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Barbara Weidle (Hrsg.): Kurt Wolff. Ein Literat und Gentleman.

Bonn: Weidle Verlag, 2007.
(In Kooperation mit dem August Macke Haus, der Deutschen Nationalbibliothek und der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur).
289 S.; brosch.; m. Abb.; Eur 25,-.
ISBN 978-3-938803-01-1.

Kurt Wolff - das war der wichtigste Verleger jener Literatengeneration, die sich selbst den Namen "expressionistisch" verlieh und im frühen 20. Jahrhundert die Kunst revolutionierte. Vor allem in der Schriftenreihe mit dem programmatischen Titel "Der jüngste Tag" veröffentlichte Wolff zwischen 1913 und 1921 Texte von Franz Kafka, Georg Trakl, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, Franz Werfel, Kasimir Edschmid und vielen anderen Dichtern, die sich damals radikal neu und absolument moderne gaben.

Die Reihe "Der jüngste Tag" war aber nicht nur inhaltlich, sondern auch buchkünstlerisch auf der Höhe der Zeit: Ihr schmuckloser schwarzer Einband mit dem aufgeklebten roten Titeletikett war zwar vor allem eine Frucht der Mangelwirtschaft des Ersten Weltkriegs, doch wurde hier aus der ökonomischen Not eine ästhetische Tugend gemacht. Noch die fast ebenso berühmten "Quarthefte", mit denen Klaus Wagenbach der Literatur der sechziger Jahre ihr Forum schuf, lehnten sich in ihrer Gestaltung bewusst an den "jüngsten Tag" an. Um dies zu bekunden, eröffnete Wagenbach 1965 seine "Quartheft"-Reihe mit Wolffs Aufsatzsammlung "Autoren, Bücher, Abenteuer". In dem Buch, das es hier nun vorzustellen gilt, hat Klaus Wagenbach im Gespräch mit Stefan Weidle dargelegt, welch große Bedeutung Wolffs Vorbild für seine eigene Arbeit hatte.

Nun haben sich in den vergangenen Jahrzehnten schon einige Publikationen und Dokumentensammlungen des Themas Wolff angenommen, so dass man sich auch schon vor Erscheinen des Buchs "Kurt Wolff. Ein Literat und Gentleman" gut informiert fühlen durfte. Trotzdem ist aus diesem neuesten Band vieles zu erfahren, was zu einem nuancierten Verständnis der bedeutenden Verlegergestalt beiträgt. Dabei werden auch einige kursierende Klischeevorstellungen behutsam korrigiert. In älteren Darstellungen war gelegentlich zu lesen, Kurt Wolff habe sein beträchtliches Privatvermögen eingesetzt, um der neuen Kunst und Literatur ohne alle kommerzielle Rücksichten zum Durchbruch verhelfen zu können. Dies hat für die Anfangsjahre seiner Arbeit auch seine Richtigkeit, bald aber entwickelte sich Wolff zu einem kaufmännisch denkenden Verleger, der von sich sagte: "Ich will als Verleger nicht begeistert sein, sondern Bücher verkaufen". Wie Wolfram Göbel zeigt, verließ sich Wolff auf die bis heute bewährte Mischkalkulation: Wertvolle, aber schwer verkäufliche Bücher produzierte er nur dann, wenn er zugleich mit Bestsellern Geld verdienen konnte. Erfolgsbücher aus dem Wolff-Verlag waren etwa Heinrich Manns "Untertan", Gustav Meyrinks "Golem", und die Werke Rabindranath Tagores, die Wolff dem faszinierten deutschen Publikum erstmals in Übersetzung präsentierte.

Ein zweites Klischee, das hier ins Wanken gerät, betrifft Wolffs Avantgardismus. Gewiss gab es die Reihe "Der jüngste Tag", die schon seinerzeit als Inbegriff der Moderne galt, was - wie Rolf Bulang zeigt - nicht zuletzt zu zahlreichen mehr oder weniger witzigen Parodien führte. Dennoch weist Thedel von Wallmoden darauf hin, dass der studierte Germanist Wolff ein tiefes und kenntnisreiches Interesse an der Goethezeit hatte, und dass er vom unbedingten Fortschrittspathos seiner expressionistisch bewegten Autoren nicht überzeugt war. Wolffs Devise, die Wallmoden schon im Titel seines Aufsatzes zitiert, hieß: "Offen sein für das Heutige, offen bleiben für das Gestrige". Dieses souveräne Sowohl-als-auch prägte die Auswahl der Autoren und das viel gerühmte buchkünstlerische Erscheinungsbild der Verlagsproduktion: Die Bücher aus dem Hause Wolff hatten keine einheitliche graphische Linie - das Aussehen des jeweiligen Bandes folgte weitgehend dem Inhalt. Der Buchgestalter Friedrich Forssman geht in seinem Beitrag sogar so weit, zu behaupten, Wolff habe sich bei der graphischen Gestaltung seiner Bücher einfach auf die ausgezeichneten Hersteller und Drucker verlassen, mit denen er in jener "buchkünstlerisch glücklicheren Epoche" zusammen arbeiten konnte.

