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Hubert Winkels: Leselust und Bildermacht.

Über Literatur, Fernsehen und Neue Medien.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1997.
304 S., brosch.; DM 36.-.
ISBN 3-462-02623-2.

Die wechselseitigen Beziehungen zwischen zeitgenössischer Literatur und deren Produzenten auf der einen und Fernsehen sowie neuen Medien auf der anderen Seite stehen im Zentrum des vorliegenden Buches. An Beispielen der deutschen und amerikanischen Literatur der 90er Jahre führt Winkels vor, wie Autoren (Autorinnen fehlen leider) die Bedingungen und Folgen der zunehmenden Mediatisierung ihrer Umwelt aufgreifen.

Einleitend analysiert Winkels die gegenwärtige Situation der Literatur angesichts einer dramatisch wachsenden Medienkonkurrenz.
Der Autor hütet sich davor, in den vor allem in den Feuilletons weitverbreiteten kulturpessimistischen Abgesang auf die Buchkultur einzustimmen, und verweist auf deren technikfeindliche Wurzeln. Es klingt aber doch immer wieder an, daß "früher" auch für die Literatur vieles besser war, daß es zum Beispiel einmal so etwas wie eine "durchliterarisierte Welt" (S. 21) gegeben hätte.
Auch wenn die Lektüre manchmal mühsam wird, so steckt vor allem in Winkels' pointierten Formulierungen die Würze des Textes, etwa wenn von "Literaturpropagandisten" die Rede ist, die der Menschheit die Literatur als Weltrettungsmittel anbieten.

Die im ersten Kapitel dargestellten Probleme, die Literaten mit dem Fernsehen und umgekehrt das Fernsehen bzw. die Fernsehmacher mit der wenig fernsehgerechten zeitgenössischen Literatur haben, verweisen auf ein grundlegendes Dilemma: Die verschiedenen Medien arbeiten nicht nur mit jeweils eigenen Codes und sind für die Übermittlung bestimmter Inhalte mehr oder weniger gut geeignet, es werden ihnen auch von ihren NutzerInnen ganz unterschiedliche Funktionen zugewiesen.
Ein mögliches Fazit aus Winkels' Überlegungen wäre die Frage, ob die Literaten bzw. ihr Publikum wirklich darauf angewiesen sind, auch im Fernsehen präsent zu sein. Oder sollte sich die mediale Auseinandersetzung mit Literatur vielleicht doch besser auf die ihr eher entsprechenden Printmedien oder den Hörfunk beschränken? Zu Recht stellt Winkels fest:
"Literatur im Fernsehen gibt es nicht" (S. 29).

Das eigentliche Kernstück des Buches sind Besprechungen literarischer Werke der letzten Jahre, wo Medien inhaltlich bzw. in ihrer sprachlichen Gestaltung thematisiert werden.
Peter Handkes "Gerechtigkeit für Serbien" steht dabei wohl nicht ohne Grund an erster Stelle. Seine Anklageschrift gegen die Medien ist ein Text, der vor allem auch medienpädagogische Tendenzen in sich trägt und die immer bedeutsamer werdende Frage nach den Bedingungen der Konstruktion von (Medien-)Wirklichkeit stellt.

"Parodie und Überbietung" (S. 95) als radikale Formen der literarischen Auseinandersetzung mit veränderten medialen Verhältnissen werden am Beispiel zweier deutscher Autoren vorgestellt:
Rainald Götzs Medienmitschrift "1989" reiht Fernseh-Bruchstücke aneinander. Diesem Beispiel einer literarischen Selbstliquidation durch völlige Anpassung an das audiovisuelle Medium steht Patrick Roths Trilogie über das Leben und die Auferstehung von Jesus Christus gegenüber, die für Wortgläubigkeit steht und sich gegen das Verschwinden der Welt in der Oberflächlichkeit des Fernsehens wendet.

Die Brillanz des Literaturkritikers Hubert Winkels besticht vor allem im zweiten Teil seines Buches, wenn er die glatte Oberfläche der Dingwelt in den Romanen Nicholson Bakers oder die auf die Leere einer mediatisierten Welt beziehbare Grausamkeit des Patrick Bateman in Bret Easton Ellis' "American Psycho" analysiert.
Daß Literatur an der Frage nach der Funktion des Körpers in einer durch zunehmend immaterialisierte und sinnentleerte Kommunikation geprägten Gesellschaft nicht vorbeikommt, arbeitet Winkels an diesen Werken plastisch heraus.

Hubert Winkels leistet mit seiner Untersuchung einen wichtigen Beitrag zum Diskurs über den Stellenwert und die Funktion der Literatur am Ende des 20. Jahrhunderts, auch wenn nicht jede Fragestellung überzeugend bearbeitet werden konnte.
Vor allem die Mißachtung des Umstands, daß die jeweiligen Medien auch unterschiedliche Mittel der Analyse erfordern, ist eine der Schwachstellen dieses empfehlenswerten Buches.

Margit Böck
14. August 1997

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