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Helmut Pfotenhauer, Wolfgang Riedel, Sabine Schneider (Hrsg.): Poetik der Evidenz.

Die Herausforderung der Bilder in der Literatur um 1900.
Hrsg. v. Helmut Pfotenhauer, Wolfgang Riedel, Sabine Schneider.
Würzburg: Königshausen & Neumann, 2005.
238 S.; m. Abb.; brosch.; Euro 24,80.
ISBN 3-8260-2859-7.

Nichts hat unser Bewusstsein von der Wirklichkeit so verändert wie das, was im letzten Jahrhundert als 'iconic turn' begann. Dennoch stecken die aktuellen Ansätze einer Bildwissenschaft noch immer in den Kinderschuhen: zu unterschiedlich sind die Bereiche Kunstwissenschaft, phänomenologische Philosophie, Kulturwissenschaft, Medienwissenschaft , so dass die notwendige Interdisziplinarität oft wenig mehr ist als die "Logik des kleinsten gemeinsamen Nenners", zu wenig entwickelt ist eine (Beschreibungs-)Sprache, mit der über Visuelles diskutiert werden könnte, zu wenig philosophisch, ontologisch, epistemologisch abgesichert die Rede vom 'Bild', die ja auf Sinneseindrücke genauso zielt wie auf innere und sprachliche 'Bilder'. So richtig es also ist, dass nur ein interdisziplinärer Dialog uns in der Bilderfrage weiterhilft, so wichtig ist es auch, dass dieser Dialog um Präzision bemüht sein muss, will er (s)einem Erkenntnisziel überhaupt näherrücken. Diesem doppelten Anspruch musste sich auch die am germanistischen Seminar der Universität Würzburg im April 2003 veranstaltete Tagung stellen, deren Beiträge nun in einem schön gemachten Band (Fadenheftung, Bildbeigaben) vorliegen, und sie ist zumindest was den zweiten Teil der Forderung betrifft daran gescheitert.

"Poetik der Evidenz" lautete das Leitthema der Veranstaltung. Doch was sind evidente "'Bilder' in der Literatur, wenn diese sich, zumal in der Moderne, weder in das mimetische Paradigma der Anschaulichkeit noch in das konventionelle System der rhetorischen Figuren fügen"? Das Stichwort 'Moderne' steckte dabei nicht nur den zeitlichen Rahmen ab nämlich die Schwellenzeit um 1900, gleichzeitig sollte es deutlich machen, was die Veranstalter und Herausgeber als Grundkonsens von 'Modernität' voraussetzten, nämlich ein "Wissen um die mediale Eigenlogik", welche "die Sphären des Sichtbaren und des Sprachlichen" trennt und sich verabschiedet hat "von der Vorstellung einer gemeinsamen ontologischen Referenz". Konsequenz: die "Sprach- und Bildkünste scheinen aufgrund ihrer unterschiedlichen Medialität nicht mehr ineinander übersetzbar". Dies zu Ende gedacht, hätte wohl keiner der Beträge Aufnahme in diesen Band finden dürfen, denn diese (und ihre Verfasser) machen sehr überzeugend klar, wie fruchtbar sich für die Schriftsteller um 1900 die Reflexion auf das Bild als das 'Andere der Sprache' auswirkte, sei es das Werk Hugo von Hofmannsthals, mit dem sich Elsbeth Dangel-Pelloquin, Sabine Schneider, Helmut Pfotenhauer und Friedmar Apel beschäftigten, sei es das Werk Rilkes und dessen Cézanne-Rezeption (Ralph Köhnen) oder das Canettis, Musils oder Beer-Hofmanns. Und was die ontologische Diskussion betrifft: gerade sie hätte den fiktionalen Status der 'Wirklichkeit', wie er seit Anfang des letzten Jahrhunderts ins Bewusstsein gelangte, deutlich machen können. Nichts demonstriert dies augenscheinlicher als der Siegeszug der Photographie, welchem dann auch Peter Sprengel (mit Rekurs auf die Reisebeschreibungen des frühen 20. Jahrhunderts), Juliane Vogel (mit Rekurs auf Walter Paters "Imaginary Portraits") und Ursula Renner eigene Beiträge widmeten.

So interessant all diese Detailanalysen und Einzeluntersuchungen sind, in der Frage nach dem Wesen des Bildes in der Literatur hat man am Ende der Lektüre - zumal diese die Diskussionen nicht dokumentieren - das Gefühl, keinen Schritt vorangekommen zu sein. So sehr sich die Herausgeber im Vorwort bemühen, die Beiträge zu fokussieren und zu vernetzen - es fehlt diesem Band (vielleicht auch der damaligen Tagung) eine grundsätzliche, theoretische Klärung; nicht nur des Bildbegriffs, sondern auch weiterer theoretischer Parameter, vor allem dem des wichtigsten, erkenntnisleitenden, dem der Evidenz. Obwohl gleich drei Autoren für das Vorwort verantwortlich zeichnen, gerade hier hat man das Gefühl, die Initiatoren hätten sich, ob der Schwierigkeit des Themas, nolens volens von ihrem wissenschaftlichen, hermeneutischen Anspruch verabschiedet und sich in eine selbstkreierte "spezifisch moderne Evidenz" des "Verworrenen und Intuitiven" geflüchtet. Was unter der "Mangellogik des Begriffs" allerdings verstanden werden soll, bleibt genauso schleierhaft wie die "nichtmimetische Evidenz des Bildes", die im weiteren Bühnennebel jedoch bequem Platz finden.(Sätzen wie "In dieser Bedeutung eines heuristischen Suchprogramms an den Grenzen der Sprache, der Insinuation einer Grenzüberschreitung hin zu einer Zeichenfülle, für welche das Bild einzustehen hat, liegt die diskursive und poetologische Produktivität des von den Bildern ausgehenden Versprechens" finden sich im Vorwort zuhauf.)

So hat man am Ende den Eindruck, einer wahrscheinlich sehr entspannten, wohlausgerichteten Veranstaltung (Förderin: Thyssen-Stiftung) beigewohnt zu haben, bei der jeder seine Spezialitäten vorstellen durfte und brisante Kontroversen (statt sie zu benennen und an ihnen zu arbeiten) gnädig verschleiert wurden; in der aber auch das 'close reading', dem sich die einzelnen Beiträge verpflichtet fühlen, nicht jene synergetischen Effekte erzeugte, die ein kritischer, aufeinander bezogener und im positiven Sinn streitbarer Dialog hätte erbringen können. Die Rede vom Bild ist eben mittlerweile inflationär geworden. Die Herausgeber ahnten es: Der Gefahr "einer Logik des kleinsten gemeinsamen Nenners zu erliegen", entgingen auch sie nicht.

Iris Denneler
30. März 2005

Originalbeitrag

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