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Barbara Piatti: Die Geographie der Literatur.

Schauplätze, Handlungsräume, Raumphantasien.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2008.
424 S.; geb.; m. Abb.; m. Beil. (Karten); Euro 34,90.
ISBN 978-3-8353-0329-4.

Eine außergewöhnliche, eine hervorragende Dissertation. Sie versteht sich als Plädoyer für ein neues Aufgabengebiet der Literaturwissenschaft, die Literaturgeographie: ein viel versprechendes, wenngleich schwer eingrenzbares Arbeitsfeld der Vergleichenden Literaturgeschichte.

Im Anschluss an Konzepte, die vor allem in der Anglistik, Romanistik und Komparatistik entwickelt worden sind, bei gleichzeitig scharfer Abgrenzung von Josef Nadlers Projekt einer "Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften", verfolgt Piatti weniger literatursoziologische Fragestellungen (die man unter ihrem Titel ja doch auch erwarten könnte), vielmehr vor allem Grundfragen der Wechselwirkungen zwischen Wirklichkeit und Literatur. Literaturlandschaften sind für sie also nicht in erster Linie interessant als Lebensräume von Autorinnen und Autoren, oder gar als Räume, die bestimmte Einheiten und Eigenarten fördern, sondern als Grauzonen zwischen fiktionalen und realen Welten. – Die adäquate Beschreibung dieser schillernden Grauzonen erfordert zu allererst einmal eine eigene Terminologie, eine literaturkartographische Symbolsprache, die auf die Verbindungs- und Trennungslinien zwischen realen und imaginären Orten Rücksicht nimmt. Zum Grundset von Begriffen, die Piatti einführt, zählen unter anderem: Georaum, literarisierter Raum, fiktionalisierter Raum, Textraum; ein eigenes Glossar erläutert die Begriffe und ihre Relation.

Das Fernziel, das Piatti vorschwebt, ist ein literarischer Atlas Europas, der den Eigengesetzlichkeiten der Literatur verpflichtet ist und die Fiktionen nicht einfach naiv mit der Realität verklammert. Mit Blick auf dieses Ziel präsentiert sie zunächst einen Rückblick auf die einschlägige Forschung zur Sprach-, Kunst- und Literaturgeographie sowie einen Überblick über literarische Karten und Literaturreiseführer; was sie bei letzteren vermisst, gerät in ihrer Darstellung zum Hauptanliegen: die Erstellung von Karten, die nicht nur illustrierende, sondern zugleich auch analytische Funktionen übernehmen, mithin auch Neuzugänge zur Literatur eröffnen. Methodische Reflexionen darüber, wie ein solches Vorhaben kartographisch umzusetzen sei, auf gedruckten wie auf digitalen Atlanten, nehmen dann den Hauptteil ihrer Arbeit ein; die leitenden Fragen beziehen sich dabei einerseits auf die Organisation von literarischen Handlungsräumen und andererseits auf den Grad der Referentialität zwischen Handlungsraum und Georaum.

Um den unterschiedlichen Referenzen zwischen Georaum und Textraum Rechnung zu tragen, unterscheidet Piatti in ihren topographischen Modellinterpretationen drei Handlungszonen: importierte, transformierte und fingierte Schauplätze. Ihre Beispiele: Schillers "Wilhelm Tell", Friedrich Theodor Vischers "Auch einer", Ernst Zahns "Albin Indergant" sowie Meinrad Inglins "Ursprung"/ "Die Sendung" und Christina Viraghs "Pilatus". Als Paradebeispiel für eine fiktionale Modell-Landschaft dient ihr schließlich die Region Vierwaldstättersee und Gotthard; nicht zufällig eine spektakuläre Landschaft. Das "einzigartige literaturgenerierende Potential" dieser Landschaft hat zahlreiche Autoren und Autorinnen aus der Schweiz, aber auch berühmte Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland inspiriert und nicht zuletzt ganz offensichtlich Piatti ganz besonders in den Bann gezogen.

Die Landschaft der Schweiz als überschaubares Modell. Piatti weist an diesem Modell überzeugend auf, was das Kartographieren von Literatur leisten kann. Die Fülle ihrer Beispiele ist beeindruckend; beeindruckend wie die Fülle der Einsichten, die aus diesen Beispielen zu gewinnen sind. Dass ihr hin und wieder ein Flüchtigkeitsfehler unterläuft (O. M. Fontana wird zum Beispiel als Schweizer Autor vorgestellt), ist also verzeihlich: Dieses Buch bietet Anregungen über Anregungen, das faszinierende Gebiet der Literaturgeographie weiter zu bearbeiten.

 

Johann Holzner
14. Jänner 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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