Das dritte Klischee, das hier einer Überprüfung unterzogen wird, besagt, Wolff habe als Verleger bei der Auswahl seiner Autoren einen unfehlbaren Qualitätssinn besessen. Als wichtigster, aber keineswegs einziger Beweis für diese Behauptung wird sein frühes und entschiedenes Eintreten für den damals noch ganz unbekannten Franz Kafka angeführt. Und doch gibt es auch hier Einschränkungen. Thedel von Wallmoden, aber auch Karl Wagner, der Robert Walsers eher kurzen Geschäftskontakt mit Wolff untersucht, stellen mit einiger Verwunderung fest, dass Wolff ein starkes Faible für den heute ("zu Recht", wie Wagner meint) vergessenen Romancier Herbert Eulenberg hatte. Und Ursula Seeber, die Wolffs auffallend starkes Interesse an den Autoren des k.u.k.-Österreich vorstellt, bemerkt auch, dass sich der Verleger dabei sehr stark an seinen beiden pragerdeutschen Lektoren Max Brod und vor allem Franz Werfel orientierte. (Dieses Vertrauen zu Werfel missfiel übrigens einem anderen prominenten Wolff-Autor, Karl Kraus, dessen Texte daraufhin, wie Friedrich Pfäfflin berichtet, in den eigens zu diesem Zweck gegründeten "Verlag der Schriften von Karl Kraus" ausgelagert wurden. Diese Gründung eines besonderen Verlags für seine Bücher hat Kraus dem Verleger, den er gerne als "edlen Jüngling" adressierte, so hoch angerechnet, dass er ihm sogar dessen Engagement für die Expressionisten verzieh.)

Liest man diese materialreichen Detailstudien, dann entsteht das Porträt eines Verlegers, der großzügig (und zuweilen auch wahllos) seinen vielfältigen Interessen folgte. Dieser weite Blick zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Wolff nicht nur in der Literatur, sondern auch in der bildenden Kunst und der Musik "zu Hause war" (die etwas altmodische Phrase ist hier durchaus am Platz). Seine Beziehung zu Graphik und Malerei wird im neu erschienenen Band vor allem in einem Überblicksartikel der Herausgeberin Barbara Weidle dargestellt: Wolff erscheint hier zum einen als Kunstkenner und -sammler, der von den dreißiger Jahren an auch als Kunsthändler tätig war. Zum anderen aber wird dargestellt, welch bedeutende Rolle die Illustratoren und Maler in Wolffs Verlagsarbeit spielten: Ludwig Meidner, Ottomar Starke, Paul Klee und andere illustrierten literarische Texte - Klee etwa Voltaires "Candide". Darüber hinaus edierte Wolff, der 1921 auch den Münchener Kunstverlag Hyperion erwarb, Graphiken wichtiger Künstler - Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Frans Masereel - als Mappenwerke. Und damit nicht genug: Die kurzlebige Kunstzeitschrift "Genius", die der Kunsthistoriker Hans Madersteig zwischen 1919 und 1921 bei Wolff herausgab, entsprach mit ihrem Sowohl-als-auch-Untertitel "Zeitschrift für alte und werdende Kunst" gewiss der Wolffschen Offenheit (siehe dazu den Beitrag von Klara Drenker-Nagels). Und dass sich Wolff auch um die moderne Fotografie verdient gemacht hat, ist von Jürgen Wilde zu erfahren, der die Bücher vorstellt, welche die beiden neusachlichen Fotografen Albert Renger Patzsch und August Sander bei Wolff veröffentlicht haben.

