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Mark William Roche: Die Moral der Kunst.

Über Literatur und Ethik.
München: C. H. Beck, 2002.
224 S., brosch., EUR 26,90 [D].
ISBN 3-406-48651-7

Hätte Mark William Roche, der an der Universität Notre-Dame in den USA Germanistik lehrt, eine fachbezogene Studie vorgelegt, dann wäre der Rezensent vermutlich in jenen routinemäßigen Duktus verfallen, dessen er sich gelegentlich nach einer unerquicklichen Lektüre befleißigt.
Die Moral der Kunst entpuppt sich indessen als Glücksgriff. Der Autor versteht es nämlich, ein Thema anzugehen, das nicht nur höchste Aktualität besitzt, sondern er wagt es auch, über die engen Grenzen seiner Disziplin die hochnotpeinliche Frage der Legitimation zu stellen: Wozu Literatur? Wozu Literaturwissenschaft?
Roche verlässt die Aussichtsplattform seines Elfenbeinturms, um auf dem Boden prosaischer Weltsicht dem Tun seiner Zunft den Spiegel vorzuhalten. Damit lässt er sich auf eine Diskussion ein, die von Politik und Wirtschaft - beide auf die "Steigerung der Zweck-Mittel-Rationalität" bedacht - längst als Polemik in die Öffentlichkeit getragen worden ist.

Im einleitenden Kapitel skizziert der Verfasser zunächst die Bedingungen, unter denen Kunst und Kritik zum gegenwärtigen Zeitpunkt in der westlichen Hemisphäre statthaben. Er bedauert zuvörderst, dass Bereiche wie Kunst, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft völlig autonom und losgelöst von ethischen Erwägungen den Individualismus zur Maxime ihres Handelns erhoben hätten, statt gemeinsam auf soziale Veränderungen zu reagieren.
Wo Moral nicht mehr produktiv und zielgerichtet zum Einsatz komme, stelle sich zwangsläufige eine Sinnkrise ein, die sowohl literarisch Schaffende als auch deren Exegeten vermehrt heimsuche. Nicht Ethos, sondern kommerzielle Überlegungen bedingten beruflichen Erfolg, erfahren wir. Wie wahr, wie wahr!
"Die Zahl der Künstler in schwierigen Lebensumständen und qualvollen Identitätskrisen nimmt zu", fährt Roche in seiner Diagnose fort. Dem könnte entgegengehalten werden, dass die literarische Produktion ein historisches Höchstmaß erreicht hat, das, um es mit Walter Benjamin zu sagen, naturgemäß beträchtlichen "Abhub" impliziert. Darüber hinaus lässt sich gegen die ganz und gar unempirische Bemerkung des Autors einwenden, dass Künstlern zu keiner Zeit die ihnen eigene Schwierigkeit des Daseins erspart geblieben ist und sich ferner die materiellen Existenzbedingungen entsprechend der Kulturpolitik des jeweiligen Landes (wenn auch nur minimal) doch verbessert haben.

Mit der Literaturwissenschaft geht Roche härter ins Gericht. Er moniert bei seinen Kollegen "diese Gleichgültigkeit gegenüber den ethischen Herausforderungen der Moderne" und sieht darin einen "der Hauptgründe für die gegenwärtige Krise der Literaturwissenschaft". Die Kunst selbst sei in diesem Punkt der Forschung weit voraus.
Weiters beklagt er die Ängstlichkeit der Wissenschaft, wertend Stellung zu beziehen, um ihre Position im sozialen Kontext sinnvoll behaupten zu können. Sie sage dem Konsumenten nicht mehr, was und warum überhaupt gelesen werden solle und verharre stattdessen selbstreflexiv in einer "normativen Lähmung".
Jetzt beginnen Roches Ausführungen zu packen, indem er mutig und pragmatisch auf die Anwürfe jener eingeht, die Literatur und die dazu gehörige Wissenschaft nur allzu gern ins Abseits brotlosen Spintisierens verweisen.
Endlich hören wir - und es tut gut, Roches bisweilen schulmeisterlicher Stimme zu lauschen -, wozu denn Kunst nütze sei. Er streicht insbesondere ihre sinnliche Komponente heraus, vermittels deren es ihr gelinge, Wahrheiten leichter zugänglich zu machen als die Philosophie, weil der Künstler, ähnlich dem Orakel, schneller und weiter sehe. Die Kunst verweist zudem auf das Ganze, sie bildet den Makrokosmos ab, ohne unbedingt Balzac'sche Dimensionen anzustreben. Ihr schreibt er vor allem pädagogische, therapeutische und ästhetische Funktionen zu.
Wenig mit der Ästhetik des Kunstwerks befasst sich hingegen die Literaturwissenschaft, die sich vornehmlich auf dem Felde der Produktion und Rezeption betätigt. Dass sie sich mit Vorliebe "negativen Kategorien" wie dem Hässlichen zuwende, zählt zu den verstreuten Pauschalierungen, die auffällige Bruchstellen in einer ebenso dichten wie klugen Publikation bilden.

