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Marthi Pritzker-Ehrlich (Hrsg.): Jüdisches Emigrantenlos 1938/39 und die Schweiz.

Eine Fallstudie. (Exil Dokumente Bd. 1).
Bern: Peter Lang, 1998.
324 S., brosch.; SFr 68.-.
ISBN 3-906760-34-0.

Seit 1996 tobt eine Diskussion um die Rolle der Schweiz und ihrer Banken während des Zweiten Weltkrieges, wie man sie wenige Jahre zuvor nicht für möglich gehalten hätte. Ihren bisherigen Höhepunkt erreichte sie in der Boykottdrohung gegen Schweizer Unternehmen seitens der USA. Erst unter diesem Druck erklärten sich Schweizer Banken zu umfassenden Reparationszahlungen bereit. Von staatlicher Seite wurde eine internationale Historikerkommission unter dem Vorsitz von Jean-François Bergier beauftragt, die Rolle der Eidgenossenschaft während der NS-Zeit zu untersuchen. Die Aufarbeitung der Geschichte ist also - spät, aber doch - voll im Gange.

Eine ganz persönlichen Beitrag dazu hat Marthi Pritzker-Ehrlich, Historikerin mit Forschungsschwerpunkt Migration und gesellschaftliche Gewalt, mit dem Buch "Jüdisches Emigrantenlos 1938/39 und die Schweiz" vorgelegt. In Briefen der eigenen jüdischen Familie dokumentiert sie die Schwierigkeiten für Juden, nach dem Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich in die Schweiz zu emigrieren. Hauptbetroffene ist die österreichische Jüdin Rose Mittler-Schidorsky. Ihre Tochter war seit 1936 mit einem Schweizer Juden verheiratet und verfolgte mit zunehmender Besorgnis die Entwicklungen in ihrer österreichischen Heimat, in der sie ihre Mutter zurückgelassen hatte.

Rose Mittler-Schidorsky war gläubige Christin und setzte zunächst alle ihre Hoffnungen in den christlich-sozialen Bundeskanzler Schuschnigg. Am 25.2.1938 schreibt sie an ihre Tochter: "Ich bin noch ganz erfüllt und erregt von der wunderbaren, eindrucksvollen Rede des Bundeskanzlers!" Die Hoffnung, daß der "'böse Nachbar' [Hitler] jetzt endlich Ruhe geben wird" (S. 26), erweist sich jedoch bald als Trugschluß. Keine drei Wochen später haben Hitlers Truppen bereits die Macht in Österreich übernommen. Ein Leben voller Unsicherheiten beginnt für die 57-Jährige. Zunächst sind es "nur" Schikanen der neuen Regierung, etwa die Pflicht für Juden deutscher Staatsangehörigkeit, das gesamte in- und ausländische Vermögen den Behörden bekanntzugeben. Bald kommen lebensbedrohliche Veränderungen hinzu, über die das "liebe Muttilein" ihrer Tochter nur vage berichten kann, weil sowohl Post als auch Telefon überwacht werden.

Nach der Reichskristallnacht ("Seit wir und telefonisch gesprochen haben, hat sich viel Schreckliches und Trauriges ereignet!!!", S. 142) unternimmt der Schwiegersohn Kurt Ehrlich die ersten Schritte, um die Schwiegermutter in Sicherheit zu bringen. Als Sekretär am Zürcher Oberlandesgericht weiß er um das richtige Vorgehen in dieser Angelegenheit und erreicht noch im Jahr 1938 eine Einreise- und Aufenthaltsbewilligung. Doch die Flucht aus Österreich verzögert sich. Rose Mittler-Schidorsky: "Von unseren Möbeln möchte ich [...] noch einige Stücke mitbringen und selbstverständlich auch den Flügel, schon aus dem Grunde, weil man ja hier die Sachen fast verschenken muss, denn Ihr könnt Euch vorstellen, welch grosses Angebot von Möbeln und Klavieren vorhanden ist!" (S. 185). Als Jüdin muß sie außerdem eine "Judenvermögensabgabe" leisten. Durch einen "Rechenfehler" seitens der Behörde verzögert sich diese Angelegenheit, die Ausreise in die Schweiz muß mehrmals verschoben werden. Anfang Mai 1939 setzt die Eidgenössische Fremdenpolizei der Wienerin ein letztes Ultimatum: Sollte sie bis 15. Juni nicht von ihrer Aufenthaltsbewilligung Gebrauch machen, erlischt diese automatisch. "Ich wünsche sehr, schon alles überstanden zu haben, ich bin schon so furchtbar müde!" (S. 251) schreibt sie in ihrem letzten Brief aus Wien.
Die Ausreise gelingt schließlich zum letztmöglichen Zeitpunkt. Rose Mittler-Schidorsky hat Glück gehabt. In der Schweiz war sie vor ihren Verfolgern sicher.

Daß aber Juden auch bei den Eidgenossen nicht immer willkommen waren, beweist die Auseinandersetzung Kurt Ehrlichs mit dem antisemitischen Nationalrat Robert Tobler, Führer der "Nationalen Front". Auf das Argument, Juden seien doch auch Menschen, hatten die Antisemiten eine passende Antwort: "Haifische sind auch Fische, aber unangenehme." (S.220) Ehrlichs Engagement erhielt übrigens prominente Unterstützung: "Ich bin recht glücklich über diese schweizerischen Äusserungen." (S. 121) schrieb Thomas Mann aus Princeton.

Im September 1939, knapp nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, endet diese bewegende Familienchronik: Paula Schidorsky, in Berlin lebend, antwortet ihrer Schwester Rose Mittler auf einen verzweifelten Brief: "Du bist doch eigentlich trotz aller Nachteile, immerhin gut untergebracht. Man soll sich sein bischen Leben nicht durch unwesentliche Dinge verbittern lassen. [...] Von Muttchen soll ich Dir herzlich für Deine guten Wünschen zu ihrem Geburtstag danken. [...] Ich hatte einen ganz herrlichen Gugelhupf aus dem schönen Wiener Mehl gebacken, der razikal aufgefuttert wurde. Es wird wohl der letzte Gugelhupf auf lange Sicht sein!" (S. 279) Die Spuren Paula Schidorskys verlieren sich 1942 im Warschauer Ghetto.

Peter Stuiber
12. Jänner 1998

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