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Jost Schneider: Einführung in die moderne Literaturwissenschaft.

Bielefeld: Aisthesis, 1998.
255 S., brosch.; DM 29,80.
ISBN 3-89528-212-X.

Jost Schneiders Buch, dezidiert als "Einstiegslektüre für Sudienanfänger besonders für (Neu)Germanisten" (S. 7) konzipiert, geht deutlich von Erfordernissen der Studieneingangsphase aus. Es gliedert sich in folgende Kapitel, auf die ich kursorisch eingehen werde. Unter der Überschrift "Allgemeine Analysekategorien" werden die Themen Gegenstandsabgrenzung, Editionsphilologie, Figurenanalyse, Inhaltsanalyse, Rhetorik/Stilistik, Metrik, Poetik und Ästhetik sowie Epochen behandelt. Unter "Gattungsspezifische Analysekategorien" finden sich nebst allgemeinen gattungstheoretischen Reflexionen die vier Gattungen dargestellt. "Methodologie und Literaturtheorie" umfaßt die bekannten methodischen Zugänge bis hin zu Diskursanalyse, Gender Studies und Medientheorie.

Der Abschnitt zur Gegenstandsbestimmung der Literaturwissenschaft anhand von sieben Merkmalen, die als Schnittmenge ergeben, daß ein literarischer Text in "eine[r] Sequenz von Laut- oder Schriftzeichen, die fixiert und/oder sprachkünstlerisch gestaltet und/oder ihrem Inhalt nach fiktional ist" (S. 9) besteht, erweist sich als Grundorientierung recht hilfreich. Besonders einige Textbeispiele (mit Napoleon als Protagonisten), die Steigerungsformen der Rede von geschichtlicher Feststellung bis zum historischen Roman vorführen, sind im Unterricht sehr dazu angetan, die spezifische Leistung literarischer Texte zu illustrieren. Allerdings bleibt der Aspekt der Poetisierung, der bekanntlich vorwiegend in der speziellen Art der Personalisierung von Phänomenzugängen besteht, ein wenig unterrepräsentiert; die Bemerkung, daß Fiktionalität mit einem "hohe[n] Maß an Innenweltdarstellungen" und Detaillierung (S. 12) einhergeht, weist allerdings in die entsprechende Richtung. Das Kapitel zur Editionsphilologie ist besonders im konkret arbeits- und zitiertechnischen Teil wichtig, erfordert aber eine merkliche Ergänzung in der Praxis. Neben Grundsätzlichem zur Figurenanalyse - "eine literarische Figur ist eine körperlich manifeste, kommunizierende Bewußtseinsinstanz innerhalb eines literarischen Textes" (S. 34) - finden sich in der Folge im einschlägigen Abschnitt auch einige u. U. entbehrliche Ermahnungen für den Interpreten: "Figuren aus dem Rotlichtmilieu, aus der Obdachlosenszene [...] müssen genauso neutral und sozialhistorisch korrekt beschrieben werden wie solche aus dem Bildungsbürgertum ...". (S. 39) Die von Schneider favorisierte ideologiekritische, an Bourdieu orientierte Analyse der Sympathielenkung (vgl. S. 42) scheint mir zu starke Verbindlichkeit beanspruchen zu wollen. Die Überlegungen zur "Bewußtseinsinstanz" hätte man sich hingegen ausgeführter gewünscht, da sie manches Differenzierungspotential bergen; sie könnten nämlich zu wertvollen Aufschlüssen über das Problem führen: "Was macht eine Figur überhaupt zu einer solchen?" Die Ausführungen zur Rhetorik/Stilistik und Metrik eignen sich recht gut als einführende Darstellungen, ebenso jene zur Inhaltsanalyse. Bei den Themen und Stofftraditionen (S. 46ff.) wäre ein literaranthropologischer Einschub (G. Polti, V. Propp) didaktisch ganz reizvoll. Die Darstellung des Poetik-Ästhetik-Komplexes bringt neben Klärend-Grundsätzlichem mitunter auch Irritation Förderndes. Wenn nämlich im Abschnitt "Heteronomieästhetik" bemerkt wird, daß Texte, in denen die psychologische Funktion dominiert, "nicht nur im Dienst einer praktischen Lebenshilfe [stehen]", sondern auch "wichtige Beiträge zur Erkundung des menschlichen Handelns" (S. 95) liefern, und dazu "Lucinde", "Malte Laurids" und "Malina" genannt werden, könnte dies, vor allem bei Erstsemestrigen, konfusionsanleitend wirken, zumal der Autor ja grundsätzlich am systemtheoretischen Ausdifferenzierungskonzept festzuhalten scheint; das Beispiel des anthroplogischen Romans des 18. Jahrhunderts wäre hier vielleicht ergiebiger.

Die gattungstheoretischen Betrachtungen unterliegen einer allzu deutlichen Engführung mit sozialhistorischen Leitkategorien; Gattungen stellen für Schneider "als soziale Institutionen bestimmte konventionalisierte Kommunikationsformen dar, die [...] historischem Wandel unterliegen." (S. 133) Ansätze "zur Erfassung des inneren Wesens einer Gattung" werden folglich als "obsolet" (ebd.) qualifiziert, allerdings mit Bezug lediglich auf Kayser und Staiger. Neuere Versuche einer Grundlegung der Gattungstrias aus Redefunktionen (etwa J. H. Petersen: Fiktionalität und Ästhetik, 1996) finden leider keine Berücksichtigung. Die Präsentation der Gattungen selbst ist, gemessen an dem knappen Raum, sehr informativ und didaktisch ansprechend, besondere Hervorhebung verdienen das im Anschluß an Uspenskij entwickelte Distanzierungsschema in bezug auf epische Texte (S. 166) und die Hinterfragung des Terminus "Erzählzeit", die nicht ohne Witz ist. Die Behauptung einer vierten Gattung ("Gebrauchsliteratur") als Auffangbecken für Non-fiction-Literatur ist müßig, denn eine Gattung, die von Aphorismus bis Sach- und Tagebuch alles faßt, scheint von solcher Merkmalsbeliebigkeit getragen, daß der Bezeichungswert des Begriffs gegen Null tendiert. Darüber hinaus bezog sich (was vom Autor nicht überlegt wird) die Idee einer vierten Gattung historisch gesehen (Batteux, Sulzer) auf Lehrdichtung und nicht auf alles aus der Trias Ausgeschlossene. Zudem ist die poetische Qualität von Aphorismus, Brief und Autobiographie meist eine andere als beim Sachbuch, sodaß sich für die Literaturwissenschaft in bezug auf einzelne Textarten dieser "Gattung" sehr unterschiedliche Interessen ergeben. Auch dahingehend wäre eine Differenzierung zwischen Fiktionalität und Poesie (poetischem Niveau) hilfreich.

Die Darstellung der Methoden empfiehlt sich wegen ihrer Knappheit weniger als Grundlageninformation für Einsteiger, sie dient eher als Stichwortlieferant für den Lehrenden. W. Kayser und K. May unter "Formalismus" abzuhandeln scheint mir nicht ganz angemessen; ob "Geistesgeschichte" noch relevant für heutige Erstsemestrige ist, bleibe dahingestellt. Auch ließe sich streiten, ob Hermeneutik eine Methode unter anderen ist, wenn auch eine der "traditionsreichsten" (S. 213), oder ob sie nicht doch eher den grundsätzlichen Zugang zu kulturellen Hervorbringungen beschreibt, der für jede "Methode", wie szientistisch sie sich auch gebärden mag, gilt.

Günther A. Höfler
9. Dezember 1999

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