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Günther Stocker: Vom Bücherlesen.

Zur Darstellung des Lesens in der deutschsprachigen Literatur seit 1945.
Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2007.
402 S.; geb.; Eur 37,-.
ISBN 978-3-8253-5386-5.

Die Absicht des Germanisten Günther Stocker ist ehrenvoll und verdient jede Unterstützung. "Vom Bücherlesen" heißt sein grundlegendes Werk "Zur Darstellung des Lesens in der deutschsprachigen Literatur seit 1945". Darin versucht er der zum Orchideenfach abgefallenen Literaturwissenschaft mit einem ungewöhnlichen methodischen Ansatz zu neuer Blüte zu verhelfen. Dass Literaturliebhaber "der Adel der Intelligenz" geblieben wären, wie weiland Marcel Proust behauptete, "davon kann heute keine Rede mehr sein", ist sich Stocker bewusst. Gerade deshalb will er die verloren gegangene "gesellschaftliche Relevanz des Faches" wiedergewinnen, indem er sich der Kulturtechnik des Lesens zuwendet. Die Bedeutung des Lesens an sich ist ja unbestritten, gewandelt hat sich nur der Rang dessen, was gelesen und wie es gelesen wird. Der Literatur im engeren Sinn kommt kaum mehr erkenntnistheoretische oder gesellschaftspolitische Bedeutung zu. Sie ist von einer selbstreflexiven Leitkultur des Bürgertums zum Unterhaltungsmedium geworden. Als solches muss sie – insbesondere bei der Jugend – mit vielen moderneren Medien konkurrieren. Ob Stockers Studie zum Verhältnis von Literatur und neuen Medien die Position der Literatur sowie der Wissenschaft über sie stärkt, muss bezweifelt werden. Einsichten für interessierte Leser bringt sie aber allemal.

Das Glück beim Lesen ist längst zum Mythos geworden. Alberto Manguels vor zehn Jahren erschienene "Geschichte des Lesens" ist nur eines von zahllosen Werken der letzten Jahre, die das Lesen von Büchern feiern. In früheren Jahrhunderten wurde, wie Stocker in seinem Rückblick auf die Lesekultur vermerkt, Lesen zum Teil viel weniger positiv eingeschätzt. Da gab es nicht nur die Angst politischer Eliten vor dem subversiven Charakter des Bücherlesens, sondern auch die Furcht besorgter Bürgersleute vor der Verbildung der Fantasie ihrer Kinder durch den "Schmutz und Schund" in den Romanen. Diese Einstellung hat in dem von Stocker untersuchten Zeitraum nach 1945 kontinuierlich an Bedeutung verloren. Heute sind die meisten Eltern froh, wenn ihre Kinder statt vor dem Bildschirm mit einem Buch im Fauteuil sitzen und "irgendwas lesen". "Ein Phänomen der Gegenwart", so Stocker, sei es, "dass Bücher als Sekundärmedien genutzt werden, als Bücher zu einem Film, einer TV-Serie, Bücher von TV-Stars" und über sie und dergleichen.

Das blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Literatur. Da sie als Er- und Aufklärungsmedium kaum mehr wahrgenommen wird, hat sie sich auf eine Selbstreferenzialität zurückgezogen. Und dementsprechend das Lesen als solches thematisiert. Wird aber etwas besonders in den Vordergrund gerückt, so weiß man, dass es darum schlecht bestellt ist. "Lesedarstellungen in der modernen Literatur", so Stocker, "greifen daher häufig die Zeit der großen gesellschaftlichen Bedeutung des Lesens auf" und laufen damit Gefahr, vollends den vermissten Bezug zur heutigen Wirklichkeit zu verlieren. An vier ausgesuchten literarischen Werken will Stocker nun zeigen, mit welchen Fantasien, Erfahrungen und Konzepten des Lesens versucht wurde, nach den Bücherverbrennungen der Nazis wieder eine Lesekultur zu etablieren.

"Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch bildet dabei den Auftakt. Dieser Roman steht ganz im Zeichen der Nazi-Diktatur und der darin geübten Zensur. Für die jugendliche Hauptperson des Buches ist deshalb Lesen an sich schon subversiv. Er taucht ein in die Welt von Huckleberry Finn, der Schatzinsel und von Moby Dick und träumt sich erst einmal weg aus dem repressiven Alltag im Dritten Reich. Das ist aber noch nicht das richtige Lesen. Im Lichte der Biografie Alfred Anderschs, der 1943 die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer beantragte und nur deshalb nicht aufgenommen wurde, weil seine schriftstellerische Tätigkeit "nur geringfügigen Umfangs" sei, wie es in den Unterlagen hieß, ist der 1957 erschienene Roman ein "Buch der Läuterung". Deshalb beginnt das eigentliche Lesen erst, als der Junge das, was er gelesen hat, in Handlungen umsetzt, also die Rezeption konkrete Folgen für die Lebenspraxis zeitigt. Das ist nun allerdings ein idealistisches Modell, das aus der persönlichen Geschichte des Autors und den Zeitumständen heraus verständlich, aber kaum wirklichkeitsnahe ist.