Während die bildende Kunst für den Verleger von professioneller Bedeutung war, blieb die Musik eine eher private Leidenschaft. Dabei ist sie ihm sozusagen schon an der Wiege gesungen worden: Sein Vater, Leonhard Wolff, der selbst einer Musikerdynastie entstammte, war als Dirigent, Geiger und Musikpädagoge höchst erfolgreich in Bonn tätig. Bernhard Hartmann informiert in seinem Aufsatz über die weitgehend vergessene Bedeutung des Musikers Leonhard Wolff, der sich vor allem für die damals neuen Kompositionen von Johannes Brahms einsetzte. Wie alle Wolffs, spielte auch Kurt ein Instrument, nämlich das Cello. Seine musikalischen Fähigkeiten müssen zumindest in seinen früheren Jahren beträchtlich gewesen sein, denn als der Cellist des seinerzeit hochberühmten Joachim-Quartetts einmal in Bonn erkrankte, war der junge Wolff imstande, ihn zumindest während der Proben zu vertreten. Die Liebe zur Musik, die ihn auch später nie verließ, übertrug sich auf Christian Wolff, seinen Sohn aus zweiter Ehe, der als experimenteller Komponist in den USA lebt. Er sagt im Gespräch mit Barbara Weidle: "Die intensive Begegnung mit Musik, die kam direkt durch meinen Vater."

Man sieht also: Kurt Wolff - geboren 1887, gestorben 1963 - war nicht nur ein innovativer Verleger, sondern auch ein vielseitiger, charismatischer Mann: Gut aussehend, elegant und kultiviert zeigt er sich auf allen Fotografien und verkörpert so jene spezifisch großbürgerliche Mischung aus Modernität und Bildung, die das kulturelle Geschehen der zehner und zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wesentlich prägte. Als der spezifisch kleinbürgerliche Nationalsozialismus mit seiner Mischung aus Dumpfheit und Destruktivität die Macht in Deutschland übernahm, verließ Kurt Wolff, vom nationalsozialistischen Einteilungsfuror als "Halbjude" klassifiziert, das Land seiner Geburt. Er lebte zunächst in Frankreich und Italien, bis er schließlich 1941 nach New York emigrierte. Die genauen Umstände seiner Emigration werden im vorliegenden Band von Sylvia Asmus und Brita Eckert dokumentiert.

Mit Helen Wolff, seiner zweiten Frau, gründete Wolff in New York den Verlag "Pantheon Books", der einerseits dem amerikanischen Publikum so schwer verkäufliche Bücher wie Hermann Brochs "Tod des Vergil" vorstellte, andererseits Weltbestseller wie Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" im Programm hatte. Das alte Rezept der Mischkalkulation hat Wolff also weiterhin befolgt. Helen Wolff, die selbst eine markante Verleger- und Lektorenpersönlichkeit gewesen ist, wird in dem Band mehrfach gewürdigt, vor allem von Christiane Stadelmayer Clemm, einer Enkelin Wolffs, deren leibliche Großmutter allerdings Wolffs erste Ehefrau Elisabeth gewesen ist. Und bei dieser Gelegenheit fällt auf, dass diese erste Frau, die der Darmstädter Honoratiorenfamilie Merck entstammte und mit Wolff immerhin von 1909 bis 1930 verheiratet war, in allen Publikationen zum Thema ein eigentümliches Schattendasein führt. Auch der neue Band berichtet über sie nicht allzu viel. Immerhin werden hier erstmals die Aufzeichnungen publiziert, die Wolff als Soldat im Ersten Weltkrieg für seine Frau geschrieben hat, aber Briefe oder Aufzeichnungen von ihr sind nicht zu finden. Einige Fotos zeigen sie als feingliedrige, elegante Dame, und ihre Enkelin Christiane Stadelmayer Clemm schreibt über Elisabeth Wolff: "Auch sie war eine beeindruckende, sehr schöne und gebildete Frau, die tiefe Spuren bei ihren Enkeln hinterlassen hat. Sie sagte oft: 'Helene ist das Beste, was Kurt je passiert ist.'" Schade, dass man nicht mehr über eine geschiedene Ehefrau erfährt, die zu einem solch großzügigen Satz imstande war.

So viel zu dem neuen Buch über Kurt Wolff, der im Vorwort als "eine der großen Identifikationsfiguren der deutschen Literaturszene" bezeichnet wird. Neben den Detailstudien enthält der Band noch autobiographische Aufzeichnungen Wolffs und Briefe von ihm und an ihn. Mit all dem ist diese sehr lehrreiche Sammlung der ideale Begleitband zu der großen Kurt Wolff-Ausstellung, die ab Jänner 2008 im Literaturhaus Wien zu sehen sein wird.

 

Hermann Schlösser
26. November 2007

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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