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Ursula Seeber: Asyl wider Willen.

Exil in Österreich 1933-1938.
Wien: Picus, 2003.
128 S.; geb.; m. Abb.; OU; EUR 21.90.
IBN 3-85452-451-X.

"Meine Gedanken im nächtlichen Schnellzug drängten der Grenze zu. Hinaus! Hinüber! [...] Um mich auf das Wiedersehen mit Österreich vorzubereiten, hatte ich mir [...] Reiselektüre [...] mitgenommen.'Das Reich der Träumer' handelte von dem Volk, das, gemischt aus Kelten, Slawen, Bajuwaren, Germanen, Mongolen und andern Substanzen im Donaubecken geschickt graziös Jahrtausende durchglitten, sich gegen Hunnen, Türken, Ungarn, Tschechen, Preußen, Franzosen behauptet hatte, und ich dachte: Ob es wohl auch den Hunnen von heute standhalten wird?[...] Wird mir und den Meinen dies Land eine Zuflucht sein?"

Diese Gedanken bewegten nach eigener Erinnerung den Schriftsteller Rudolf Frank, der 1936 das nationalsozialistische Deutschland verließ, um als Künstler, rassistisch Verfolgter und Pazifist in Österreich ein neues, freieres Leben zu beginnen (Spielzeit meines Lebens, Heidelberg 1960, S. 342). Dem Phänomen des Exils im entstehenden "Ständestaat" Österreich bis 1938 - und demjenigen Rudolf Franks - widmet sich ein von Ursula Seeber herausgegebener, überaus ansprechend gestalteter Begleitband einer Ausstellung und einer Tagung der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus Wien.

Es mag kaum glaubhaft erscheinen, doch übersah die österreichische wie deutsche Exilforschung bis Mitte der neunziger Jahre die doch so nahe liegende Rolle Österreichs als Exilland für vom Nationalsozialismus Verfolgte fast gänzlich. Paradigmatisch für diesen Befund ist das Fehlen Österreichs unter der Rubrik "Zufluchtsländer" des zentrale Forschungsergebnisse bündelnden, 1998 erschienenen "Handbuches der deutschsprachigen Emigration". Dass literarisch-künstlerische und wissenschaftliche Eliten aus dem Dritten Reich - sowohl Deutsche wie Österreicher - in den autoritären "Ständestaat" flohen und hier nur eingeschränkt künstlerisch tätig werden konnten, dokumentiert der vorliegende Band der Exilbibliothek plastisch.

Zunächst skizziert ein breiter ausholender Beitrag der Herausgeberin profund Dimension und Strukturen des Exils in Österreich wie die restriktive Asylpolitik des "Ständestaates", der mit dem "Schubgesetz" und arbeitsrechtlichen Beschränkungen Aufenthalt wie Existenzmöglichkeiten der Emigranten limitierte. Seebers Überblick folgen elf mehrheitlich biographisch orientierte Aufsätze, die allesamt mit zahlreichen Photographien, Handschriften und Archivfunden illustriert sind. Hier erhält der Leser Einblick in die beschwerlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Emigranten wie in künstlerische und private Netzwerke. Anschaulich gelingt dies vor allem in den Beiträgen über die Rückkehr des heute vergessenen österreichischen Soziologen Friedrich Hertz in seine Heimat Wien, das mühevolle Überleben des Autors Alexander Moritz Frey in Salzburg wie des eingangs erwähnten Rudolf Frank in Wien. Einen Blick auf das politische Exil wirft dankenswerterweise Herbert Exenberger, indem er das Engagement der Autoren Oskar Maria Graf und Hermynia Zur Mühlen in der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller untersucht, das allerdings mit den Februarkämpfen 1934 ein eruptives Ende fand. Herauszuheben ist in Seebers Sammelband besonders der Beitrag Regina Thumsers über Kabarett und Kleinkunst in Österreich 1933 bis 1938. Über den biographischen Ansatz hinaus beleuchtet sie die Balancierbewegung zwischen künstlerischer Freiheit, politischer Aufladung und der Zensur des "Ständestaates", aber auch die differente inhaltlich-politische Ausrichtung der Programme deutscher Emigranten und österreichischer Rückkehrer.

Verdienstvoll ist letztlich der Abdruck eines Sets an Biogrammen verfolgter Eliten - insbesondere von Schriftstellern, Schauspielern und Kabarettisten -, welches das Redaktionsteam anhand einer Dokumentation der Österreichischen Exilbibliothek und verschiedener biographischer Materialien zusammenstellte. Etwa 180 abgedruckte Biogramme der gesammelten rund 500 Einträge dokumentieren die bedeutende künstlerische wie numerische Dimension des Exils in Österreich, das insgesamt mehrere tausend Menschen umfasste. Über diesen illustrativen, das literarisch-künstlerische Exil nach Österreich vielschichtig beleuchtenden Sammelband hinaus bleibt so eine Analyse der katholisch-konservativen Emigration, die im katholischen autoritären "Ständestaat" eine gleichsam kongeniale Operationsbasis finden musste, weiteren Forschungen vorbehalten.

Elke Seefried
21. Jänner 2004

Originalbeitrag

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