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Michael Ritter: Zeit des Herbstes. Nikolaus Lenau.

Biografie. Wien, Frankfurt / M: Deuticke, 2002.
381. S., geb.; m. Abb.; Euro 39,90.
ISBN 3-216-30524-4.

Höre ich den Namen Nikolaus Lenau, kommt mir unweigerlich der junge Gabriel Barylli in den Sinn. Das ist natürlich nicht Schuld des Dichters aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sondern hängt mit der Verfilmung von Friedrich Torbergs "Der Schüler Gerber" aus dem Jahre 1981 zusammen. Barylli hatte damals nämlich immer wieder ein paar Verse Lenaus aufzusagen, vor allem auch während Gerbers Deutsch-Matura, und war darob offensichtlich selbst am erschüttertsten, weil er sowohl innere Reife als auch den designierten Selbstmörder zeigen durfte. Soweit also die hinlänglich bekannten Klischees über Lenau, den "Dichter des Weltschmerzes", den "Melancholiker" und "Naturlyriker" mit einem gewissen Hang zu politischer Aufmüpfigkeit. Welche "Attribute ihm sonst noch zugeordnet wurden" (Klappentext), erfährt man einmal mehr in der von Michael Ritter verfassten Biografie, der sämtliche Allgemeinplätze nur aufgreift, um zu zeigen, wie sehr das gängige Bild über Nikolaus Lenau "stimmt". Wozu soll man das vorliegende Buch also lesen, fragt man sich? Wozu sich heute noch mit Lenau beschäftigen? Wer Antworten auf diese Frage sucht, bleibt im Regen stehen. Michael Ritter hat zwar neue Quellen ausgewertet, die Befunde sind jedoch die alten geblieben.

Worin besteht denn die Kunst des Biografie-Schreibens? Liegt sie darin, alle verfügbaren Informationen zu einer Person zusammenzutragen, um damit den äußeren Hergang eines Lebenslaufs lückenlos zu rekonstruieren? Oder besteht die Aufgabe einer Biografie eher darin, Fragen zu beantworten, einen Lebensverlauf in Kontexte einzuordnen und aus der Lösung von biografischen Problemstellungen vielleicht sogar ein Repräsentationsmodell einer bestimmten historischen oder kulturhistorischen Situation zu schaffen? Michael Ritter wählte die erste Option und dürfte viel unterwegs gewesen sein, von einem Archiv zum anderen. Dann buchstabierte er das Leben des Franz Nikolaus Niembsch Edler von Strehlenau, der als Pseudonym kurz Lenau benützte, Wort für Wort aus allen nur irgendwie greifbaren Überlieferungen nach. In minutiösester Weise stellte er sämtliche Reisen, alle dokumentierten Begegnungen und von Lenau selbst oder anderen notierten Befindlichkeiten des Dichters ins Buch. Was immer auffindbar war, musste rein. Eintönig liest sich das "Pendeln zwischen Stuttgart und Wien", wenn Ritter sich zum x-ten Mal wiederholt; wenig ausgeschlachtet wird hingegen Lenaus berühmte Amerika-Reise, weil hier offensichtlich die Quellen fehlen. Desgleichen kurz und bündig - wohl auch ein Resultat der Quellenlage - sind schließlich die letzten sechs Jahre abgehandelt, in denen Lenau geistig umnachtet war.

Man könnte einwenden, die Eintönigkeit der Darstellung reflektiere etwas von der Starre, von einer psychisch-sozialen Immobilität des Biedermeier, was das Verfahren Ritters in einem Hintersinn wieder berechtigen würde. Doch ich glaube eigentlich nicht, dass Ritter Derartiges beabsichtigt hat. Zu augenfällig ist seine stilistische Unbedarftheit. Dennoch vermittelt er durch seine Akribie die eine oder die andere wertvolle Einsicht, vor allem für diejenigen, die auf nackte Fakten aus sind: So sind etwa die genauen Informationen zur ökonomischen Situation Lenaus für das Verständnis des Literaturbetriebs seiner Epoche gewiss ergiebig. Sie zeigen die Entwicklung eines Lyrikers im Hinblick auf den Marktwert an, der vorübergehend eine beachtliche Höhe erreichte.

Ein anderer sehr detailliert abgehandelter Bereich betrifft Lenaus Verhältnis zu Frauen, dessen fatale Abhängigkeit zur verheirateten Sophie von Löwenthal, die Affäre mit Karoline Unger und den gescheiterten Versuch, sich durch eine letztlich nicht mehr zustande kommende Heirat mit der Frankfurter Bürgerstochter Marie Behrends zu befreien. Immerhin löste dieses Scheitern, Ritter zufolge, nach einem Schlaganfall den Ausbruch von Lenaus Geisteskrankheit aus. Doch so detailliert der Verlauf der Frauenbeziehungen aus der erhaltenen Korrespondenz auch dargestellt ist, es fehlt die Interpretation. Lenaus zunehmende Verstörung und mentale Zerstörung erschließen sich aus der reinen Faktenlage nicht. Stattdessen vermittelt sich der Eindruck spätpubertärer Verwirrungen wegen einer auf Unerfüllbarkeit angelegten Sexualität. Michael Ritter scheint sich darüber ganz klar zu sein, dass das nur im gefühligen Irresein enden kann, und bemüht sich redlich, um seine Leser moralisch vor solchen Abgründen zu bewahren. Dabei geht der implizite Autor häufig mit Ritter durch.

Die entscheidende, unbeantwortet bleibende Frage lautet aber: Welche Funktion hat Lenaus Biografie für seine Texte überhaupt? Weder klärt Ritter etwa über die Ungarn-Motivik in Lenaus Lyrik auf, für deren Konstanz die kurze in Ungarn verbrachte Kindheit Lenaus als Grund nicht ausreicht; es lässt sich vermuten, dass Ungarn für den Dichter mehr bedeutete als Kindheitserinnerungen; aber was, und warum? Noch nimmt Ritter eine literaturgeschichtliche Einordnung Lenaus in die österreichische Vormärzliteratur und in die schwäbische Spätromantik vor, sondern beschränkt alles auf das Verzeichnen persönlicher Begegnungen. Noch rafft er sich je auf, das Werk Lenaus zu charakterisieren, etwa die Frage nach der Modernität der Lenau'schen Lyrik zu stellen. Völlig ungeklärt bleibt auch die Rolle, die das Schreiben für Lenau im Sinne der Lebensbewältigung hatte, und das Verhältnis zwischen politischen Bezügen seiner Texte und privaten emotionalen Zuständen.

In Anbetracht der Tatsache also, dass hier zentrale Fragen nicht einmal angerissen worden sind, wird die Lebensgeschichte Lenaus als literaturwissenschaftliche Biografie wohl noch einmal geschrieben werden müssen. In deren Appendix sollte Michael Ritter seinen reichen Datenbestand - quasi als Itinerar - noch einmal zur Verfügung stellen.

Arno Russegger
26. Juni 2003

Originalbeitrag

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