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Karl Wagner (Hrsg.): Moderne Erzähltheorie.

Grundlagentexte von Henry James bis zur Gegenwart.
Wien: WUV, 2002.
(UTB Literaturwissenschaft).
486 S.; brosch.; Euro 24,90.
ISBN 3-8252-2248-9.

Man könnte behaupten, wir lebten in literarisch großen - wiewohl vielleicht doch etwas komplizierten - Zeiten: Wirklich jeder denkbare Rahmen für eine Suspension des altehrwürdigen Gefüges der Romanform scheint schon mindestens einmal dagewesen zu sein, und die Sportart "bürgerliches - Bewußtsein - in - seiner - ureigensten - Kunstform - aus - sich - selbst - heraus - ad - absurdum - Führen" steht ganz folgerichtig selber wieder unter Revisionismusverdacht. Ebenso nachvollziehbar ist, daß sich unter dem vagen Heraufdämmern solchen Wissens vor allem die Vermarktung sogenannter "neuen Erzähler" gut anläßt. Allerdings, so groß diese Zeiten möglicherweise sind, da der Schnee von gestern, den die Leistungen eines Proust oder Joyce für die Postmoderne darstellten, zum Grundwasser neuerer Entwicklungen zusammengeschmolzen ist, so kompliziert sind sie auf jeden Fall.

Nicht zuletzt die verschiedenen Wissenschaftszweige, die mit der Rezeption von Erzähltem befaßt sind, tragen zur Konfusion bei, möchte man meinen, war es doch seit jeher ein gesunder Reflex der kreativ Tätigen, der je neuesten Theorie ein Schnippchen zu schlagen und Werke in die Welt zu setzen, die sich dem Begriffsapparat der WissenschafterInnen entziehen. Recht nachhaltig wurden Strukturalismus und "Poststrukturalismus", in der Erzähltheorie wildernde SoziologInnen und cultural-studies-Menschen, IdeologiekritikerInnen und MedientheoretikerInnen entweder von den Objekten ihres Interesses auf die Konstatierung scheinbarer Kleinigkeiten getrimmt, oder, wenn sie sich ins "große Ganze" aufzuschwingen geruhten, von den Sittenwächtern ihrer Disziplin vom metaphorischen Campus verbannt. Echte Erzählpoetiken werden halt, so es in ihnen normativ vonstatten geht, in pluralistischer Manier und ganz zurecht nicht goutiert, und wo sie nicht-normativ zu sein versuchen, wirds kompliziert. In diesem Sinne kann man etwa der Hoffnung Terry Eagletons, eine "neue" Rhetorik im antiken Sinne werde über kurz oder lang Platz greifen, nur mitleidig zuzwinkern, obwohl selbst ein solches Gebilde nur der Minimalforderung genüge täte, eine echte Bewältigung der aktuellen Erzählweisen zu leisten.

Der langen Rede kurzer Sinn: "Moderne Erzähltheorie", herausgegeben von Karl Wagner, leistet viel, aber die erwähnte Bewältigung muß - selbst als Hoffnung - draußen bleiben. Der Band ist überaus durchdacht, was die Anordnung der Aufsätze betrifft, und in dieser Durchdachtheit führt er uns den langen Weg von Henry James bis Ignes Sodré, hält an ausgewählten Wegmarken auch inne, um die Romanciers der jeweiligen Epoche zu Wort kommen zu lassen. Doch eine "umfassende Darstellung der Erscheinungen" auf dem Feld des Erzählens leistet keiner der versammelten Aufsätze.

Somit ist es ein Studienbuch im besten Sinne, was da als UTB-Taschenbuch erschienen ist: Es versucht erst gar nicht, dem "Laien" Licht ins Dunkel der tausenderlei übereinanderliegenden Farben zu bringen, es wendet sich an TheoretikerInnen und solche in spe und führt ihnen die Anwendung einiger verschiedener Grundannahmen auf das Material ihres Theoretisierens vor.

Spreche ich als Student der Germanistik und Philosophie, der ich bin, so kann ich nur hoffen, das sich "Moderne Erzähltheorie" recht bald auf Seminarleselisten beider Fächer findet und über kurz oder lang unter KommilitonInnen nur noch "der Wagner" heißt. Spreche ich aber als der Dichterling, der ich ebenso bin, sehe ich angesichts der - wissenschaftlich hochkorrekten - Fitzeleien im Detailbereich bzw. normativen Herangehensweisen von der Subtilität diverser Straßenbaumaschinen, wie sie sich hier versammeln, nicht mehr viel Notwendigkeit, den wissenschaftlichen state of art bei meinem Schreiben zu berücksichtigen.

Da kann der Herausgeber nichts dafür, und daß er sich, wie das Vorwort zeigt, dieser Doppelzüngigkeit, die sein Fach ständig herausfordert, sogar bewußt ist, macht den Band - für Wissenschaftler - doppelt wichtig.

Stefan Schmitzer
5. April 2003

Originalbeitrag

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