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Knut Radbruch: Mathematische Spuren in der Literatur.

Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1997.
298 S.; geb.; DM 64,-.
ISBN 3-534-11617-8

Knut Radbruchs Untersuchung ist so einfach wie komplex: Es geht um die Rolle der Mathematik im Gefüge der Wissenschaften bzw. der Gesamtkultur generell, exemplifiziert an zahlreichen Beispielen aus der deutschsprachigen Literatur der letzten vier Jahrhunderte.

Das Ergebnis ist für Mathematiker wie Literaturwissenschafter in seiner unerwarteten Vielfalt überraschend und dank der flüssigen Präsentationsform für die Vertreter beider Disziplinen in gleicher Weise lesbar.

In vier großen Abschnitten verfolgt der Mathematikprofessor an der Universität Kaiserslautern die chronologischen Spuren des Verhältnisses Mathematik und Literatur. Aus den Texten des 17. Jahrhunderts (etwa das Volksbuch von Doktor Faust oder Grimmelshausens "Simplicissimus") wird zunächst eine "tastende Annäherung an die Mathematik" (S. 141) sichtbar.

Im 18. Jahrhundert hingegen, da Mathematik allmählich als dominante Wissenschaft ins Bewußtsein einer breiteren Öffentlichkeit dringt, bemühen sich die Dichter um ihre Ortsbestimmung und um Positionen zur Problematik der Wissenschaft allgemein. Intensive (zum Teil) universitäre Mathematikstudien betrieben u. a. Lessing, Lichtenberg, Schlegel, Novalis und Kleist.

Einen Niederschlag findet dieses starke Interesse nicht nur in den literarischen Texten (etwa bei den beiden Letztgenannten), sondern auch in ihren theoretischen Erörterungen und Poetikentwürfen, wo ausgiebig mit mathematischen Begriffen und Denkfiguren operiert wird.

Eine Art Höhepunkt erleben diese Bemühungen in Friedrich Schlegels mathematischer Formel für Poesie. Nicht beteiligt an diesen Diskursen war Goethe, der sich nie systematisch mit Mathematik beschäftigt hat und in seine Werke gelegentlich distanzierende bis abwertende Stellungnahmen gegen die Mathematikbegeisterung seiner Zeitgenossen einstreute.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verliert die Mathematik das irritierend Neue, der Mathematikunterricht in den Schulen sorgt für ein gewisses Basiswissen. Die Literatur wendet sich in der Folge zunehmend dem Umgang mit diesem Wissen zu. Das kann in humorvoller Art geschehen - als Beispiele stehen hier Heinrich Heine und Wilhelm Busch, oder im Rahmen erzählter Bildungsentwürfe.

Adalbert Stifter etwa weist der Mathematik im "Nachsommer" ihre Position als erkenntnisfördernde Disziplin für naturwissenschaftliche Studien zu. Bei Theodor Storm scheitert die Mathematikbegeisterung Hauke Haiens ("Der Schimmelreiter") an der Ignoranz des gesellschaftlichen Umfelds und bei Gottfried Keller ("Der grüne Heinrich") findet sich eine frühe literarische Kritik am Mathematikunterricht.

Nach Beginn des 20. Jahrhunderts wird dieser Themenkomplex häufig aufgegriffen, literarisch etwa bei Frank Wedekind, Robert Musil, Hermann Hesse oder Friedrich Torberg, in autobiografischen Rückblicken bei Alfred Döblin, Hans Fallada oder Heinrich Böll. (Interessant wäre hier vielleicht ein interdisziplinärer Vergleich mit literarischen Kritiken am Latein- bzw. Altgriechischunterricht.)

Das 20. Jahrhundert nimmt mit sieben autorenzentrierten Untersuchungen - zu Robert Musil, Hermann Broch, Thomas Mann, Hermann Hesse, Arno Schmidt, Friedrich Dürrenmatt und Bertolt Brecht und Max Frisch - einen relativ breiten Raum ein. Wenngleich die Fragestellung der Untersuchung bei diesen Autoren vielleicht vertrauter wirkt, eröffnet der systematische Kontext auch hier eine Fülle neuer Aspekte.

Das abschließende fünfte Kapitel sammelt Längsschnittanalysen. Von der allgemeinen Frage nach dem Stellenwert von "Maß - Zahl - Gewicht" in der Literatur, der "literarischen Karriere eines mathematischen Topos" (die Kraft des mathematischen Beweises) und einer Reise "Mit Euklid durch sechs Jahrhunderte Literatur", bis zur gattungsgeschichtlichen Sonderuntersuchung "Mathematik im Gedicht". Die unterhaltsamen literarischen Kostproben, die hier ausführlich zitiert werden (u. a. Adelbert von Chamisso, Friedrich Rückert, Christian Morgenstern, Günter Eich, Reiner Kunze, Karl Krolow, Erich Fried, Hans Magnus Enzensberger) liefern einen letzten Beweis, wie anregend und kulinarisch

Evelyne Polt-Heinzl, Christine Schmidjell
15. September 1997

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