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Walter Schönau, Joachim Pfeiffer: Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft.

2., aktualisierte und erweiterte Aufl. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2003.
(Sammlung Metzler. 259).
224 S.; brosch.; Euro 14,95.
ISBN 3-476-12259-X.

Die wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Literatur und Psychologie umfassen seit 1945 mehrere tausend Titel. Ab Mitte der 1970er Jahre hat die psychoanalytische Literaturwissenschaft in Deutschland an Bedeutung gewonnen, was sich in einer fast unüberschaubaren Fülle von neueren Publikationen niederschlägt. Auch wenn der Einfluß poststrukturalistischer und dekonstruktivistischer Ansätze seit den 1990er Jahren die Psychoanalyse zurückdrängt, scheint eine Neuauflage des Einführungsbandes von Walter Schönau, Professor em. für Neuere deutsche Literatur, nach 12 Jahren, ergänzt und erweitert durch den Freiburger Universitätsprofessor Joachim Pfeiffer, gerechtfertigt. Neben dem neuen Kapitel über psychoanalytische Filmtheorie wurden v. a. die umfangreichen bibliographischen Angaben und der Teil über feministische Literaturtheorie aktualisiert. Nicht zuletzt bietet der neu herausgegebene Band ein gutes Gegengewicht zu den poststrukturalistischen Ansätzen.

Psychoanalyse und Literatur stehen seit jeher in einem interessanten Spannungsverhältnis zueinander. Übte die Psychoanalyse seit ihrer Entstehung einen großen Einfluß auf die Kunstschaffenden genauso wie auf die Literatur- und Kulturwissenschaften aus, so hatte die psychoanalytische Literaturwissenschaft selbst immer mit Rechtfertigungs- und Abgrenzungsproblemen zu kämpfen. Häufige Argumente der Ablehnung lauteten, "die Psychoanalyse mißachte das Geistige, reduziere es auf biologische oder 'materialistische' Gegebenheiten, vernachlässige die Formproblematik und habe keine Antworten auf die Fragen nach den Kriterien der literarischen Wertung" (S. 130f.). Schließlich liegt ein Grundproblem auch in der Sache selbst: Wissenschaftler, die auf dem Gebiet der Psychoanalyse gleichermaßen potent sind wie in der Literaturwissenschaft, sind selten.

Und Autoren, sei es, daß sie die Bedeutung der Psychoanalyse schätzen oder fürchten, wollen sie häufig weder auf sich noch auf ihr Werk angewendet sehen. Rilke beispielsweise war besorgt, daß eine Analyse "ihm nicht nur seine Teufel, sondern auch seine Engel austreiben würde" (S. 3) und er seiner Kreativität verlustig gehen würde. Thomas Mann fürchtete den Künstler durch die Freudsche Psychoanalyse wie mittels Röntgenstrahlen durchleuchtet, bis hin zur Verletzung des Geheimnisses des Schöpfungsprozesses - Kunst werde unmöglich, wenn sie durchschaut ist. Der 1964 geborenen Michael Lentz hingegen fragte sich jüngst in seiner Berliner Poetikvorlesung: "Warum aber Schreiben? Um der Langeweile zu entkommen, die einen Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in einer bundesdeutschen Kleinstadt überfiel und im bürgerlichen Schwitzkasten gefangenhielt. So jedenfalls habe ich mir selber das zurechtgelegt. ... Literatur als Blitzableiter, Therapieersatz, bis sie nicht mehr zu ersetzen ist." Der von Lentz hier zitierte Thomas Bernhard faßte es noch kürzer: "Ich schreibe, um mich nicht aufzuhängen. (Michael Lentz: Das Schreiben, das Sprechen und das Ich", FAZ, 17.1.2004, S. 41).

Wer sich mit dem vorliegenden Band auseinandersetzt, wird Antworten und Klärungen finden, worauf es bei der Unterscheidung von Psychoanalyse als Therapie, Psychoanalyse und Kreativität/Kunst und psychoanalytischer Literaturwissenschaft ankommt. Der Aufbau des systematischen Teils orientiert sich an den drei verschiedenen Prozessen, wie Literatur funktioniert: der kreative, rezeptive und der interpretative Prozeß. Dabei wird immer auf den Methodenpluralismus verwiesen, kommen z. B. ich-, selbst- und objektbeziehungstheoretische und "dissidente"Ansätze (Melanie Klein, Jacques Lacan, Heinz Kohut oder Alice Miller) zu Wort. Als Orientierungshilfe in diesem interdisziplinären Feld wird den umfassenden Literaturangaben ein kleines kommentiertes Literaturverzeichnis, welche Publikationen als Einstieg am besten geeignet sind, vorangestellt.

Begonnen wird mit einer Darstellung der psychoanalytischen Kreativitätstheorien. Somit wird gleich zu Beginn dem gängigen Mißverständnis, psychoanalytische Literaturbetrachtung sei auf Interpretation beschränkt, begegnet. Ganz im Gegenteil zählt die Erforschung des literarischen Schaffensprozesses zu einem zentralen Aufgabenbereich der psychoanalytischen Literaturwissenschaft. Die psychoanalytischen Kreativitätstheorien unterscheiden sich von anderen in der Betonung der unbewußten Dimension und in der Erforschung der Dynamik zwischen unbewußten und bewußten Prozessen. Ausgangspunkt bildet die Darstellung der Vorbedingungen der Kreativität - wobei die Theorie der Sublimation der bekannteste psychoanalytische Terminus für die Erforschung des Schaffensprozesses wurde - die Motivationen und die Phasen des kreativen Prozesses, die Bedeutung der Phantasien und die Psychoanalyse der literarischen Form.

Und auch die psychoanalytische Rezeptions-, resp. Wirkungstheorie setzt die Dynamik von Unbewusstem und Bewusstem ins Zentrum der Forschung. Die psychoanalytische Textinterpretation ist in der Überlegung begründet, dass jedes Kunstwerk Ergebnis einer psychischen Aktivität und somit Gegenstand psychologischer Forschung ist. Sie hat viel Kritik hervorgerufen, was häufig wiederum in der Grundproblematik von interdisziplinärer Kompetenz zu suchen ist. Und auch hier bietet der vorliegende Band Gelegenheit, mit Mißverständnissen oder Vorurteilen aufzuräumen, wobei eine grundlegende Vertrautheit mit dem psychoanalytischen Theoriegebäude vorausgesetzt werden muß.

Der historische Teil, die Geschichte der psychoanalytischen Literaturwissenschaft, eröffnet durch die getrennte Darstellung der Entwicklung im deutschen, französischen (wo die Trennung zwischen Philosophie, Literaturwissenschaft und Psychoanalyse nicht so scharf gezogen wird wie etwa im deutschsprachigen Raum), amerikanischen und englischen Kulturbereich die Möglichkeit, sich eine erste Orientierung - auch über einzelne TheoretikerInnen - zu verschaffen. Das Kapitel über die feministische Literaturtheorie, hier v. a. die französischen Theoretikerinnen Julia Kristeva, Sarah Kofman, Luce Irigaray und Hélène Cixous, ist leider auch in der Neuauflage sehr kurz geraten.

Ulrike Diethardt
3. Februar 2004

Originalbeitrag

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