Viel breiteren Raum nehmen zum Glück die vielfältigen normativen Thesen in dem Band ein. So beansprucht Roche für seine Disziplin: "Die Literaturwissenschaft hat nach der transhistorischen Wahrheit eines Kunstwerks zu suchen."
Desgleichen verwehrt er sich gegen übertriebene Theorielastigkeit, die einen Graben zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit geschaffen habe. Es sei daher die Aufgabe des Literaturwissenschaftlers, die Arbeit des Dichters zu entschlüsseln und sich mit den Ergebnissen "auch an den gebildeten Laien" zu wenden.
Mit dieser Forderung bringt er die Malaise mancher Fachleute auf den Punkt, die unter dem Diktat ihrer Publikationsliste für Fachleute forschen und schreiben, wiewohl sie bisweilen die sinnlichere, jedoch populärwissenschaftliche Variante des Essays oder der Rezension bevorzugten.
Gegen die Unverständlichkeit wissenschaftlicher Abhandlungen tritt er ebenso auf wie gegen die Vielschreiberei, der schon Montaigne ein Aperçu widmete: "So viele Worte bloß der Worte wegen zu machen!" Ach, Die Moral der Kunst spricht uns, namentlich dem Rezensenten, aus der Seele! Und wer als Trabant oder Fixstern in der Forschung eine Daseinsberechtigung sucht, muss sich die eherne Regel zu eigen machen, die lautet: "Publish or perish."

Um ihre Originalität unter Beweis zu stellen und sich in der Folge einen Namen zu machen, erforschen Literaturwissenschaftler nicht selten randständige Themen, die jeglicher historisch-sozialen Relevanz entbehren. Ein Defizit ortet der Autor im Hinblick auf die Vernachlässigung technischer und ökologischer Themen durch die Fachgelehrten. Während im deutschsprachigen Raum diese Aspekte in der literaturwissenschaftlichen Landschaft nicht wahrgenommen werden, spielen die Amerikaner eine Vorreiterrolle. Die so genannte "Association for the Study of Literature and Environment" bündelt den Diskurs und verfügt über eine ausgezeichnete Website (http://www.asle.umn.edu), auf der einschlägige Informationen in kompakter Form aufscheinen. Es erstaunt, dass gerade in Deutschland und Österreich, die in Europa einst Hochburgen der Grünen bildeten, die Literaturwissenschaft sich der Herausforderung der Ökologie nicht stellt, während sich in den USA "Literarische Ökologie" längst als Fachrichtung etabliert hat.

Mark William Roches Darlegungen sind über weite Strecken diesem neuen ökologischen Ansatz verpflichtet, der notwendig und begrüßenswert erscheint, so Literaturwissenschaft das hehre Ziel verfolgt, sich in den Dienst des Menschen zu stellen. Dass im Zeitalter der Technik die Umwelt auch in der Literatur eine zentrale Rolle spielen sollte, versteht sich laut Roche von selbst, der, von erfrischendem Idealismus getragen, überschwänglich in die Zukunft blickt: "Ein Künstler, der sich den Umweltproblemen zuwenden könnte, [...] dürfte als einer der größten Künstler unserer Zeit gefeiert werden."
Auch wenn wir nicht geneigt sind, die "ästhetische Chance" der Literatur derartig hoch einzustufen, wirkt Euphorie fruchtbarer denn Resignation oder blanker Zynismus. Roche huldigt dem Prinzip Optimismus bis zu jenem Punkt, wo Vision in Naivität umschlägt. Wenn er beispielsweise den zahllosen Philologen rät, die nicht in einer Forschungseinrichtung untergekommen sind, sie mögen "Diskussionsgruppen für Menschen leiten, die ihre Freizeit sinnvoll nutzen wollen", dann darf man ihm ohne weiteres unterstellen, dass er keine Ahnung von der Schwierigkeit hat, mit der brotlosen Kunst der Literaturwissenschaft ein Auskommen zu finden.

Aber gerade die Überschätzung der Möglichkeiten von Literatur und Literaturwissenschaft, denen der genuine Enthusiasmus des Autors zugrunde liegt, macht die Auseinandersetzung mit der Moral der Kunst zur fruchtbaren Begegnung, die anders als Barthes' rein intellektuelles Plaisir du texte ein wahrhaft sinnliches Vergnügen zu schaffen imstande ist. Die Moral der Kunst könnte zum Leitfaden für angehende Literaturwissenschaftler werden und die arrivierten einladen, ihre Arbeit einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Eine möglichst breite Rezeption ist dieser Monografie jedenfalls zu wünschen.

 

Walter Wagner
28. Mai 2002

Originalbeitrag

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