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Eva Schobel: Albert Drach. Ein wütender Weiser.

Salzburg-Wien-Frankfurt/Main: Residenz, 2002.
555 S., geb., m. Abb., EUR 28.90.
ISBN 3-7017-1314-6.

Albert Drach war eine äußerst außergewöhnliche Erscheinung in der österreichischen Literaturszene. Und das in zumindest zweifacher Hinsicht. Zum einen zählt sein umfangreiches Schaffen zu den verstörendsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur, mit seinem "Protokollstil" hat der Autor sein ihm ganz eigenes Sprachwerkzeug geschaffen, das ähnlich singulär dasteht wie etwa Thomas Bernhards monomanische Sprachwelt. Zum anderen handelt es sich bei Drach um einen der großen Unbekannten und -beachteten. Erst in den 60er Jahren konnte er Bücher (bei Langen-Müller) mit Erfolg publizieren (damals war der Schriftsteller selbst schon über 60 Jahre alt), um danach lange Zeit in Vergessenheit zu geraten. Zum zweiten Mal wurde er Ende der 80er Jahre entdeckt, es folgte der ruhmreiche Büchner-Preis und der neuerliche Beginn einer Werkausgabe (diesmal bei Hanser), die allerdings wie schon beim ersten Anlauf nach einigen Bänden im Sand verlief. Mittlerweile, sieben Jahre nach dem Tod Albert Drachs und rechtzeitig zu dessen 100. Geburtstag, hat sich der Zsolnay-Verlag an die offenbar verhexte Aufgabe gemacht, kontinuierlich eine Drach-Ausgabe aufzulegen. Es ist zu hoffen, daß es ihm nicht so geht wie Hanser und Langen-Müller.

Zum 100er-Jubiläum kommt jedenfalls auch die erste Drach-Biographie von Eva Schobel gerade recht, kannte man das Leben des Dichters doch nur aus seinen autobiographischen Werken ("Unsentimentale Reise", "Z.Z.-das ist die Zwischenzeit", "Das Beileid" etc.) und spärlichen Verweisen und Gerüchten rund um seine Person. Um eines gleich vorwegzunehmen: Der Autor hätte die Akribie und Gewissenhaftigkeit, mit der Schobel die Geschichte seines Lebens aufgearbeitet hat, garantiert mit Genugtuung aufgenommen. Schobel, die den Nachlaß des Autors im Österreichischen Literaturarchiv geordnet hat und auch als Mitherausgeberin der Drach-Ausgabe fungiert, hat unzählige Gespräche mit dem Autor geführt, kennt das veröffentlichte Werk wie den Nachlaß gründlich und hat auch die Vor-Ort-Recherche in Frankreich nicht gescheut, wohin der Jude Drach vor der Nazis geflohen war.

Schon die Kinder- und Jugendzeit Drachs ist von teils traumatischen Erfahrungen geprägt. Eine davon ist die Bergung einer schon von Fischen angeknabberten Leiche aus dem Lunzer See. Daß ihm der Vater versichert, Helden und Künstler seien im Gegensatz zu normalen Menschen, unsterblich, wird (zumindest kurzfristig) ein wesentlicher Antrieb, Schriftsteller zu werden. "Schreiben heißt, durch die eigene Schöpfung gegen den Leben und Tod umfassenden Schöpfungsplan zu opponieren", so die Biographin (S.44), die die ersten schriftstellerischen Gehversuche beschreibt und auch von den Aufmunterungen berichtet, die der junge Mann von einem berühmten Freund seines Vaters erhält: Anton Wildgans, arrivierter Dichter und zweimaliger Burgtheaterdirektor, ermuntert Drach immer wieder zum Schreiben und hält ihm dadurch vor allem bei der eher skeptischen Familie den Rücken frei. Dem heftigen Drängen der Eltern, einen Brotberuf zu erlangen, muß Drach dennoch nachgeben, für das juristische Studium und die spätere Anwaltstätigkeit kann er sich nie recht begeistern. Der lästige Beruf hat immerhin einen positiven Aspekt: Drach beginnt die Sprache der Juristen in seine eigenen Texte zu integrieren, entwickelt mit der Zeit seinen "Protokollstil", der sein Werk auszeichnet und lange Zeit als kauziger Beamtenstil mißverstanden wurde.

Der weitaus umfangreichste Teil der Biographie widmet sich der Zeit von 1938 bis 1946, als Drach vor den Nazis nach Südfrankreich floh und dort schließlich nur knapp der Auslieferung an die Deutschen entging. Die intensive Recherche Schobels macht sich hier besonders positiv bemerkbar, spannend sind neben der anschaulichen Schilderung der Exilzeit die immer wieder gezogenen Vergleiche zwischen der biographischen Realität und der literarischen Verarbeitung (interessant etwa die Unterschiede zwischen der "Unsentimentalen Reise", die veröffentlicht wurde, und dem unveröffentlichten Manuskript "Blinde Kuh", das zum Teil die gleichen Erlebnisse verarbeitet).

Vergleichsweise schmal ist der Teil der Biographie, der sich der Zeit von der Rückkehr nach Österreich bis zu seinem Tod widmet. Nur zögerlich konnte Drach sich wieder im Mödlinger Hof seiner Eltern einrichten, der arisiert worden war. Die literarische Anerkennung bleibt ihm vorerst versagt. So wurde etwa "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum", das später Drachs erster großer Erfolg werden sollte, unverhohlen mit dem Hinweis abgelehnt, daß die Zeit für ein Buch, in dem ein Jude als positive Figur den Zwängen eines antisemitischen Systems erliegt, nicht reif sei. So groß die Freude über die Entdeckung durch den Langen-Müller-Verlag und die Literaturkritik gewesen sein mag, so bitter war jedenfalls die Enttäuschung über den raschen Fall des vermeintlichen Stars der deutschen Literatur. Drach zog sich als Anwalt zurück nach Mödling. 20 Jahre später, als Büchner-Preis-Träger, zögert er nicht, der literarischen Öffentlichkeit ihre jahrlange Ignoranz vorzuwerfen. Der größte lebende Dramatiker sei jedenfalls er, so Drach. Immerhin dürfte der "wütende Weise" laut Biographin in den letzten Jahres seines Lebens versöhnlicher geworden sein, Schobel bezeichnet sie als die glücklichsten seines Lebens.

Glücklich kann man jedenfalls auch über Schobels Biographie sein. Sprachlich gediegen, in der Interpretation fundiert, zum Gegenstand der Beschreibung gleich nahe wie distanziert und vor allem im Hinblick auf die biographischen Fakten eine Pioniertat, kann sie nicht nur ausgewiesenen Drach-Lesern empfohlen werden. Daß man nur verhältnismäßig wenig über die Anwaltstätigkeit Drachs in der Zweiten Republik oder auch über sein Verhältnis zu anderen (zeitgenössischen) Autoren erfährt, ist zwar schade, ergibt sich aber offenbar aus der notwendigen Beschränkung aufs wesentliche. Dem Rezensenten hätte es jedenfalls nichts ausgemacht, noch ein paar hundert Seiten über den Dichter aus Mödling zu lesen.

 

Peter Stuiber
19. November 2002

Originalbeitrag

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