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Wendelin Schmidt-Dengler, Nicole Katja Streitler (Hrsg.) : Literaturkritik.

Theorie und Praxis. Innsbruck, Wien: StudienVerlag, 1999.
(Schriftenreihe Literatur des Instituts für Österreichkunde. 7).
176 S., brosch.; öS 248.-.
ISBN 3-7065-1365-X.

Die Literaturkritik ist ein viel gescholtenes Kind des Literaturbetriebs. Schon zu Lessings Zeiten standen Fragwürdigkeit und Anfechtbarkeit des Kritiker-Berufes im Raum: Wer maßt sich hier mit welchem Recht, nach welchen Kriterien und zu welchem Zweck ein Urteil über Emanationen des künstlerischen Genius an? Als mit voranschreitender Kommerzialisierung immer unübersehbarer wurde, daß das Prinzip der Warenproduktion auch den Literaturbetrieb bestimmt und organisiert, nahm der immer schon dubiose Leumund der Literaturkritik weiteren Schaden. Ein Prozeß, der heute, da die miniaturisierten Buchtips der Hochglanzmagazine schon recht eindeutig an das Geschäft von PR-Agenten gemahnen, eine Art Höhepunkt erreicht hat.

Aber anklagende Darstellung des Ist-Zustandes mit dem Tenor des Abgesangs ist nicht das Anliegen des von Wendelin Schmidt-Dengler und Nicole Katja Streitler herausgegebenen Bandes mit dem nüchternen, auf jede Behübschung verzichtenden Titel "Literaturkritik. Theorie und Praxis", der die Beiträge der Tagung des Instituts für Österreichkunde 1996 in St. Pölten versammelt. In den elf Aufsätzen werden vielmehr von unterschiedlichen Standpunkten ausgehend Grenzen und Möglichkeiten, Gefahren und Chancen von Literaturkritik einst und jetzt diskutiert, woraus ein dichtes und informatives Bild entsteht.

Wer den Band in die Hand nimmt, sollte mit der Lektüre vielleicht bei dem an fünfter Stelle gereihten Aufsatz von Konstanze Fliedl beginnen. Er handelt mit der Literaturkritik der Jahrhundertwende zwar ein scheinbar historisches Thema ab, aber in der sorgfältigen Analyse der Trendwende, die Kritiker wie Hermann Bahr und Alfred Kerr repräsentieren, wird deutlich, wie sehr strukturelle Charakteristika, die in der aktuellen Diskussion über den Zustand der Literaturkritik immer wieder angeklagt werden, hier ihre Wurzeln haben. Der Verlust ästhetischer Normen in der literarischen Moderne verstärkte den Legitimationsdruck, was Kritiker wie Bahr und Kerr dazu veranlaßte, "mit der unvermeidlichen Subjektivität jedes Geschmacksurteils in die Offensive" (S. 59) zu gehen. Programmatisch forderten und praktizierten sie Kritik als Beschreibung des eigenen Genusses am Kunstwerk. Ihre assoziativ und anmutig schlendernden Lektüreeindrücke "erhoben" die Literaturkritik selbst in den Status von Literatur. Literaturkritik als Kunstwerk lebt vom Originalitätszwang ebenso wie vom spritzigen Bonmot, dem Inhaltliches rasch geopfert wird, und es befördert das Starsystem auch auf Seiten der Kritiker. Es war Hermann Bahr, der schon 1908 die Mechanismen des Marktes für den Kunst- und Literaturbetrieb durchschaute und vom Künstler mehr Engagement und Phantasie in Richtung product placement forderte. Fliedls überzeugender und luzider Beitrag wirkt im Kontext des Bandes wie eine Art Kristallisationspunkt, von ihren Befunden und Analyseschritten scheinen einzelne Argumenationslinien wie unsichtbare Fäden zu anderen Beiträgen zu führen. Im beschriebenen Votum für die impressionistische Lektüreschilderung wurzelt die endgültige Separierung von Literaturkritik und Literaturwissenschaft, die Wendelin Schmidt-Dengler in seinem Beitrag als notwendig getrennte Diskursbereiche untersucht. Bernhard Fetz und Nicole Katja Streitler beschreiben in ihren Beiträgen gewissermaßen positive Gegenbeispiele, was "vordem" (Friedrich Schlegel) und "nachher" (Robert Musil) unter Literaturkritik verstanden wurde und mit welch leidenschaftlicher Anteilnahme - am Buch, nicht am Effekt - sie betrieben werden kann. Sigrid Löfflers Situationsbild von der Literaturkritik als aussterbende Gattung, die von der Umstrukturierung des Literaturbetriebs zur Buchindurstrie zerrieben wird, bezeichnet den vorläufigen Höhepunkt von Bahrs frühen Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten der Marktmechanismen. Direkt damit in Zusammenhang lesbar sind auch jene Beiträge, die sich mit der medialen Präsenz von Literatur beschäftigen, etwa in Form von zwei besonders medienwirksamen und traditionsreichen Einrichtungen: Jürgen Lodemann berichtet von Geschichte, Anspruch und Wirklichkeit seiner SWF-Bestenliste und Klaus Amann - selbst sechs Jahre lang Juror - vom Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. Seine vergleichende Analyse von Image und Procedere der Gruppe 47 und des Bachmann-Wettbewerbs, die als Übergang vom verstohlenen Kokettieren zum bewußten Kalkulieren mit Öffentlichkeit und Medienwirksamkeit beschrieben werden kann, verweist nicht nur auf gemeinsame Wurzeln - im Personellen wie im Verfahren - sondern arbeitet auch die Trendwende im Umgang mit der Vermarktbarkeit von Literatur heraus.

Nicht unerwähnt bleiben darf der Beitrag von Christa Gürtler zur feministischen Literaturkritik. Er ist ein notwendiges Plädoyer für ein aktives Heraustreten aus den "frauenspezifischen" Ecken und Nischen. Denn, solange Kritikerinnen vorwiegend Werke weiblicher Autoren besprechen, bleibt erstens der (männliche) Kanon fest in der Hand der männlichen Kritikerkollegen und werden zudem zweitens die fast ausschließlich von Frauen besprochenen Werke von Autorinnen von eben diesem Kanon kaum wahrgenommen. Ein Problem, das bei aller Getrenntheit der Diskursbereiche die Literaturkritik mit der Literaturwissenschaft teilt.

Was die Reihe der St. Pöltner Tagungsbände - seit 1997 beheimatet und sorgfältig betreut im Innsbrucker StudienVerlag - in der Regel immer auszeichnet, gilt auch für diesen Band: Er ist nicht nur eine lohnende Lektüre, sondern eigentlich ein gewinnbringendes Muß für alle, die mit Literatur, in welcher Weise immer, befaßt sind.

Evelyne Polt-Heinzl
14. September 1999

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