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Sigrid Weigel: Ingeborg Bachmann.

Hinterlassenschaft unter Wahrung seines Briefgeheimnisses.
Wien: Zsolnay, 1999.
608 S., geb.; öS 496.-.
ISBN 3-552-04927-4.

Kaum ein Werk der deutschen Nachkriegsliteratur ist derart kontroversiell gedeutet worden wie jenes von Ingeborg Bachmann. Zu ihren Lebzeiten waren es hauptsächlich die ("weiblichen") Gedichte, die - zusammen mit denen Paul Celans - für eine neue Ära der deutschen Lyrik standen. Ihre späteren ("intellektuellen") Prosaarbeiten ("Das dreißigste Jahr", "Simultan", "Malina") wurden umso skeptischer aufgenommen. Anders dann die Rezeption im Zuge der (Wieder-)Entdeckung der Autorin durch die feministische Literaturtheorie, welche die Romane und Erzählungen besonders für ihre Deutung als Frauenliteratur zu nützen wußte.

Neben diesen eindimensionalen Rezeptionsweisen erwies sich auch das Problem mit dem Nachlaß als fatal. Denn ein Teil desselben ist für 50 Jahre gesperrt, was wiederum zu den aberwitzigsten Spekulationen führte, oft genug mit voyeuristischem Blick auf das Privatleben Bachmanns (hat sie oder hat sie nicht?). Gerade das Werk einer Dichterin, die sich zeitlebens heftig gegen die Verletzung ihrer Privatsphäre gewehrt hat, scheint zu den wildesten biografischen Deutungen herauszufordern.

Sigrid Weigel geht in ihrer umfangreichen Studie zum Gesamtwerk einen anderen Weg. Zunächst verzichtet sie auf eine chronologische Herangehensweise zugunsten einer Kombination systematischer und historischer Bezüge. Den Ausgangspunkt bildet der Erzählungsband "Das dreißigste Jahr" (1961 erschienen), "um von dort aus erstens auf die erzählerischen Anfänge zurückzublicken [...] und um zweitens Bachmanns Durchquerung philosophischer Autorschaft während des Studiums [...] zu rekonstruieren" (S. 22). Eine lineare Entwicklung des Werkes wird auf diese Weise ebensowenig konstruiert wie die strikte Trennung von lyrischem und erzählerischem Schaffen. Die bekannten Mythen der Bachmannschen literarischen Anfänge stellt die Wissenschaftlerin in Frage. Sie relativiert etwa die philosophischen Verbindungen zu Heidegger und Wittgenstein und verweist auf die Nähe zur Kunst- und Geschichtsphilosophie Walter Benjamins und zur "Kritischen Theorie" des Kreises um Adorno.

Die Methode Weigels, generell literarischen und philosophischen Bezügen nachzugehen, ist so einleuchtend wie erfrischend: Ihr geht es nicht um eine biografische Lesart der Texte, sondern um Korrespondenzen, mit derer Hilfe man "Bachmann im Kontext ihrer Arbeit als Schriftstellerin und Intellektuelle wahrnehmen [kann]" (S. 18). Da die Briefe zum gesperrten Teil des Bachmann-Nachlasses gehören, hat Sigrid Weigel sich in die Archive potentieller Adressaten begeben und ist dabei mehrfach fündig geworden: Die Briefwechsel mit Theodor W. Adorno, Gershom Scholem, Hannah Arendt, Wolfgang Hildesheimer, Uwe Johnson, Peter Szondi und anderen beleuchten die intellektuelle Auseinandersetzung Bachmanns mit den Zeitgenossen.
Ein erhellendes Beispiel ihrer bemerkenswerten Stellung ist der Umgang mit dem Tod des Dichters Witold Gombrowicz. Während Günter Grass und Uwe Johnson in ihren Nachrufen eher gereizt auf den "geborenen Flüchtling" Gombrowicz reagieren und damit ihr eigenes Unbehagen im Umgang mit Vertriebenen erkennen lassen, unternimmt Ingeborg Bachmann den Versuch, der isolierten Stellung des Dichters und seiner Haltung Verständnis entgegenzubringen. Es bleibt schließlich beim Versuch, denn "jeder Nachruf [sei] zwangsläufig eine Indiskretion" (S. 459), so die Schriftstellerin an Uwe Johnson.
Dementsprechend deutet Sigrid Weigel "Malina" auch nicht als Roman über Paul Celan oder dessen Tod. "Erst das Zusammenspiel von fehlendem Autornamen, Zitat und Datum machen Bachmanns Roman zu einem Kryptogramm, d. h. zu einem Text, in dem Trauer und Gedenken verborgen sind, zu einer Erinnerungsschrift also jenseits von Gedenkritualen und Denkmalen." (S. 417) - Poetische Korrespondenzen werden hier ausgelotet, keine biografischen Schnüffeleien betrieben.

Bleibt noch zu erwähnen, daß Weigels Buch außerdem auf die musikalischen Strukturen der Lyrik eingeht, eine topografische Poetologie entwirft, medientheoretische Ansätze im "Malina"-Roman aufspürt und darüber hinaus weitere bemerkenswerte Funde bereithält. Als erste umfassende Gesamtdarstellung des veröffentlichten Werkes wird es wohl allen, die sich mit Ingeborg Bachmann beschäftigen, ein unverzichtbarer Lektüre-Begleiter werden.

Peter Stuiber
13. Juli 1999

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