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Karin S. Wozonig: Die Literatin Betty Paoli.

Weibliche Mobilität im 19. Jahrhundert.
Wien: Löcker, 1999.
222 S., m. Abb., brosch.; öS 380.-.
ISBN 3-85409-306-3.

Der Lebensweg Betty Paolis, der ersten freien Journalistin Österreichs, ist der Vorstellung "einer stringent zur Emanzipation hinlaufenden Frauenbewegung" (S. 176) nur sehr schwer einzugliedern. Vielleicht ein Grund, daß ihrem Werk und ihrer Person auch von der feministischen Forschung bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde. Karin S. Wozonig geht es in dem vorliegenden Band weniger um eine einlässige Biografie Paolis, denn um die beispielhafte Analyse der Lebens- und Schreibbedingungen von Frauen im 19. Jahrhundert, dargestellt anhand der sozialen Räume, die Betty Paoli für sich als Frau zu erobern verstand.

Von der literarischen Öffentlichkeit wurde sie vor allem als Lyrikerin wahrgenommen, ihre erste Gedichtsammlung erschien 1841 und erregte großes Aufsehen. Der quantitative Schwerpunkt ihrer Tätigkeit lag allerdings im Journalismus. Die Lockerung der Zensur 1848 wurde zur Geburtsstunde der "Presse" (später "Neue Freie Presse"), und Betty Paoli wurde hier, wie in einer Reihe weiterer Zeitungen, regelmäßige Feuilletonmitarbeiterin. Daß sie selbst diese Arbeit keineswegs nur als Broterwerb sah, belegt die Tatsache, daß sie ihre Aufsätze und Essays für eine Buchpublikation vorsah und vorbereitete. Vertritt sie in ihrer lyrischen Arbeit ein romantisches, ästhetizistisches Literaturkonzept, engagierte sie sich in ihren Essays und Berichten für soziale und gesellschaftspolitische Belange. Sie forderte die soziale Absicherung von Schriftstellern ebenso wie die Gleichbehandlung von Frauen in Punkto Ausbildung und die Ausweitung der Berufsmöglichkeiten für die bürgerliche Frau, der im wesentlichen nur die Varianten Erzieherin und Gesellschafterin als akzeptierte Formen von Berufstätigkeit offen standen. Auch Betty Paoli hatte in diesen Berufen begonnen, für sich aber das Terrain des öffentlichen Raums "Feuilleton" erobert, was von ihrer (männlichen) Umwelt durchaus zwiespältig beurteilt wurde und ihr Spitznamen wie "österreichische George Sand" oder "weiblicher Adler" einbrachte. Für Irritation sorgte auch ihre Lebensform - sie blieb unverheiratet und lebte fast vierzig Jahre im Haushalt ihrer Freundin Ida Fleischl-Marxow. Das ermöglichte ihr familiäre Einbindung ohne Einschränkung des notwendigen Freiraums für ihre Arbeit.

In ihrer Argumentation setzt Paoli häufig beim traditionell anerkannten Rollenbild an, um bei radikalen Forderungen zu enden, die sie aber in das akzeptierte weibliche Anforderungsprofil einzubauen versteht. So fordert sie zum Beispiel eine gründliche Ausbildung in den Naturwissenschaften auch für Mädchen, damit diese zur "rationalen Haushaltsführung" besser befähigt würden. Auch die Begründung für ihre eigene Ehelosigkeit schwanken zwischen dem (seltenen) selbstbewußten Bekenntnis zur Ehelosigkeit als Voraussetzung für ihr Schreiben und dem (häufigeren) Verweis auf die Kompensationsthese (Schreiben als Ersatz für ein "erfülltes" Frauenleben).

Trotz ihrer Sonder- bzw. Außenseiterstellung verstand Betty Paoli es auch, sich die Öffentlichkeit der literarischen Salons zu erobern und sich ihrer zu bedienen. Den Zugang verschaffte sie sich als Vorleserin und Gesellschafterin der Fürstin Schwarzenberg, eine Rolle, die finanzielle Absicherung und einen definierten sozialen Status bedeutete. Als zelebre Figur des literarischen Lebens wurde sie im Laufe der Jahre für Marie von Ebner-Eschenbach zur anerkannten und gefürchteten Kritikerin und literarischen Beraterin, sie förderte Ferdinand von Saar, war mit Ernst von Feuchtersleben und Leopold Kompert befreundet, ohne in die Rolle der Freundin berühmter Männer zu geraten.

Als Betty Paoli 1894 starb, war der "regierenden Schriftstellergeneration und ihren Lesern das literarische Werk Paolis kaum mehr ein Begriff" (S. 24). Die Konservativität ihrer Lyrik und das fehlende Interesse bzw. Verständnis für ihre publizistischen Arbeiten hatten ihre große Popularität der 40er und 50er Jahre in Vergessenheit geraten lassen.

Evelyne Polt-Heinzl
21. Dezember 1999

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