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Alexandra Reininghaus: Oskar Maurus Fontana.

Wiener Feuilleton im Wechsel der österreichischen Geschichte.
Wien: Passagen, 2008.
(PassagenForum).
195 S.; brosch.; Euro 22,90.
ISBN 978-3-85165-841-5.

Formal dürfte es sich um eine gut abgelegene Dissertation handeln - die zitierten Interviews stammen aus den Jahren 1979 bis 1982 -, die also noch vor dem EDV-Zeitalter entstanden ist. Darauf lassen jedenfalls die typischen Lesefehler schließen, die ein Scanvorgang gern tückisch hinterlässt. Abgesehen von den obligaten Buchstabenverwechslungen, die schon einmal den Presse-Chefredakteur in Ernst Melden umtaufen oder einen österreichischen Autor namens Felix Saiten generieren, sorgt das für unterhaltsame Satzrätsel wie: "um ihr Prestige zu heben oder ihren Warnen bekannter zu machen" (S. 106) oder: "Der Leitartikel beschäftigte sich bis zum Jahre 1934 weitgehend mit innenpolitischen Prägen" (S. 73). Dass das Buch als akademische Abschlussarbeit entstand, das wiederum lässt sich aus der etwas bemühten Art schließen, mit der zu Beginn so etwas wie ein theoretisches Gerüst herbeigeschafft wird, das die Autorin dann sicherheitshalber doch nicht besteigt, was aber nicht weiter schlimm ist.

Denn Oskar Maurus Fontana, einstiger Großkritiker und omnipräsent im Literaturbetrieb nach 1945, ist heute so radikal vergessen, dass auch eine rein positivistische Aufarbeitung seiner publizisitischen Laufbahn durchaus eine Berechtigung hat. Dass die Autorin Publizistik und Kunstgeschichte studiert hat, soviel zumindest verrät der Verlag, ist insofern bedauerlich, als Alexandra Reininghaus eben ausschließlich an seinem journalistischen Weg interessiert ist; die heute interessantere Seite Fontanas, die es unbedingt wiederzuentdecken gälte, ist aber sein frühes literarisches Werk: der sozialkritische Novellenband "Empörer" und vor allem der bei Kurt Wolff erschienene expressionistische Roman "Erweckung".

Doch Fontanas journalistisches Leben verlief wechselvoll genug um eine eigene Darstellung zu rechtfertigen, und das besorgt Alexandra Reininghaus mit großer Akribie. Er begann als linksliberaler Schriftsteller und Publizist; ab 1909 veröffentlichte er Theaterkritiken in der Wiener Wochenzeitung "Die Waage"; an den vielen und meist kurzlebigen expressionistischen Zeitschriftenprojekten beteiligte er sich als Beiträger und gab 1917 selbst "Das Flugblatt" heraus. Er engagierte sich im Volksbildungswesen und in der Volksbühne-Bewegung Stefan Grossmanns; als Abteilungsleiter für "allgemeines Bildungswesen der Volkswehr" im "Staatsamt für Heereswesen", wo er ab 1919 angestellt war, organisierte er Buchausstellungen in ganz Österreich und gab 1929/30 die "Roman-Rundschau" heraus, die für wenig Geld gute Literatur unters Volk bringen wollte, u. a. mit Texten von Stefan Zweig, H. G. Wells, Upton Sinclair, Gustav Meyrink oder Arthur Schnitzlers "Doktor Gräsler, Badearzt".

