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Szilvia Ritz: Der Österreich-Begriff in Schnitzlers Schaffen.

Analyse seiner Erzählungen.
Wien, Praesens Verlag, 2006.
276 S.; brosch.; EUR 27.20
ISBN 3-7069-0373-3.

O du mein Österreich! -

Sollte man auf die Frage nach einem Schlüsselbegriff für das typisch Österreichische im Werk von Arthur Schnitzler mit dem fünften Akt des "Professor Bernhardi" und der darin apostrophierten "selbstlosen Gemeinheit" antworten?
Schnitzler hat sich stets mit Österreich identifiziert, besonders, wenn er es mit deutscher Überheblichkeit, mit antisemitischer Ausgrenzung oder mit zionistischer Vereinnahmung zu tun bekam. Und wie alle wachen Österreicher litt auch er stets an diesem Land, so wie der andere österreichische Dramatiker und Erzähler, der im Jahr, in dem Schnitzler starb, in Heerlen in Holland zur Welt kam. Wenn der Autor des "Bernhardi" wieder einmal von besonders kakanischen Phänomenen enerviert wurde, entrang sich auch ihm der Stoßseufzer "O du mein Österreich!" (z. B. Tagebuch 2/4/1913, 10/8/1916, 15/9/1918).

Szilvia Ritz sucht in Ihrer Studie nach Spuren des Österreichischen nicht in Schnitzlers dramatischem Werk, sondern in seiner Prosa. Sie geht von den nach wie vor richtungsweisenden Arbeiten Claudio Magris', Walter Weiss' und Roger Bauers aus und versucht, mit Textanalysen die ihrer Meinung nach österreich-spezifischen Themenstränge herauszuschälen: Immobilismus, Orientierung an der Vergangenheit, Weiterführung barocker Traditionen, Multiethnizität, Problematisierung der Identität, Sprachskepsis und zugleich Sprachverliebtheit.

Leider geht es dabei nicht ohne Atrozitäten (oder, wie die Autorin mehrfach schreibt, Attrozitäten) ab. Es ist bedauerlich, wenn sich eine Studie aus dem Bereich Sprache und Literatur über weite Strecken als ziemlich sprachohnmächtig erweist und überdies eine ganze Reihe von grammatikalischen und sachlichen Schludrigkeiten enthält. Die Autorin ist offenbar ein non-native-speaker, und es hat sich auch kein Lektorat gefunden, das sich des Textes angenommen hätte. So gibt es zahlreiche zerbrochene Satzkonstruktionen, unschöne Substantiva (wie: Angehensweise, Selbstbelächlung), es stimmt kein einziger der Querverweise innerhalb der Fußnoten (hat denn das niemand überprüft?), und über allem ist eine Streusandbüchse redundanter Kommata und falscher Apostrophe ausgeschüttet, die im Ganzen eine gedankliche Kurzatmigkeit verursachen. (Eine knappe Auswahl von sachlichen Irrtümern oder Druckfehlern: die Volkskundlerin Reingard Witzmann erscheint wiederholt als Reinhard; aus einem unbescholtenen Duchschnittsbürger wird ein ungescholtener; Schnitzlers Novelle "Ich" ist nicht 1932 erstmals innerhalb einer Buchpublikation erschienen; ein Rosegger-Titel ist falsch zitiert; das Kaffeehaus von Jung-Wien hieß nicht Griensteindl und der auch für Schnitzler bahnbrechende Berliner Regisseur nicht Otto Brahms.)

Andererseits ist es ein Vorzug des Buchs, immer wieder auf hierzulande wenig bekannte parallele literarhistorische Erscheinungen und Entwicklungen in Ungarn und anderen östlichen Nachbarländern Österreichs hinzuweisen. Hier erweist sich die Autorin als kundige Komparatistin.
Die Textanalysen bedienen sich, was fruchtbar ist, verschiedener Methoden. Ritz macht österreichische Charakteristika ebenso in der Topographie der Erzählungen fest wie im aufgefächerten Einsatz verschiedenster Sprechweisen, sie läßt das Figuren-Arsenal Revue passieren und ergründet Spezifisches in Schnitzlers Themen-Trias "Liebe - Spiel - Tod". Wo es ihr hilfreich erscheint, ruft sie den Aphoristiker Schnitzler zum Kronzeugen auf oder den Briefschreiber. Das Tagebuch spielt hingegen kaum eine Rolle, obwohl neun der zehn Bände (wieso der im Jahre 2000 erschienene letzte nicht?) in der Bibliographie erwähnt sind.

Ein immer wieder fälschlich Karl Kraus zugeschriebener Satz, demzufolge Deutschland und Österreich sich vor allem durch die gemeinsame Muttersprache unterschieden (in Wahrheit dürfte die Quelle für den Gedanken in Oscar Wildes "Canterville Ghost" zu finden sein, wo eine entsprechende Pointe auf den Unterschied zwischen England und Amerika gemünzt ist) findet in der Epoche des zusammenwachsenden Europa wieder neue Anhänger, die auf dem Respekt vor einer eigenständigen Sprachentwicklung beharren. Dabei können Studien wie die vorliegende, die differenzieren ohne nationalistisch zu werten, nützlich sein.

 

Peter Michael Braunwarth
12. März 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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