen oft im räumlichen Abseits realisiert und mittels sprachlicher Strategien verfremdet, sodass Einstellungen und Werthaltungen auf den ersten Blick verborgen sind. Die Autorin und die 13 Autoren beschäftigen sich also mit Witzen, Untergrundzeitungen, Kabarett oder auch mit literarischen Texten, aus denen die politischen Anliegen nicht klar und deutlich herauszulesen sind.

In der Heterogenität der Aufsätze wird das Bemühen deutlich, möglichst viele Grenzbereiche politischer Sprache auszuloten sowie die für Österreich bedeutendsten Zeitspannen abzuhandeln. Dabei wird die Geschichte, respektive deren hegemoniale Diskurse, die von Kabarettisten, Avantgardisten und Witzererzählern angegriffen bzw. unterwandert werden, neu verhandelbar gemacht. Ideologien wie Absolutismus, Austrofaschismus, Nationalismus, aber auch Sozialismus, Kapitalismus, Psychologismus werden also gleich doppelt zur Disposition gestellt. Das ist spannend, erfordert aber beim Schreiben und Lesen höchstes Fingerspitzengefühl und gute Sprachkenntnis.

Umso besser, dass Strategien wie Witz und Ironie, die in den Texten zum Einsatz kommen, gleich im ersten Beitrag ihr theoretisches Unterfutter erhalten. Anhand parlamentarischer Reden und DDR-Witzen erarbeitet Richard Schrodt ein kleines Inventar ihrer Funktionen, das LeserInnen gern als Leitfaden durch das bunte und kurzweilige Buch nehmen mögen. Mit dessen Hilfe können sie selbst Beitrag für Beitrag nach den Ursachen des "uneigentlichen Sprechens" forschen, die metakommunikativen, gemeinschaftsstiftenden Zwecke herauslesen oder die Reden und Redeweisen nach ihrem subversiven oder herrschaftsstabilisierenden Gehalt prüfen. Wenn "die satirische und ironische Rede die Herausstellung der eigenen Werthaltungen zum eigentlichen Inhalt hat" (S. 25), dann fordert das Buch die LeserInnen umso mehr dazu heraus, ihre eigenen Einstellungen mit jenen der Primärtexte und jenen der Beiträger zu hinterfragen.

In jedem Fall konfrontiert die Lektüre mit dem mehrfach konstatierten Verfallsprozess, durch den Kabarett und Witze schnell aufdringlich, unverständlich werden oder zumindest alt aussehen. Eine Idee davon bekommt man, wenn man am Ende des Buches ein Kabarettprogramm zur Nationalratswahl 2002 inklusive erläuternder Fußnoten liest: "ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel hatte" usf. (S. 204). Neben diesem Primärtext Markus Pauschs über die österreichische Parteienlandschaft sind auch in den anderen Beiträgen Witze und Kabarettschmankerln abgedruckt, auf die man durch die gesellschaftspolitischen Fragestellungen ziemlich neugierig ist und die schon allein deshalb sehr willkommen sind. Wenn sich der Beitrag zu Fritz Grünbaum und die Zensur jedoch fast ausschließlich auf die zitathafte Veranschaulichung beschränkt, schafft Ernst Hanisch gekonnt anhand zahlreichen Flüsterwitzen, die im Nationalsozialismus kursierten, historische Einblicke und entwickelt diverse noch offene Forschungsfragen. Ebenfalls vom historischen Interesse getragen ist die Spurensuche Oswald Panagls, der antike Texte recherchiert. Allerdings formuliert er zu Recht, dass es sich bei den Fundstücken, wie den römischen Spottgesängen oder der lateinischen Satire statt um die Wiege des europäischen Kabaretts lediglich um Parallelen bzw. signifikante universale Qualitäten handle. Nach austriazistischen Traditionssträngen hingegen sucht Dieter A. Binder, wenn er am gesellschaftlichen Wandel Österreichs dessen kabarettistische Entwicklungen nachvollzieht. Außer diesem äußerst interessanten Streifzug durch die kabarettistische Geschichte der scheltenden, satirischen Österreicher, bei dem auch auf die genuin literarischen Verstöße gegen das "direkte Sprechen" nicht vergessen wird, sind alle anderen Beiträge auf einzelne Autoren oder Strömungen konzentriert.

Neben zwei leider etwas lang geratenen Aufsätzen zum sozialdemokratischen politischen Kabarett in der Zwischenkriegszeit und zu Helmut Qualtingers Umgang mit dem Kalten Krieg, zielen zwei weitere Texte auf Rezeptionskorrekturen ab. Beatrix Müller-Kampel weist nach, dass Hanswurst nicht etwa zensuriert wurde, weil er politisch unbequem gewesen wäre: subversiv wirkte er auf ganz anderer Ebene, nicht sein Geist, sein Körper erwies sich als nicht disziplinierungsfähig. Und Wendelin Schmidt-Dengler setzt sich kritisch mit der prekären Beziehung zwischen Karl Kraus und dem Ständestaat bzw. dem Nationalsozialismus auseinander. Ausgehend von der Rezeptionsgeschichte, für die der Autor erhellende Hintergründe liefert, formuliert er grundsätzliche Dilemmata der Satire, wie deren Anfälligkeit für Missverständnisse oder deren mögliches Versagen. Angesichts der Verunsicherung bei der Interpretation des uneigentlichen Sprechens, wie sie in manchen Beiträgen durchscheint, kann zudem auch folgende Klarstellung als notwendig erachtet werden: "es ist immer die Trauer um einen Verlust, nicht die Utopie, die die Folie für die Schriften des Satirikers abgibt." (S. 117)

In ähnlichem Sinn wird von Karl Müller unter Zuhilfenahme theoretischer Überlegungen das satirische Werk Josef Haders als "Negativbild von etwas Utopischem" rekonstruiert. Indem sich Müller nicht nur mit einem lebenden Künstler beschäftigt, sondern Hader zudem als Mann bezeichnet, "der neue Maßstäbe für das Kabarett setzte", was im Aufsatz durchwegs glaubhaft gemacht wird, bleibt sein Beitrag der einzige, der Projektionen in eine hoffnungsfröhliche kabarettistische Zukunft anregt. Während die zwei Artikel zu litauischer und polnischer Umbruchliteratur die Einsatzkraft von Texten im politischen Kampf vorführen und zugleich vehement auf die Orts- und Zeitgebundenheit des "uneigentlichen Sprechens" verweisen, zeigt der Artikel über Hader, wie auch in weniger (oder anders) totalitären Gesellschaften Stachel schmerzen können. Mitunter stumpfen die Stachel nämlich ab, wenn die Texte von der Peripherie ins Zentrum gerückt sind, wo die "'Quotengesellschaft' die Rolle der Zensur" übernommen hat (Binder S. 92) Dennoch ist ein beachtliches Reservoir an österreichischer Stechkraft vorhanden: angelegt in der historischen und zeitgenössischen, nobelpreisgekrönten und anderer avantgardistischer Literatur. Und vielleicht werden sich die Hochschulprofessoren und andere ForscherInnen in einem weiteren Band mit diesen subversiven Potentialen auseinandersetzen und nicht allzu oft als Krokodile verkleidet für Thomas Gottschalk lustige Lieder singen.

Sabine Zelger
25. Februar 2005

Originalbeitrag

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