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Franziska Schößler: Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft?

Eine Einführung.
Mitarb. v. Christine Bähr.
Tübingen, Basel: Narr Francke Attempto, 2006.
(UTB. 2765).
XII, 274 S.; brosch.; EUR 20,50.
ISBN 3-8252-2765-0.

Das Buch, das als eine Einführung gedacht ist, der zur Zeit in Trier lehrenden (und forschenden) Germanistin Franziska Schößler steckt sich ein ehrgeiziges Ziel, nämlich "einschlägige Theoriemodelle einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft überblicksartig und doch textnah" (so der Klappentext) zu präsentieren. Das Ziel hat die Autorin auch zweifelsohne erreicht (und den Spagat zwischen Überblick und detailgenaue Textbetrachtung geschafft), und dafür gebührt ihr nicht nur der Respekt vor der Leistung und der dahinter steckenden immensen Arbeit, sondern auch der Dank der Leser/innen, die diese hervorragende Zusammenfassung zu schätzen werden wissen.

Schon die Vorbemerkung steckt das ganze Spektrum der Problematik ab, die dann entsteht, wenn man kulturtheoretische und kulturwissenschaftliche Ansätze in die Literaturwissenschaft integrieren möchte, und führt bereits eine ganze Menge grundlegender Theorien, Texte und Theoretiker/innen an. Aber hier wird auch schon eine Schwierigkeit des Buches deutlich: Man sollte mit diesen Modellen bereits ein wenig vertraut sein, sonst sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wenn man dieses Vorwissen mitbringt, dann ist die Lektüre anregend, spannend und sehr hilfreich.

Schößler gliedert ihre Einführung in zwei Teile: "Historische Kulturtheorien" bilden den ersten Teil (Heinrich Rickert, Georg Simmel, Ernst Cassirer, Max Weber, Sigmund Freud - Cultural Studies in Birmingham - Michel Foucault, Pierre Bourdieu, Niklas Luhmann), "Aktuelle Debatten" den zweiten. In diesem zweiten Teil behandelt die Autorin (1) den New Historicism (Stephen Greenblatt, Hayden White), (2) die Gender Studies (mit Judith Butler als zentrale Theoretikerin, wobei Schößler hier neben den Queer Studies auch die Film Studies subsumiert), (3) die Postcolonial Studies (Edward Said, Homi K. Bhabha, Gayatri Chakravorty Spivak), (4) Ethnologie, Anthropologie und literarische Anthropologie (Clifford Geertz, Victor Turner, René Girard) sowie (5) Erinnerungstheorien, in denen Begriffe wie kollektive Erinnerung, Kanon, Archiv oder Intertextualität eine zentrale Rolle spielen.

Wie eine Integration dieser teilweise sehr unterschiedlichen Ansätze in die Literaturwissenschaften aussehen könnte, verdeutlicht Schößler in durchwegs ausgezeichneten Analysen literarischer Werke respektive bestimmter Formen literarischen Handelns in einem größeren Kontext: Wie Bourdieus Feldbegriff fruchtbar gemacht werden kann, wird an der literarischen Landschaft in Österreich nach 1945 exemplifiziert, die Begriffe Stephen Greenblatts werden anhand Émile Zolas "Au Bonheur des Dames" getestet, Virginia Woolfs "Orlando" wird einer Lektüre im Lichte der Gender Studies unterzogen, die Postcolonial Studies müssen sich an John Fenimore Coopers Roman "Conanchet oder Die Beweinte von Wish-ton-Wish" bewähren und Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre" sowie Thomas Manns "Königliche Hochzeit" werden im Lichte von literaturtheoretischen Begriffen neu gelesen.

Insgesamt ist das Buch meines Erachtens etwas zu voraussetzungsreich für eine Einführung verfasst: Meine Lesearbeit begann beim Glossar, in dem ich alle Begriffe fand, zu denen man sich eine Erklärung wünscht (und auch eine benötigt), aber doch scheinen mir unbedarfte Leser/innen durch eine Definition beim Stichwort "Rezeptionsästhetik" wie "Im Vorgang der Lektüre konkretisiert der Rezipient den Text, indem er die dem Text eingeschriebenen so genannten Unbestimmtheitsstellen füllt, die sich wiederum als Appellstruktur des Textes darstellen" (S. 259) ohne nähere Erklärung nicht sehr viel schlauer zu werden. Was "pathographieren" (S. 94) - um nur ein Beispiel zu nennen - bedeutet, ist vielen vielleicht ebenso wenig geläufig wie der Unterschied zwischen "Hypertext" und "Hypotext", der meines Erachtens nicht ausreichend erklärt wird (S. 223).

Wie gesagt: Wenn man vor der Lektüre schon eine Ahnung von Literaturtheorie und kulturtheoretischen Modellen hat, dann bietet die Lektüre einen hervorragenden Überblick, anderenfalls wird den Leser/innen recht viel abverlangt. (Einige konkrete Beispiele - abgesehen von den hervorragenden 'literarischen Fallanalysen' -, welche die manchmal doch recht sperrigen Theorien erläutert hätten, wären vielleicht hilfreich gewesen.) Gemildert wird der Schrecken einer hoch liegenden Latte jedoch durch die gezielten und sehr hilfreichen Literaturhinweise (die angeführten Texte, darunter auch allerneueste Forschungsliteratur, werden erfreulicherweise kurz kommentiert) am Ende eines jeden Kapitels, und auch die Kästchen mit den wichtigsten Daten zu den besprochenen Theoretiker/inne/n bieten wertvolle Zusatzinformationen. Die Stichworte in der Marginalspalte hingegen wirken willkürlich und uneinheitlich und bringen keinen didaktischen Zugewinn.

Jedes Kapitel für sich ist spannend und sehr informativ, mancherorts fehlt jedoch die inhaltliche Verknüpfung dazwischen. Das rührt möglicherweise daher, dass es die Autorin verabsäumt, zu Beginn des Buches die Bedeutungsvielfalt einiger grundlegender Begriffe (vor allem natürlich "Literatur" und "Kultur") deutlicher zu klären, was meines Erachtens nötig gewesen wäre - wenn auch noch so kurz und schlagwortartig -, weisen doch beide Begriffe eine enorme Bandbreite von Bedeutungen auf und werden (das betrifft besonders den Begriff "Kultur") von Theoretiker/inne/n teils auch völlig unterschiedlich verwendet.

Das Buch ist es insgesamt jedoch wert, über diese kleinen Schwächen hinwegzusehen. Und für Lehrende, die eine aktualisierte Zusammenfassung der besprochenen kulturtheoretischen Modelle für den universitären Unterricht gut brauchen können, ist es auf jeden Fall ein Gewinn.

Martin Sexl
11. September 2006

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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