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Frank Stern: Dann bin ich um den Schlaf gebracht.

Ein Jahrtausend jüdisch-deutsche Kulturgeschichte.
Berlin: Aufbau, 2002.
239 S.; geb.; EUR 20.-.
ISBN 3-351-02533-5.

Die deutsch-jüdische Geschichte, die jüdisch-deutsche Wechselwirkung endete nicht mit den Deportationszügen in die Vernichtungslager (S. 12). Und sie begann nicht mit Moses Mendelssohn, sondern "mit Süßkind von Trimberg betreten wir jenen widerspruchsvoll-schmerzhaften, aber auch farbenprächtigen deutsch-jüdischen Weg" (S. 53). Damit meint der Verfasser keineswegs nur einen Weg der Verfolgung. Stern setzt andere Schwerpunkte, beispielsweise die Schlüsselrolle Süßkinds von Trimberg als erster jüdischer Dichter deutscher Sprache. Er plädiert für ein Ende der Gleichsetzung des Jiddischen der "displaced persons" aus Osteuropa nach 1945 mit Jüdisch-Deutsch (S. 62) und dafür, daß Jüdisch-Deutsch als Schriftsprache nicht mehr ignoriert wird - immerhin wurde 1716 das Edikt des preußischen Königs an die Juden auf deutsch und jüdisch-deutsch abgefaßt. Noch früher, 1450, enthielt eine hebräische Liedersammlung aus deutschen Landen bereits deutsch-jüdische Paralleltexte (S. 221). Diese Sprache wurde von Moses Mendelssohn aufgeregt-aggressiv zugunsten der deutschen Hochsprache abgelehnt. Aber die jüdische Aufklärung ist für Stern keineswegs bestimmend für die weitere Entwicklung der deutsch-jüdischen Erfahrung.

In Sterns Buch findet die Rolle der Frauen in der deutsch-jüdischen Kulturgeschichte besondere Beachtung. Über Glückel von Hameln, die zwischen 1691 und 1719 ihre Erinnerungen aufschrieb, heißt es: "Sie lebte zweihundert Jahre vor Bismarck in einem um Preußen vereinigten Land, einem Deutschland, wo Grenzen zwischen Fürstentümern, Herzogtümern, freien Städten für sie einfach nicht existierten, die sie einfach nicht beachtete" (S. 81f.). Und anstatt, wie so oft, mit Rahel Varnhagen zu beginnen, werden die Schriften von Hanna Katz, Bella Hurwitz, Rahel Rausnitz, Rebekka Tiktiner und Roesel Fischel aus dem 16. und 17. Jahrhundert gewürdigt. Über Fanny Lewald heißt es, für den deutsch-jüdischen Zusammenhang in seiner Verbindung mit dem Ringen um die Gleichberechtigung der Frauen repräsentiere ihr Werk (26 Romane, 43 Novellen, 36 autobiographische Schriften und 40 Artikel) einen wiederzuentdeckenden Schatz (S. 113f.) und mache sie zu einer würdigen Nachfolgerin der Glückel von Hameln.

Gelegentlich hätte Stern den Zorn der behandelten Autoren auf sein Haupt ziehen können, so im Falle Hugo von Hofmannsthals, den er zu den jüdischen Schriftstellern zählt (S. 133, 139, 206). Hofmannsthal empörte sich 1922, als Willy Haas aufgrund des kläglichen Achtels (ein jüdischer Urgroßvater väterlicherseits) einwn Essay über ihn in Juden in der deutschen Literatur publizierte, was zum Bruch mit Haas führte.

"Zahlen erzählen keine Geschichte, das können nur Menschen" (S. 152). Allerdings sollten wir die deutsch-jüdische Kulturerfahrung nicht der Vergangenheit überlassen, sonst würde Hitler doch noch endsiegen. Wenngleich die jüdisch-deutsche Wechselwirkung nicht mit den Deportationszügen zu Ende war, war nicht abzusehen, daß der Diskurs so schnell nach Erscheinen des Buches neue Formen annehmen würde. Stern hatte seine Zielsetzung folgendermaßen definiert: eine skizzenartige Zeichnung anzubieten um "die deutsch-jüdische Erfahrung von der Mitte der deutschen Gesellschaft und nicht vom Rand zu lesen" (S. 216). Angesichts der Debatte vom Sommer 2002 muß gefragt werden, ob wir jetzt nicht erst recht um den Schlaf gebracht werden und das Buch nicht schon ein schmerzhaftes Zusatzkapitel nötig hätte.

Deborah Vietor-Engländer
22. Juli 2002

Kurzfassung in: GERMANISTIK Jg. 2002, Heft 1/2.

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