1933 beim PEN-Kongress in Ragusa zählte Fontana zu jenen Autoren, die eine eindeutige Stellungnahme gegen die NS-Bücherverbrennungen und Verfolgungen forderten. Der Austrofaschismus brachte für ihn noch keinen Karrierebruch, im Gegenteil, in der Nachfolge Alfred Polgars wurde er erster Kritiker beim Wiener "Tag". Mit dem Einmarsch der NS-Truppen in Österreich wurde für ihn die Lage prekär, nicht nur wegen seiner früheren politischen Haltungen, sein Ahnenpass wies auch einen falschen Großelternteil auf.
Trotzdem setzte er alles daran, seinen Beruf weiter ausüben zu können, was ihm nach einigen Schwierigkeiten und mit Hilfe eines befreundeten PG der ersten Stunde auch einigermaßen gelang. Er war freier Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitungen und trug dabei die ideologischen Konsequenzen der Umwandlung aller Kritiker in NS-Kunstbetrachter wohl oder übel mit. Trotzdem galt er nach 1945 als Demokrat der ersten Stunde, wurde noch im Mai Kulturleiter des "Neuen Österreich" und im August dann beim "Wiener Kurier". In seinen Feuilletons wetterte er aufrichtig gegen den "wüsten Haufen von Nichtskönnern und Lohnschreibern", die in der NS-Zeit die Redaktionen bevölkerten, und sah offenbar keine Verbindung zu seiner eigenen Vergangenheit als NS-Lohnschreiber. Dass er dann in einer Theaterkritik gegen den Regisseur Lothar Müthel argumentierte, es wäre nicht akzeptabel, dass Müthel heute Lessings "Nathan" inszeniere, da er in der NS-Zeit eine antismetische Interpretation des "Kaufmann von Venedig" gemacht habe, zeigt seinen radikalen "Gedächtnisverlust", was seine eigene NS-Vergangenheit betrifft. Denn just Fontana selbst hatte jene Shakespeare-Inszenierung Müthels damals als "reizvoll" bezeichnet. Wohl auch in Folge dieser Enthüllung verließ Fontana den "Kurier" bereits im Jänner 1946 wieder und wechselte zur "Welt am Abend", ab 1951 war er freier Theaterkritiker bei der "Presse". Ganz allmählich begann sein Stern zu sinken; dass die "Arbeiter-Zeitung" seinen 60. Geburtstag 1959 unerwähnt liess, kränkte ihn tief. Ein Teil der Querelen und "Intrigen", die seinen letzten Lebensabschnitt verdunkelten, war auch seiner politischen Haltung zwischen den Lagern zuzuschreiben, vor allem seine Weigerung, auf die Logik des Kalten Krieges einzuschwenken – gegen den Brecht-Boykott etwa nahm er immer wieder mutig Stellung.

Das eigentlich spannende am journalistischen Werk Oskar Maurus Fontanas wäre eine Anaylse der Verformungen, die der NS-Sündenfall in seiner Sprache hinterlassen hat. Wenn man Fontanas Texte der 50er Jahre liest, will sich kaum eine Verbindungslinie herstellen zur treffsicheren und farbigen Sprache, die ihm in den 20er Jahren zu Gebote stand. "Ein Charakteristikum von Fontanas journalistischen Arbeiten, das sich über den ganzen Zeitraum seiner Tätigkeit feststellen lässt, ist seine Neigung zu einem pathetischen, metaphorischen und symbolistischen Stil, der nach dem Zweiten Weltkrieg antiquiert zu wirken beginnt" (S. 160), schreibt Alexandra Reininghaus resümierend. Doch vielleicht ist "Antiquiertheit" nicht das zentrale Problem, sondern Hohlheit. Was ursprünglich als Frische und Bilderreichtum daherkam, verlor nach 1945 den Boden unter den Metaphern. Übrig blieb die typische Phrasensuppe der Publizistik der 50er Jahre, die mit großen Worten und Wörtern die schwarzen Löcher der Erinnerung und der Bombenruinen übertünchte; hinter jeder Worthülse kauert der ganze existenzielle Abgrund, stets bereit, durchzuschimmern.

An der Entwicklung von Fontanas Schreibstil ist fast so etwas wie die Rache der Sprache ablesbar: Nach 1945 stand sie ihm nur mehr als Phrasenlager zur Verfügung. Da sich das bei vielen Zeitgenossen ähnlich verhielt, fiel die Verarmung und bei aller Anhäufung hehrer Formeln letztlich auch Verrohung der Sprache erst einer jungen Schriftsteller-Generation auf, die sich dann entsprechend radikal an die Arbeit der sprachlichen Rundumerneuerung machte. Es war jedenfalls nicht primär die Zeitschrift "Der Turm", wie die Autorin vermutet, wo diese Vertreter der neuen Generation zu finden waren.

 

Evelyne Polt-Heinzl
13. Februar 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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