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Christine Rigler: Ich und die Medien.

Neue Literatur von Frauen.
Innsbruck: Studienverlag, 2005.
169 S.; brosch.; Euro 19,-.
ISBN 3-7065-1959-3.

Entstanden ist Christine Riglers Buch "Ich und die Medien. Neue Literatur von Frauen" wohl aus einem verständlichen Unbehagen an Rezeptionsschablonen wie dem unsäglichen "Fräuleinwunder", das ältere Herren des deutschen Feuilletons in den 1990er Jahre zu entdecken begannen. Unter der Hand vermischten sich die schreibenden Girlies in den Debatten mit der von einigen Theoretikern ausgerufenen "Popliteratur", über die es mittlerweile zwar Abhandlungen, aber keine überzeugende Begriffsdefinition gibt. Ein bisschen ist es wohl einfach so, dass in der ansonsten wenig publikumswirksamen Literaturwissenschaft gern mit solchen Strohfeuern gespielt wird. Schließlich muss sich heute jede Wissenschaft vor nichts so sehr in acht nehmen wie vor dem Vorwurf der Verzopftheit, und das geht am besten mit "publikumswirksamen" Konzepten. Auch wenn davon nach dem kurzfristigen Verkaufs- und Feuilletonerfolg nichts Plausibles übrig bleibt, ist der Schaden zumindest nicht groß.

In ihrer Einführung referiert Rigler diese Mechanismen anhand einer umfangreichen Sichtung der Kritikerstimmen und -reaktionen. Nicht ganz überraschend die Kernaussage, dass der Buchmarkt hemmungslos die jungen, hübschen Autorinnen als Werbeträger einsetzt. Sogar die puristische Grazer Literaturzeitschrift "manuskripte" machte im Fall Bettina Galvagnis schon Mal eine Ausnahme und rückte das ansprechende Konterfei der Autorin ins Bild, und auf Alexa Hennig von Langes Büchern hat sich ihr Lockenkopf am Cover als serielles "Kultmarketing" (S. 113) fest etabliert. Covermäßig selbst in die Marketingschlacht geschickt zu werden ist zwar jüngst auch Elfriede Hammerl passiert, aber es war in den letzten Jahren unübersehbar, dass "Prosabücher von jungen Frauen ein verkaufsträchtiges Produkt" (S. 23) darstellten.

Von diesem Reiz-Reaktionsschema profitiert letztlich auch ein Buch wie das vorliegende. Doch eigentlich ist es bedauerlich, dass es sich nur mit neuer Literatur von Frauen beschäftigt. Denn viele der aufgeführten Befunde sind gerade deshalb spannend, weil sie keineswegs auf Autorinnen beschränkt sind. Um "Autobiographie und den Wirklichkeitsgehalt der literarischen Texte" und die Stilisierung zu "Sprecherinnen einer Generation" (S. 28) geht es keineswegs nur bei schreibenden Frauen. Hätte Rigler den Blick etwas historisch ausgeweitet, hätte sie auch gefunden, dass selbst das Phänomen "Fräuleinwunder" so neu nicht ist. Schon als Joe Lederers erster Roman "Das Mädchen George" 1928 im Berliner Universitas Verlag erschien, war die Jugendlichkeit der Autorin zentraler Bestandteil der PR-Kampagne, und dafür war die runde Zahl Zwanzig einfach besser geeignet, weshalb noch in einem Literaturlexikon 1990 ihr Geburtsdatum irrtümlich mit 1907 statt 1904 angegeben wurde. Der Erfolg des Konzepts war auch damals beachtlich, "Das Mädchen George" wurde als "Buch der Jugend unserer Zeit" begeistert rezipiert und gekauft: bis 1933 waren über 80.000 Exemplare abgesetzt.