Anders legt Arno Schmidt die Sache an. Seine Literatur "ist nicht nur von zahlreichen lesenden Helden bevölkert, sondern oft spielen Bücher darin die Hauptrolle", so Stocker. Die Welt außerhalb der Bücher ist für Schmidt weitgehend verachtenswert. Bildungsdünkel und Misanthropie bestimmen sein Frühwerk. Schmidt hat zwar einen aufklärerischen Impetus. Er traut der Lektüre von (bestimmten) Büchern zu, politische Propaganda zu entlarven. Aber angesichts der Erfahrungen im Dritten Reich, in dem die größten Unmenschen auch Kenner und Liebhaber klassischer Literatur waren, muss man diese Haltung wohl als illusionär betrachten. "Privatkosmos" nennt das Stocker, gesteht Schmidt aber zu, sich aus politischer Sensibilität "von der Wirklichkeit abgewandt und eine eigene Welt aus Büchern" errichtet zu haben. Ob dieses Privatgelehrten-Dasein (Schmidt litt darunter, keine wissenschaftliche Ausbildung gehabt zu haben) jedoch etwas über die Lektüregewohnheiten nach 1945 aussagt, muss bezweifelt werden.

Vielsagender ist diesbezüglich Botho Strauß. Er setzt sich früh mit den neuen Medien und der durch sie bewirkten Akzeleration unserer (Lebens)Kultur auseinander. Für Strauß mündet "das Phänomen der Beschleunigung, die Allgegenwart der TV-Bilder und die Multiplikation der Kanäle in die Zerstörung des Gedächtnisses", zitiert ihn Stocker. Von der frühen Erzählung "Die Widmung" (1977) an, über "Paare und Passanten" (1984), den "Anschwellenden Bocksgesang" (1993) bis zu den "Fehlern des Kopisten" (1997), kritisiert Strauß auf vielfältige, wenn auch nicht immer schlüssige Weise "die totale Diktatur der Gegenwart" und den Verlust historischen Denkens. So beklagt er etwa den Bedeutungsverlust eines Wortes wie "Ehre" in unserer Gesellschaft und hält diesem Schwund die Lektüre von Kleists "Marquis von O." entgegen. Damit, so meint Strauß, könnten vergangene kulturelle Erfahrungen durchlebt und verstanden und unser Gedächtnis belebt und erweitert werden. In manchem erinnert die Straußens Medienkritik an jene von Peter Handke. Auch Handke fordert Hingabe an die, Ehrfurcht vor der und Versenkung in die Lektüre, um der sukzessiven Derealisation durch die Medien zu entgehen. Beide fordern somit eine Wiederbelebung des Heiligen gegenüber der Allgegenwart des Profanen und haben einen quasireligiösen Anspruch. Im Gegensatz zu Arno Schmidt soll Lektüre bei Strauß und Handke aber kein Rückzug aus der Welt sein, sondern im Gegenteil: diese erst richtig erfahrbar machen. "Erst mittels der an Kunstwerken entwickelten Wahrnehmungsmuster, der dort erfahrenen Sensibilität und Genauigkeit, kann die Welt auf eine Weise erfasst werden, die sich von den uniformen Medienbildern abhebt", fasst Stocker zusammen.

Dafür müssen jedoch die Bedingungen stimmen. Genau das ist in Corinna Sorias 2000 erschienenem Roman "Leben zwischen den Seiten" nicht der Fall. Dort fantasiert sich das Mädchen Zoe mit Hilfe von Indianergeschichten aus der kleinen, finsteren Wohnung, in der sie mit ihrer psychisch kranken Mutter leben muss. "Die ,sonnendurchfluteten Prärien sind das Gegenbild zur Düsternis der eigenen Umgebung." Wer glaubt, dies träfe auf heutige Kinder nicht zu, denke nur an den Boom bei den Spielen im Internet, mit welchen sich Jugendliche von ihrer perspektivlosen Realität ablenken. Zugleich sind sie, ebenso wie Zoe, in der Lage, zwischen Fiktion und Wirklichkeit permanent zu switchen. Lesen (von mehr oder weniger mörderischen Geschichten) ebenso wie brutale Computerspiele mögen zwar ein eskapistisches Element haben, ob sie aber "in real life" gewalttätig machen, ist sehr zweifelhaft. Viel wahrscheinlicher sind sie ein Signal dafür, dass Kinder die Wirklichkeit nicht mehr für veränderbar halten und deshalb Fantasiewelten aufbauen, in denen sie ihre Aggressionen ausagieren können.

In dieser Weise kommt Stocker zu allerlei Erkenntnissen, insbesondere, was die Vergangenheit des Lesens anbelangt. Ob aus der Analyse der vorgestellten literarischen Werke und den darin geschilderten Erfahrungen mit Lektüre die Literaturwissenschaft jedoch gesellschaftliche Relevanz gewonnen und die Lesekultur in die Zukunft verlängert werden kann, ist eher unwahrscheinlich. "Wenn Literaturwissenschaft einen Sinn hat", so Wendelin Schmidt-Dengler im "Standard", "so den, dass sie anhand von Texten der Literatur das Lesen übt, und zwar so, dass auch für andere Disziplinen klar wird, was Lesen bedeutet, so das Lesen naturwissenschaftlicher, juristischer, philosophischer und theologischer Texte." So fördert Stockers Ansatz wohl manches zu Tage, Skepsis ist jedoch darüber angebracht, ob er geeignet ist, der Literaturwissenschaft neuen Sinn einzuhauchen.

 

Harald Klauhs
16. September 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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