Wirklich neu hingegen ist die Tatsache, dass zunehmend auch schreibende Knaben als werbewirksame Bildwerte eingesetzt werden, mit allen Attributen der Ästhetisierung ihrer Körper, der Etablierung als Mode- und Trendsetter, und selbst was die inhaltlichen Aspekte betrifft, scheinen die Gemeinsamkeiten größer als das Trennende. Es ist nicht die Auswahl der Autorinnen, die Rigler im Anschluss mit Kurzporträts vorstellt (von Karen Düwe und Zoe Jenny bis Sibylle Berg, Bettina Balàka und Elke Natters), die Unbehagen verursacht, sondern die Tatsache, dass es nur Autorinnen sind. Denn mit Ausnahme des kurzen Kapitels "Feminismus und Feminisierung" arbeitet Rigler an den einzelnen Autorinnen durchaus plausibel literarische Tendenzen heraus, die an jungen männlichen Autoren in gleicher oder doch sehr ähnlicher Form zu beobachten sind: der sehr selbstbewusste Umgang mit den Medien, das radikale Bekenntnis zur Selbstvermarktung und -stilisierung, das unerschöpfliche Adoleszenzthema, die mehr minder witzigen "Redeströme" in der Tradition der "Talkkultur" (S. 47), mit denen sich Ich-Figuren über Pop und Lifestyle, Singledasein und one night stands entladen, das Markendroping und natürlich die inszenierte Urbanität Singledasein und one night stands entladen, das Markendroping und natürlich die inszenierte Urbanität - der Schauplatz Berlin zumal erhöht die Marktgängigkeit erheblich.

Aktuell scheint das insgesamt ein Problem eher äußerlich gefasster Gender-Orientierung zu sein: Wer den männlichen Part ausblendet, kann oft nicht sichtbar machen, wie (bzw. auch ob) Autorinnen die jeweils (markt)gängigen Themen anders abhandeln und dabei zu anderen / neuen Fragestellungen kommen. Trotzdem hat die vorliegende Sammlung natürlich das Verdienst, einen ersten koordinierten Blick auf Bücher der jüngsten Autorinnengeneration zu werfen, und dieser Aspekt ist nicht gering zu schätzen. Denn, so weist Christine Rigler nach, wie von Zauberhand gelenkt verlieren sich die Autorinnen auf dem Weg von der Verherrlichung und Vermarktung im Feuilleton zu den literaturwissenschaftlichen Abhandlungen über die sog. "Popliteratur". Dort sind mit ganz wenigen Ausnahmen die männlichen Kollegen wieder unter sich.

Einige Phänomene, die Rigler anspricht, machen auch auf Forschungsdesiderate aufmerksam. Etwa die Problematik des Generationenbegriffs, der ja keineswegs nur vom Buchmarkt werbestrategisch eingesetzt wird, sondern durchgängig und vor allem primär konstituiert über gemeinsame Konsumerlebnisse den gesellschaftlichen Diskurs dominiert. Ein anderes Phänomen ist die Wiederbelebung scheinbar antiquierter Formen wie Tagebuch und Briefroman, die Rigler im Gefolge der Neuen Medien konstatiert. Hier wäre der Frage nach dem Warum und nach den sozialhistorischen Implikationen doch gründlicher nachzugehen. Da könnte ein Blick auf das späte 18. Jahrhundert, dem Höhepunkt der bürgerlichen Briefkultur, als Vergleichsepoche durchaus hilfreich sein. Damals kompensierte die soziale Offenheit im Zeichen des brieflichen Freundschaftskultes die soziale Ortlosigkeit der neuen Schicht der "Gebildeten" in einer Zeit radikaler sozialer Umbrüche. Auch die sozial isolierten Teilnehmer an der Internet-Comunity, in deren Schoß die späterhin allesamt als Bücher produzierten Netztagebücher und Email-Dialoge gedeihen, können kaum mehr auf berechenbare Lebensentwürfen hoffen; mit einem dichten virtuellen Kommunikationsnetz schaffen sie sich einen imaginären Zusammenhalt und versichern sich in Echtzeitberichten einer zunehmend brüchigen Realität.

Evelyne Polt-Heinzl
9. Mai 2005

Originalbeitrag

 

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